Mirko Korder: „Ich wollte und will leben! Welche Alternativen hat man denn?“

ROLLINGPLANET-Interview (Teil 2 und Schluss) mit dem Manager des Rollstuhlbasketballvereins Rhine River Rhinos, der als Kind dreifach amputiert wurde. Vor einem Jahr erkrankte er an Leukämie. Wie geht es weiter? Von Max Kramer

Hat schon verdammt vieles mitmachen müssen: Mirko Korder (Foto: privat)

Hat schon verdammt vieles mitmachen müssen: Mirko Korder (Foto: privat)

Den Anfang verpasst? Hier geht es zu Teil 1 unseres Interviews: Mirko Korder: Der Nashorn-Mann, der nie aufgibt. Niemals.

Im zweiten Teil dieses ROLLINGPLANET-Interviews verrät der 34-jährige Mirko Korder unter anderem, ob er sich schon gefragt hat, warum es immer ihn trifft. Wie ihm der Rollstuhlbasketball dabei hilft, das Leben zu meistern und nicht aufzugeben. Warum er findet , dass wir alle keinen Grund haben zu jammern. Und wie das so mit Gott ist.

Wer oder was gibt Dir in dieser schwierigen Situation Kraft?

Das werde ich diesbezüglich oft gefragt. Für mich stellt sich das Ganze aber ziemlich einfach dar: Welche Alternativen hat man denn? Man kann kraft- und antriebslos, verbittert, traurig, ängstlich oder depressiv sein – trotzdem wacht man jeden Morgen aufs Neue wieder auf. Jede einzelne dieser negativen Emotionen erschwert das Bewältigen des Alltags und ist mehr Qual als Leben.

Ich stand also vor einer Entscheidung: Will ich leben oder sterben? Ich wollte leben! Zudem hat mir sicher mein schwieriger Werdegang geholfen: Ich hatte es noch nie einfach und musste schon früh sowie mehrmals schwerwiegende Schicksalsschläge bewältigen. Natürlich gehört Trauer zum Bewältigen solcher Schicksalsschläge dazu und ist auch vollkommen sinnvoll, notwendig und angebracht. Irgendwann reicht es dann aber auch. Deshalb: Hinfallen, aufstehen, Krone rücken, weitermachen!

Hilft Dir der Sport generell und Rollstuhlbasketball im Speziellen, diesen Schock zu verarbeiten?

Das kann ich eindeutig mit „Ja“ beantworten! In einer derartigen Situation ist es wichtig, schnell wieder in gewisse Strukturen zurückzufinden und eine Aufgabe zu haben, mit der man sich nach der Diagnose ablenken kann. Sport zu therapeutischen Zwecken ist ohnehin oft sinnvoll – jeder Sportler kann das bestätigen. Und: Was gibt es Geileres als das Gefühl, wenn man sich so richtig schön ausgepowert hat? (lacht)

„Der Aufstieg in die 1. Bundesliga wäre mein Vermächtnis“

Ist die Diagnose zusätzliche persönliche Motivation, das mittelfristige Ziel der Rhinos, den Aufstieg in die 1. Liga, so schnell wie möglich zu erreichen? Wäre das, verzeihe uns die verfrühte Begräbnisstimmung, Dein persönliches Vermächtnis?

Diesbezüglich etwas zu überstürzen wäre alles andere als sinnvoll. Ich kann einige Vereine nennen, die letztlich an ihrem Tempo gescheitert sind. Wir verfolgen zwar offen das Ziel 1. Bundesliga, aber uns ist bewusst, dass dafür nicht nur auf dem Court alles passen muss, sondern auch die Strukturen im Umfeld stimmen müssen.

Wollen ganz rauf: Die Wiesbadener Rhine River Rhinos; ganz rechts: Manager Mirko Korder (Pressefoto)

Wollen ganz rauf: Die Wiesbadener Rhine River Rhinos; ganz rechts: Manager Mirko Korder (Pressefoto)

Wir nehmen unsere strategische Ausrichtung sehr ernst; da wäre es doch egoistisch, meine persönlichen Bedürfnisse über die des Vereins zu stellen. Aber ja, ein Vermächtnis wäre es durchaus, und ich bin verdammt stolz auf mich und alle anderen, die am bisherigen Erfolg beteiligt sind. Wir haben hier etwas Tolles aufgebaut und ich bin guter Dinge, dass es die Rhinos noch sehr, sehr lange nach mir geben wird – hoffentlich dann regelmäßig in den Playoffs!

