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Mit Down-Syndrom aufs Gymnasium? Warum eigentlich nicht?

Henris Grundschulleiter kritisiert scheinheilige Debatte mit vielen Vorurteilen: „Man möchte Inklusion, aber man schafft nicht die Voraussetzungen dafür.“

Der Viertklässler Henri macht bundesweit Schlagzeilen (Foto: dpa)

Der Viertklässler Henri macht bundesweit Schlagzeilen (Foto: dpa)

Wochenlang hat Kirsten Ehrhardt gekämpft. Immer wieder gab sie Fernsehinterviews, schrieb Pressemitteilungen und telefonierte mit Journalisten. Die bundesweite Aufmerksamkeit ist ihr sicher, aber ihr eigentliches Ziel hat sie verfehlt: Ihr geistig behinderter Sohn Henri darf nach den Sommerferien nicht aufs Gymnasium in seinem Heimatort Walldorf bei Heidelberg gehen, auf das die meisten seiner Freunde in die fünfte Klasse wechseln. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) will das Gymnasium nicht zwingen, den Elfjährigen aufzunehmen. Die Schule hatte sich vehement gewehrt.

Die Entscheidung des Ministers ist hoch politisch, weil die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg im Koalitionsvertrag versprochen hat, Eltern von behinderten Kindern ein Wahlrecht einzuräumen. Jetzt gibt es zwar eine Entscheidung – aber keine Lösung.

Theorie und Praxis

Der Fall zeigt, wie viele offene Fragen der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Schülern in der Praxis aufwirft. Das Thema Inklusion haben alle Länder auf der Agenda. Doch bei den Feinheiten hakt es. Die Inklusion körperlich behinderter Kinder ist an vielen Gymnasien längst Normalität, auch an der Wunschschule von Henris Eltern. Doch im Walldorfer Fall geht es um einen geistig Behinderten, der wohl nie Abitur machen könnte. Mutter Ehrhardt weiß das, aber darum geht es ihr nicht. „Wir möchten einfach unsere inklusive Klasse fortsetzen, hier am Ort“, sagt sie.

Kirsten Erhardt mit ihrem Sohn Henri (Foto: Privat/dpa)

Kirsten Erhardt mit ihrem Sohn Henri (Foto: Privat/dpa)

Doch einfach schien nichts in den vergangen Wochen. Und auch nach der Entscheidung des Kultusministeriums ist unklar, wie es mit Henri weitergeht. Der einzige Kompromiss war für Ehrhardt bislang die Realschule im selben Schulzentrum, doch die entschied sich ebenfalls gegen ihren Sohn. Und auch hier möchte das Kultusministerium nicht auf Zwang setzen. Inklusion um jeden Preis soll es auch nicht sein.

Henris Grundschulleiter ergreift Partei für Henri

Das Thema ist bundesweit ein Aufreger – für beide Seiten. ROLLINGPLANET hatte sich bereits früh festgelegt: Der Inklusionsskandal von Walldorf, urteilten wir im März. Viele Unterstützer von Henris Eltern werfen Skeptikern Behindertenfeindlichkeit vor und dem Walldorfer Gymnasium Dünkel. Ulla Schmidt (SPD), Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, hat heute Modellversuche gefordert und den Parteikollegen Stoch kritisiert.

Eine Petition für den Gymnasialbesuch des Jungen hat mehr als 25.000 Unterstützer. Die Gegenpetition bringt es auf immerhin gut 3700. Hier heißt es: „Henri sollte für sein und das Wohl aller nicht auf das Gymnasium gehen.“ Viele sehen in dem Fall einen Gradmesser, wie weit die Gesellschaft in Sachen Inklusion schon ist.

Nicht sehr weit, findet Henris Grundschulleiter Werner Sauer. „Was mich gestört hat ist, dass Leute zu Wort kommen, die gar nichts von der Sache verstehen“, sagt er. „Es wurde gleich schweres Geschütz aufgefahren. Da sind Gräben aufgerissen worden.“ Die Debatte sei sehr enttäuschend verlaufen. „Es ist eine ganz scheinheilige Diskussion: Man möchte Inklusion, aber man schafft nicht die Voraussetzungen dafür.“

Der Fall beweist: Es gibt immer noch viele Vorurteile

Es seien viele Vorurteile hochgekommen, etwa, dass behinderte Kinder den Unterricht aufhielten und leistungsstärkere Schüler ausbremsten, sagt Sauer. Der Zugewinn an Sozialkompetenz für die Kinder sei kaum Thema gewesen. Sauer ärgert sich, dass er vier Jahre lang Vorarbeit geleistet hat und jetzt keine Lösung für Henri in Sicht ist. „Es kann nicht nach der Grundschule einfach zu Ende sein.“

Das Walldorfer Gymnasium ist seit Wochen in der Defensive. Nach der Entscheidung ist die Vorsitzende des Elternbeirats erleichtert. Die Anfeindungen gegen die Schule seien nur schwer zu ertragen und sehr verletzend gewesen. Momentan sei das Gymnasium einfach noch nicht dafür ausgestattet, ein Kind mit einem anderen Bildungsziel als dem Abitur zu unterrichten, sagt Regina Roll. In einigen Jahren sehe das sicher ganz anders aus.

(RP/Christine Cornelius/dpa)

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7 Kommentare

  • Chorist

    Die Anfeindungen gegen die Schule seien nur schwer zu ertragen und sehr verletzend gewesen. – Was glaubt dieser Mensch, wie es Henri geht?

