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Mit 100.000 Euro dotierter Alzheimer-Forschungspreis 2012 vergeben

Die Professoren Dr. Thomas Misgeld (Technische Universität München) und Dr. Boris Schmidt (Technische Universität Darmstadt) haben den diesjährigen Alzheimer-Forschungspreis der Frankfurter Hans und Ilse Breuer-Stiftung erhalten.

Prof. Dr.-Boris Schmidt und Prof. Dr. Thomas-Misgeld sind die Alzheimer-Forscher des Jahres

Der Preis wurde am 21. November anlässlich der Eibsee-Konferenz „Zelluläre Mechanismen der Neurodegeneration“ zum achten Mal in Folge verliehen und ist die höchst dotierte Auszeichnung für Alzheimer-Forschung in Deutschland.

„Die Hans und Ilse Breuer-Stiftung will mit der diesjährigen Auszeichnung von Thomas Misgeld und Boris Schmidt deren bahnbrechenden Entdeckungen ins Zentrum rücken, die von größter Wichtigkeit für therapeutische Ansätze zur Bekämpfung von Alzheimer und Amyotrophe Lateral Sklerose sind“, so Professor Dr. Christoph Hock von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich, Kuratoriumsmitglied der Stiftung. In der Begründung zu den beiden Wissenschaftlern, die das Preisgeld von 100.000 Euro teilen, heißt es:

Professor Dr. Thomas Misgeld

erhält die begehrte Auszeichnung für seine Forschung zum Aufbau und Zerstörung der Nervenverbindungen im Gehirn.

Nervenzellen kommunizieren untereinander über teilweise sehr lange Fortsätze, die Axone. Für ein funktionierendes Gehirn müssen unendlich viele Nervenzellen über solche Axone korrekt miteinander verbunden und fehlerhafte Verknüpfungen wieder gelöst werden.

Der 1971 geborene Wissenschaftler untersucht diesen äußerst komplizierten Vorgang im lebendigen Gehirn von Tiermodellen, vor allem bei Mäusen, aber auch bei Zebrafischen. Er hat dafür mikroskopische Techniken entwickelt, die es ihm erlauben, mit Hilfe von Lasern beispielsweise die Energiekraftwerke der Zellen, die Mitochondrien, sichtbar zu machen. Diese Techniken ermöglichen ihm auch, den Transport dieser Kraftwerke durch die langen Axone zu beobachten und dessen Geschwindigkeit exakt zu messen.

Früh schon hat der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler festgestellt, dass seine Forschungsergebnisse nicht nur für das normal funktionierende gesunde Gehirn von größter Relevanz sind, sondern dass seine Ergebnisse auch auf viele Demenzerkrankungen wie Alzheimer und Amyotrophe Lateral Sklerose (ALS) übertragbar sind.

Dabei wird der Transport der Energiekraftwerke durch die Axone verlangsamt und es kommt zu einem Transportstau, der dann zum Absterben der Axone führt. Professor Misgeld fand heraus, dass Radikale, extrem reaktive und hoch toxische Verbindungen, das Absterben der Axone einleiten. Er entdeckte aber auch, dass dieser Vorgang mit „Radikalfängern“ gestoppt werden kann und reversibel ist.

Misgeld studierte Medizin an der TU München. 1999 promovierte er am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried, ist seit 2009 Professor für Biomolekulare Sensoren an der TU München und gehört dem Zentrum für integrierte Proteinforschung München (CIPSM) an. Er hat bereits mehrere wichtige Forschungspreise erhalten, unter anderem den Wyeth MS Young Investigator award (2004), den Robert-Feulgen-Preis (2005), den Sofja-Kovalevskaja-Preis (2006) und den Schilling-Preis (2007).

Professor Dr. Boris Schmidt

erhält den Forschungspreis der Breuer-Stiftung in Anerkennung seiner hervorragenden Arbeiten auf dem Gebiet der Wirkstoffforschung gegen pathologische Proteinablagerungen der Alzheimer-Krankheit und anderer neurodegenerativer Erkrankungen.