Ist durch die Erkrankung mit Einschränkungen in Deinen Tätigkeiten für die Rhine River Rhinos zu rechnen?

Aus dem Spielbetrieb in der Bundesliga musste ich mich nach der Diagnose als Spieler zurückziehen – die Belastung wäre einfach zu hoch gewesen. Ich wollte mich erst mal auf mich konzentrieren und später war dann der Punch schlichtweg zu hoch, um wieder nahtlos anzuknüpfen. Ich spiele aber nun wieder im Team 2, unserer Regionalligamannschaft, und lasse es langsam angehen.

Und hinter den Kulissen?

Was das Management betrifft, ist es wohl irgendwann so weit, dass ich meine Tätigkeiten nicht mehr im aktuellen Ausmaß ausüben kann. Ich hoffe aber, dass der Grund hierfür mein Ruhestand und nicht die Erkrankung ist. Aber auch hier versuchen wir uns so realistisch und professionell wie möglich aufzustellen, viel im Team zu arbeiten und die Last so gut wie möglich zu verteilen, so dass man einen Verlust, unabhängig von der Funktion und aus welchen Gründen auch immer, noch irgendwie kompensieren kann.

Du hast mit sechs Jahren Deinen Vater verloren, mit 13 Jahren Deine Mutter, und mit 14 Jahren nach einem Stromschlag beide Beine und einen Arm, die amputiert werden mussten. Und nun Lymphdrüsenkrebs. Wie oft hast Du Dir schon die Frage gestellt: Warum ausgerechnet immer ich?

Sehr oft! Vor allem als Jugendlicher hat mich diese Frage sehr beschäftigt, insbesondere nach dem frühen Tod meiner Eltern und meinem Unfall. Nach der Diagnose kamen solche Gedanken natürlich kurzzeitig wieder hoch, jedoch bringen die mich natürlich nicht im Geringsten weiter. Selbstmitleid macht keinen Sinn, weil man sich aus solchen Lebenskrisen nur selbst befreien kann. Sich dabei dann selbst im Weg zu stehen ist idiotisch, deswegen habe ich damit schnell wieder aufgehört.

Glaubst Du an einen Gott?

Ich beneide jeden, der an eine der Weltreligionen glauben kann. Zu wissen, was war und was nach dem Tod kommt, muss wirklich ein befreiendes Gefühl sein – mir persönlich fällt es einfach unheimlich schwer. Ich bin mir aber sehr sicher, dass eine göttliche Kraft existiert, an Zufall glaube ich nicht. Der Beweis für eine göttliche Kraft ist für mich das Leben selbst, die Natur und alles Existierende.

„You can’t stop a running Rhino!“

Mirko Korder hat nur noch einen Arm – der andere wurde ihm ebenso wie beide Beine als Kind amputiert. Bei so wenig verbliebener Haut-Leinwand überlegt man sich vermutlich zwei Mal, was man sich tätowieren lässt. Im Falle von Mirko war es sein Lebensmotto: „You can’t stop a running Rhino!“ (Foto: privat)

Mirko Korder hat nur noch einen Arm – der andere wurde ihm ebenso wie beide Beine als Kind amputiert. Bei so wenig verbliebener Haut-Leinwand überlegt man sich vermutlich zwei Mal, was man sich tätowieren lässt. Im Falle von Mirko war es sein Lebensmotto: „You can’t stop a running Rhino!“ (Foto: privat)

Hast Du ein Lebensmotto, nach dem Du Dein Handeln richtest?

Oh ja! Ich habe es mir sogar auf den Oberarm tätowieren lassen: „You can’t stop a running Rhino!“ Ohne die Rhinos und die damit verbundene Unterstützung, die Aufgaben und Ablenkungen hätte meine Krankheit sicher mehr Raum eingenommen. Das ist das Größte, was ich jemals mit auf die Beine bzw. Räder stellen durfte! Ich bin wahnsinnig stolz auf alle Beteiligten und den Unterstützern unheimlich dankbar. Daraus ist einfach eine geile Sache entstanden. Ich stehe hinter diesem Lebensmotto, der Message und hinter dem Projekt der „Rhinos“ allgemein. Mit allem, was ich bin und was mich ausmacht.