    Was wird sich in ein paar Jahren geändert haben, was wurde in den letzten vier Jahren getan? Immerhin ist es doch absehbar gewesen. Man muss jetzt gehen und dabei lernen. wenn man es in den letzten Jahren schon versäumt hat. Ewig aufschieben, nichts tun und warten verbessert nichts.

    16. Mai 2014 at 23:19
  • Mrhansa CG

    IN einem SPIEGEL ONLINE Artikel gab die Mutter selber zu, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schaffen wird . Tut mir leid sowas ist Gaga. Soll man Kinder nicht vorbereiten , dass sie später so gut wie möglich alleine klar kommen? Das wird er dort nicht erreichen.

    17. Mai 2014 at 09:50
  • Doris

    Vor noch nicht all zu langer Zeit habe ich gelesen, dass eine Gastarbeiterin hören musste: „Warum wollen Sie ihr (hochbegabtes) Kind denn ins Gymnasium schicken, Es werden doch auch Handwerker gebraucht.“
    Aber dieser Junge soll Partout „aufs“ Gymnasium weil seine Eltern zu reich sind, um sich eine andere Ausbildung vorzustellen. Dabei ist noch nicht einmal sichergestellt, dass er ein sicheres Gleichgewichtssystem hat und nicht runter fällt.
    Aber Scherz beiseite – der Ausdruck „aufs Gymnasium“ sagt schon ziemlich deutlich, dass das was höheres Ist als z.B. eine Gesamtschule.
    Mich erschreckt es schon sehr, dass sogar hier dieses Schulsystem fraglos akzeptiert wird und es nur noch mehr an die Einkommensverhältnisse der Eltern angepasst werden soll.
    Da hat ein hochbegabtes Kind armer Leute überhaupt keine Chance mehr!

    17. Mai 2014 at 16:03
  • Mir

    Wenn das von Doris genannte Kind von Einwanderern zielgleich am Gymnasium beschult werden kann, dann sollte das auch möglich sein! Ich finde, dass es für das Individuum und die Gesellschaft wichtig ist, dass jeder sein Potential ausschöpfen kann.

    Und bei Henri ist das ebenso. Nur was scheinbar häufig nicht verstanden wird: Bei Henri geht es nicht darum, dass er zielgleich unterrichtet wird (obwohl es natürlich auch Menschen mit Trisomie 21 geben könnte, die zielgleich Abitur machen könnten – das sollten sie dann auch tun dürfen!). Bei Henri geht es um zieldifferenten Unterricht – das Abitur ist nicht das Ziel, sondern gesellschaftliche Teilhabe und so viel Allgemeinbildung, wie individuell für Henri möglich. Und für die soziale Teilhabe ist dieses Gymnasium entscheidend, weil der Großteil von Henris Klassenkameraden dort ist.

    Und auch Gymnasiasten tut Inklusion sicherlich gut, auch sie können lernen, mit menschlicher Vielfalt umzugehen, sie wertzuschätzen und sich anzupassen etc.

    Mir ist nicht klar, was der Gleichgewichtssinn mit der Beschulung zu tun hat. Und es gibt Menschen, die Probleme mit dem Gleichgewicht haben, aber das hat doch nichts mit der Intelligenzleistung zu tun, dann brauchen sie ggf. passende Hilfsmittel und eine entsprechend angepasste Umgebung.

    18. Mai 2014 at 17:32
  • Anonym

    Kein Kind, weder Behindert noch Nichtbehindert sollte das Recht erhalten eine höhere Schule besuchen zu dürfen ohne die Möglichkeit das dortige Lernziel zu schaffen!
    Wenn es dazu kommt das fortan jeder nur um bei seinen Freunden zu bleiben darauf bestehen kann ein Gymnasium oder eine Realschule zu besuchen obwohl man das Lernziel und den Anforderungen sowiso nicht gerecht werden kann dann wäre das ein wahres Armutszeugnis für Deutschland!
    Dann könnte man gleich jeden auf jede Schule lassen ohne auf Noten oder Lerziele zu achten!
    Das Verhalten der Mutter finde ich in diesem Fall egoistisch!

    18. Mai 2014 at 19:07
  • Handbiker

    Der Hauptrund warum dieser Henri auf das Gymnasium wechseln soll, ist der Wechsel der meisten seiner Grundschulfreunde auf das Gymnasium. Im wirklichen leben ist esmvöllig normal, daß Kinder nach der Grundschulzeit ihre eigen Wege gehen und Freunde sich aus den Augen verlieren. Dieses Kind Henri, nur weil die Inklusion in seiner Grundschule so schön war vor diesem Verlust zu schützen, ist nicht nur egoistisch, es ist auch ziemlich unpädagogisch. Kinder brauchen solche Erfahrungen. Es macht sie stark. Wie alle Kinder, wird auch dieser Henri auf seiner neuen Schule ziemlich schnell neue Freunde finden und den Verlust seiner Grundschulklasse schnell vergessen.

    21. Mai 2014 at 08:11
  • Viktor

    Die Ablehnung der Schule hat nichts mit Diskriminierung zu tun. Das Problem bei der Sache ist, dass Henri dem Unterricht nicht folgen könnte und es für das Kind besser wäre auf eine Förderschule zu gehen (und gefördert zu werden) anstatt aufs Gymnasium (und überfordert zu werden). Auf einer Förderschule könnte er neue Freunde finden, ein Schritt der für jedes Kind in dem Alter wichtig ist, ob mit oder ohne körperlicher oder geistiger Behinderung.

    4. Juni 2014 at 23:19

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