Der 1962 geborene Boris Schmidt, der seit 2001 Professor für Organische Chemie an der TU Darmstadt ist, hat in Hannover Chemie studiert und sich anschließend auf Fragen der organischen Chemie und Wirkstoffentwicklung spezialisiert. Nach Aufenthalten in verschiedenen Forschungsinstituten in USA und Europa begann seine Beschäftigung mit neurodegenerativen Erkrankungen in der pharmazeutischen Industrie als Gruppenleiter bei Novartis in Basel.

Seit dieser Zeit zielt seine Forschung auf zentrale Fragen der Alzheimer-Krankheit ab. Dort verklumpen („aggregieren“) bestimmte Proteine wie A-beta oder Tau und zerstören damit Nervenzellen. Die Proteine werden außerdem anomal modifiziert, beispielsweise durch Abspaltung oder chemische Veränderung durch Phosphatgruppen. Deshalb spielen die verantwortlichen Enzyme (Proteasen, Kinasen) eine zentrale Rolle in der Ursachenforschung: Kann man diese Prozesse durch maßgeschneiderte Wirkstoffe unterbinden? Kann man die pathologischen Reaktionen im Gehirn durch neuartige Kontrastmittel sichtbar machen?

Im Fall von A-beta gelang es Boris Schmidt und seinem Team in beeindruckender Weise, neue Hemmstoffe gegen die Aggregation zu entwickeln sowie Inhibitoren der „Sekretase“-Enzyme, durch die das A-beta aus dem Vorläuferprotein APP herausgeschnitten wird. Der chemische Trick ist dabei, nicht nur Moleküle zu finden, die die erwünschte Wirkung haben, sondern sie auch so zu modifizieren, dass sie die Blut-Hirn-Schranke passieren, weil sie erst dann an ihre Wirkstätte gelangen. Außerdem dürfen die Substanzen nicht selbst toxisch sein und Nebenwirkungen erzeugen. Im Fall von Tau-Protein geht es ebenfalls um die Verhinderung der Aggregation sowie um die Hemmung von Proteinkinasen, die die anomale Phosphorylierung hervorrufen. Hier gelang es dem Wissenschaftler, hochspezifische Hemmstoffe zu finden, die nur das Ziel-Enzym herunterregeln, aber nicht die zahlreichen verwandten Proteinkinasen.

Parallel zu diesen Ansätzen, die auf die Therapie der Krankheiten ausgerichtet sind, beschäftigt sich Professor Schmidt intensiv mit der Entwicklung von neuen Marker-Verbindungen, die spezifisch an die pathologischen Aggregate im Gehirn andocken und sie mit Hilfe von modernen klinischen Abbildungsmethoden (beispielsweise PET, MRT) sichtbar machen.

Dies dient der Diagnose, die gerade für die langsam fortschreitenden Veränderungen im Gehirn möglichst früh gestellt werden muss, um therapeutische Maßnahmen einzuleiten. Dabei liegt die Herausforderung darin, nur die Zielsubstanzen kontrastreich darzustellen, andere Gehirnstrukturen aber nicht. Diese Beispiele belegen die außerordentlich wichtige Funktion der zielgerichteten chemischen Wirkstoffforschung an der Schnittstelle zwischen der klinischen Diagnose und Therapie einerseits sowie der biomedizinischen Grundlagenforschung andererseits, ohne die neue Durchbrüche bei der Bekämpfung der Alzheimer-Krankheit und anderer neurodegenerativer Erkrankungen nicht denkbar sind.

Die Hans und Ilse Breuer-Stiftung

wurde im Jahr 2000 von dem Unternehmer Hans Breuer gegründet. Ein wichtiger Impuls für die Gründung der Stiftung ging von den leidvollen Erfahrungen aus, welche die Familie Breuer selbst mit der Alzheimer-Krankheit machen musste. Sowohl die Belastungen und Schwierigkeiten im Umgang mit der Krankheit und ihren Symptomen, als auch das Gefühl, ihr machtlos ausgeliefert zu sein, haben Hans Breuer und seine Familie dazu veranlasst, sich der Thematik anzunehmen und sich im Kampf gegen Alzheimer und andere Demenzkrankheiten zu engagieren. Website: www.breuerstiftung.de

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