Mit dem E-Rollstuhl: Tour für ein gerechtes Bundesteilhabegesetz. Was hat sie wirklich gebracht?

Für eine wichtige Sache vom Bodensee bis nach Berlin: Im ROLLINGPLANET-Interview zieht Oliver Straub Bilanz seiner spektakulären Aktion und sagt, wie es jetzt weitergehen muss.

Da kommt er gleich...

Da kommt er gleich…

...Oliver Straub legte mit dem E-Rolli 675 Kilometer zurück

…Oliver Straub legte mit dem E-Rolli 675 Kilometer zurück

Es war eine vielbeachtete Tour: Vom 20. August bis zum 7. September 2015 war der 33-jährige Oliver Straub mit abwechselnd drei Elektrorollstühlen auf einer Strecke unterwegs, die ihn durch zehn Städte führte, um für ein gerechtes Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderung zu werben. Das Thema ist aktueller denn je – denn das Gesetz ist zwar für 2016 angekündigt, doch ob es wirklich so konsequent sein wird, wie von Behindertenverbänden gefordert, ist mehr als fraglich.

Insgesamt 675 Kilometer legte Straub, der seit 2003 nach einem Badeunfall querschnittgelähmt ist, zurück. Im ROLLINGPLANET-Interview erzählt der ehemalige Maurer, was seine politische Botschaft ist, warum ein Kratzer an seinem Allerwertesten fast seine Aktion verhindert hätte, wieso es keine gute Idee ist, mit Karacho in die Berliner U-Bahn „einzusteigen“, und was privat sein größter Wunsch ist. Die Fragen stellte Lothar Epe.

Interview: „Es wird jetzt allerhöchste Zeit“

Oliver Straub

Oliver Straub

Warum ist für Dich ein gerechtes Bundesteilhabegesetz, auf das Du ja mit Deiner Tour aufmerksam gemacht hast, das wichtigste sozialpolitische Reformprojekt der laufenden Legislaturperiode?

Es wird jetzt einfach mal allerhöchste Zeit, dass die Rechte der 7,5 Millionen Behinderten Menschen in Deutschland, also fast zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, konsequent an die UN-Behindertenrechtskonvention angepasst werden. Die hat Deutschland ja schließlich schon 2009 (!) unterschrieben und damit offiziell anerkannt. Auch der Prüfungsausschuss der UN-Behindertenrechtskonvention hat deutlich gemacht, wie miserabel Deutschland hier in Wirklichkeit da steht.

Und dann wäre die Tour fast ausgefallen. Was ist passiert?

Kurz vor der Tour habe ich mir durch ein Missgeschick einen Kratzer am Allerwertesten zugezogen, der sich zum Dekubitus (offene Hautstelle) entwickelte und operativ behandelt werden musste.

Wie lange warst Du im Krankenhaus?

Insgesamt fünf Wochen, davon allein drei Wochen nach der Operation, liegend auf einer Spezialmatratze.

Bemerkenswert: Der Rehahilfsmittelhersteller Permobil sponserte Oliver Straub.

Bemerkenswert: Der Rehahilfsmittelhersteller Permobil sponserte Oliver Straub.

Großes Medieninteresse: Oliver Straub im Radiostudio.

Großes Medieninteresse: Oliver Straub im Radiostudio.

Gut, dass es dann doch noch geklappt hat. Denn Du hast ja mit Deiner Tour vor allem in den regionalen Medien eine große Resonanz erzeugt. Oder hätte es dann doch noch ein bisschen mehr sein können?

Na ja, die Aufmerksamkeit war schon ziemlich groß. Wie viel es letztlich gebracht hat, kann man noch nicht sagen. Aber wir müssen die Diskussion auf jeden Fall am Laufen halten, wenn nötig mit weiteren Aktionen.

Welche Politiker haben sich denn eigentlich blicken lassen?

Ankunft in Berlin.

Ankunft in Berlin.