Welchen Rat würdest Du Menschen geben, die sich in einer ähnlichen Situation wie Du befinden?

Wir werden jeden Morgen wieder aufs Neue wach, und jede einzelne negative Emotion erschwert uns doch das Bewältigen des Alltags. Also sei’s drum! Lasst die vermeintlichen Probleme hinter euch, ändern kann man daran manchmal einfach nichts. Macht das Beste daraus und genießt euer Leben, es kann tatsächlich ganz einfach sein.

Vor allem geht es um Entscheidungen: Mein bester Freund – wir kennen uns jetzt schon seit 24 Jahren – hat mir, als es mir zeitweise richtig dreckig ging, Folgendes gesagt: „Du kannst Dir aus diesem Loch nur selbst heraushelfen! Du musst lernen, dass Du der Herr über Deine Gedanken und Gefühle bist. Steh‘ morgen Früh auf und denke einfach mal positiv!“.

Er sollte Recht behalten, das waren Sätze, die mein Leben wirklich verändert haben. Es funktioniert tatsächlich, man kann sich bewusst im Denken steuern, positiv wie negativ. Mein Rat also an alle, die in einer ähnlichen Situation sind: Versucht es nicht nur, sondern denkt einfach positiv, auch wenn alles noch so dunkel erscheint.

So sieht Leidenschaft aus: Ein Rhinos-Fan (Foto: Rhine River Rhinos)

So sieht Leidenschaft aus: Ein Rhinos-Fan (Foto: Rhine River Rhinos)

Ein Rat, der nicht leicht zu befolgen ist, wenn das eigene Leben auf dem Spiel steht.

Klar. Aber: positive Ausstrahlung zieht positive Ereignisse, Menschen und Dinge an, die einem wiederum helfen weiterhin positiv und glücklich durchs Leben zu gehen beziehungsweise zu rollen. Worauf wir uns gedanklich konzentrieren, das erleben und spüren wir. Menschen, die sich für Nichtsnutze oder Pechvögel halten, suchen täglich nur diese Bestätigung, sind nur auf Negatives fixiert und blenden das Erfreuliche aus.

Das Gleiche gilt auch umgekehrt: Menschen die sich für Glückspilze halten, sind wiederum auf alles Positive fixiert und nehmen deshalb viel öfter erfreuliche Dinge wahr. Dazu fällt mir dieser Spruch von Buddha ein: „Es gibt keinen Weg zum Glücklichsein. Glücklichsein ist der Weg.“ Man muss sich zudem in der Welt nur umschauen, wir vergessen oft, was es heißt, wirkliche Probleme zu haben. Es gibt Länder, deren Einwohner total verzweifelt sind und nicht mehr wissen, was sie machen sollen, da sie schon seit Tagen nichts mehr gegessen haben oder keine notwendige medizinische Versorgung zur Verfügung haben. Haben wir dagegen wirklich Probleme? Ich denke nicht.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft Deines Herzensvereins, den Rhine River Rhinos?

Natürlich www.rollingplanet.net als neuen Sponsor gewinnen! Ich weiß zwar nicht, inwiefern Ihr Rollstuhlsport unterstützt, aber wenn das noch nicht der Fall sein sollte, wird’s Zeit! (lacht)… Im Ernst, für die aktuelle Saison benötigen wir ein enorm hohes Budget und falls uns der Aufstieg gelingen sollte, dann müssen wir auch nochmal eine Schippe drauflegen. Deswegen wäre mein Wunsch für unsere Rhinos, dass wir noch den einen oder anderen größeren Sponsor, Förderer und Partner gewinnen, um diese benötigten Mittel auch langfristig gewährleisten zu können und um dadurch unseren Traum von der Etablierung in der 1. Bundesliga am Leben zu erhalten.

Dieser Traum ließe sich auch leichter verwirklichen, wenn unser Verein weitere talentierte Spieler nach Wiesbaden holen könnte, die hier auch berufliche gute Chancen hätten. Deshalb sind wir auch auf der Suche nach Unternehmen, die einen Menschen mit Behinderung zum Beispiel im kaufmännischen Bereich einstellen würden.

Herzlichen Dank für das Gespräch und beruflich, vor allem aber persönlich und gesundheitlich alles Gute!

(RP)

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1 Kommentar

  • Micha

    Meine allerhöchste Hochachtung für diese Einstellung!

    17. November 2015 at 13:07

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