Empfang von Verena Bentele (2.v.l.) für Oliver Straub (3.v.l.); hintere Reihe, 2.v.r.: Ottmar Miles-Paul, Initiator der Kampagne Teilhabegesetz.org; ganz rechts und vorne: Raul Krauthausen.

Empfang von Verena Bentele (2.v.l.) für Oliver Straub (3.v.l.); hintere Reihe, 2.v.r.: Ottmar Milus-Paul, Initiator der Kampagne Teilhabegesetz.org; ganz rechts und vorne: Raul Krauthausen.

Oliver Straub mit Ulla Schmidt, Vizepräsidentin des Bundestages.

Oliver Straub mit Ulla Schmidt, Vizepräsidentin des Bundestages.

In Berlin wurde ich von der Bundesbehindertenbeauftragten Verena Bentele empfangen. Auch der Abteilungsleiter des BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales), Dr. Schmachtenberg, war dabei. Außerdem 14 Bundestagsabgeordnete. Das war vor dem Paul-Löbe-Haus. Und zum Schluss wurde ich auch noch von der Vizepräsidentin des Bundestages, Ulla Schmidt, im Paul-Löbe-Haus empfangen.

Kompliment!

Ja, Ottmar Miles-Paul, der Initiator der Kampagne Teilhabegesetz.org, war auch ganz verblüfft und hat gesagt: „Noch nie waren so viele Abgeordnete auf einmal bei einer solchen Aktion mit anwesend“.

Flüchtlinge und Behinderte

Du hast Dich auf Deinem Blog gefragt, wie es möglich sei, für die Flüchtlingsproblematik über Nacht Milliardenbeträge im Haushalt locker zu machen, die Politik aber bei den Behinderten sparen wolle. Und ob Behinderte denn weniger wert seien als Flüchtlinge. Könnte hier nicht der Eindruck entstehen, die eine Gruppe von Benachteiligten werde gegen eine andere ausgespielt?

Ich hoffe nicht! Jedenfalls war das völlig anders gemeint. Damit wollte ich nur sagen, dass die Menschenwürde und die Rechte der Flüchtlinge und der Behinderten dieselben sind. Deshalb darf auf keinen Fall aufgrund anstehender Mehrkosten bei der einen Gruppe das wieder eingespart werden, was für die andere Gruppe zusätzlich ausgegeben wird.

Du befürchtest also, dass sich durch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen das für das Bundesteilhabegesetz vorgesehene Budget verschlechtern könnte und deshalb nur ein „Gesetzchen“ dabei heraus kommen könnte?

Was ich auf jeden Fall erwarte, sind deutliche Verbesserungen. Auch Ulla Schmidt hält die Abschaffung der Einkommens- und Vermögensgrenze für dringend notwendig und macht uns damit Hoffnung. Sie hat aber ehrlicherweise auch betont, dass es sehr schwierig werde, das Ziel in der von uns gewünschten Form zu erreichen. Und dass das möglicherweise in mehreren Schritten geschehen müsse.

Die Toilette und der Assistent waren immer dabei...

Die Toilette und der Assistent waren immer dabei…

Ich will da jetzt noch mal nachbohren. Herr Schäuble soll ja angekündigt haben, wegen der hohen unerwarteten Kosten für die Flüchtlingsproblematik an anderen Positionen im Haushalt Milliarden einsparen zu wollen. Fürchtest Du denn jetzt, dass die Finanzierung des Bundesteilhabegesetzes davon negativ betroffen sein wird oder nicht?

Das wäre jedenfalls ein Skandal. So viel steht jedenfalls fest: Die steuerlichen Mehreinnahmen des Staates allein im August diesen Jahres lagen meines Wissens bei etwa sechs Milliarden, die Konjunktur brummt nach wie vor und die Haushaltslage ist Dank der Mehreinnahmen des Bundes so gut wie lange nicht mehr. Da müsste es doch locker möglich sein, auch ein gutes Bundesteilhabegesetz hinzubekommen!

Haben Dir die vielen Gespräche auf der Tour in Bezug auf das geplante Bundesteilhabegesetz eigentlich zusätzliche Erkenntnisse gebracht?

Auf jeden Fall. Eine wichtige Erkenntnis: Es wird wirklich schwer, die komplette Abschaffung der Einkommens- und Vermögensanrechnung zu erreichen. Wenn der Gesetzesentwurf im Dezember aber schlecht für uns ausfällt, dann sollten wir uns zusammen tun, so wie 1977 die Independent-Living-Bewegung in den USA, und mit landesweiten Sitzstreiks und ähnlichen Aktionen zum Beispiel vor Regierungsgebäuden für unsere Rechte kämpfen, um so noch rechtzeitig vor der Verabschiedung des Bundesteilhabegesetz genügend öffentlichen Druck aufzubauen.

Der Aktivist ließ es sich nicht nehmen, die Natur zu genießen.

Der Aktivist ließ es sich nicht nehmen, die Natur zu genießen.

Abenteuer Wald..

Abenteuer Wald..

Auch das gehörte zur Tour: Mit dem E-Rolli festzustecken.

Auch das gehörte zur Tour: Mit dem E-Rolli festzustecken.

Welche Erlebnisse haben Dich auf Deiner Tour am meisten beeindruckt?

Das waren vor allem zwei Dinge: Zum einen die Strecken abseits befestigter Straßen mitten in der Natur und natürlich der Empfang in Berlin.

Du bist ja sehr abenteuerlustig und hast da ja schon einiges „auf dem Kerbholz“. Würdest Du sagen, dass die Tour in Deiner bisherigen „Behindertenkarriere“ das größte Abenteuer war?

Bis jetzt auf jeden Fall. Und das Abenteuer geht ja weiter!

Gab es auf der Tour eigentlich irgendwelche Zwischenfälle?

Der Hinterreifen aus Vollgummi ist mir mal in der Mitte durchgebrochen, weil die Wege abseits befestigter Straßen manchmal mehr was für Mountainbiker als für einen Elektrorollstuhl sind. Zum Glück passierte das an einer Stelle, wo wir mit dem Begleitfahrzeug die Rollstühle tauschen konnten. Und einmal habe ich die Kapazität der Batterien falsch eingeschätzt, und mein Assistent musste mich kurz vor Potsdam zirka einen Kilometer aus dem Wald wieder raus schieben.

Wir sind ein bisschen enttäuscht. Das war’s schon?

Naja, ich hätte da noch meinen rechten großen Zeh im Angebot. Den habe ich mir beim „Einstieg“ in die U-Bahn in Berlin ordentlich verzerrt, als ich mit Schmackes in die U-Bahn reingefahren bin. Inzwischen weiß ich jedenfalls: Das sollte man besser lassen!

Oder Raul Krauthausen fragen? Der weiß sicher, wie das in Berlin mit dem Einstieg in die U-Bahn funktioniert.

Gute Idee.

Jetzt sind Sie in Sachsen!

Jetzt sind Sie in Sachsen!

Apropos Abenteuer: Was sind Deine nächsten Pläne?

Nächstes Jahr würde ich gerne mit dem Rollstuhl über die Alpen fahren und, je nachdem, wie der Gesetzesentwurf ausfällt, kommt vielleicht noch die ein oder andere Aktion für das Teilhabegesetz dazu.

Wenn Du es in einem Satz zusammenfassen wolltest: Wie fällt Dein Resümee zur Tour aus?

Es lohnt sich, für ein Abenteuer den Mut und die Arbeit auf sich zu nehmen, um daran zu wachsen und für eine Sache zu kämpfen.

Abgesehen von der Tour und Deinem Wunsch nach einem gerechten Bundesteilhabegesetz: Was ist privat Dein größter Wunsch?

Ein glückliches und erfülltes Leben an der Seite einer wundervollen Frau.

Danke für Deine Zeit und viel Erfolg bei Deinen nächsten Abenteuern.

Eine umfangreiche Bildergalerie zu Oliver Straubs Tour finden Sie ab nächster Woche in der ROLLINGPLANET-Rubrik Guck mal.

(RP)

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