Mit einem Rollifahrer als Co-Kommissar: Heike Makatschs „Tatort“-Premiere

Die 44-Jährige gibt ihren Einstand in der ARD-Krimireihe. Neben ihr rollt Max Thommes. Zu sehen in einem Special am Ostermontag.

Heike Makatsch als Hauptkommissarin Ellen Berlinger bei ihrem ersten Einsatz in Freiburg. (Foto: SWR/Ziegler Film)

Heike Makatsch als Hauptkommissarin Ellen Berlinger bei ihrem ersten Einsatz in Freiburg. (Foto: SWR/Ziegler Film)

Heike Makatsch löst ihren ersten Fall. Als neue „Tatort“-Kommissarin ermittelt sie in Freiburg. In Deutschlands südlichster Großstadt jagt die 44-Jährige als schwangere Kommissarin Ellen Berlinger einen Mörder – und gibt damit ihren Einstand in der ARD-Krimireihe. Für die Schauspielerin und auch den Sender ist es ein Test. Geplant ist zunächst nur eine Folge. Gesendet wird sie als „Tatort“-Special am Ostermontag (28. März), 20.15 Uhr, in der ARD. Schalten genügend Zuschauer ein, könnte es eine Fortsetzung geben.

Regie führte in Freiburg Katrin Gebbe. Nach ihrem viel beachteten Spielfilmdebüt „Tore tanzt“ ist es ihr erster „Tatort“. Premiere hat auch Max Thommes. Er ist der Assistent der Ermittlerin. Und spielt, ungewöhnlich im „Tatort“, einen Kommissar im Rollstuhl (ROLLINGPLANET berichtete).

Rollstuhlfahrer und „Tatort“
Er sorgte für den krachenden Showdown im „Tatort“-Film „Lu“ (2015): Hendrik Heutmann erschießt als körperlich behindertes, sabberndes Prügel-Opfer seinen Peiniger. In der Rolle des Rollstuhlfahrers „Michi“ spielte der Theater-Star aus Freiburg seine prominenten Kollegen Jürgen Vogel und Kommissarin Ulrike Folkerts „an die Wand“, lobte „Bild“.
Im Wiener „Tatort“ mit dem Titel „Deckname Kidon“ (2015) ermitteln Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) in bester James-Bond-Manier. In einem Wiener Nobelhotel stürzt der iranische Diplomat und Atomphysiker Dr. Bansari aus dem obersten Fenster – doch was erst nach Selbstmord aussieht, ist eiskalter Mord. Mindestens genauso wie für die Auflösung interessierten sich viele der 8,4 Millionen Zuschauer für die Frage, warum die Filmtochter von Eisner, Claudia – gespielt von Tanja Raunig –, im Rollstuhl sitzt (stößt sich gleich in der ersten Szene eine Nadel tief in die gefühllosen Beine). Echte „Tatort“-Fans wussten aber natürlich, warum: Im vorangegangen Fall „Abgründe“ (2014) war die junge Frau in einem Auto verunglückt.
Rollstuhlfahrerin Christiane Link kritisiert in ihrem Blog auf „Zeit Online“ („Nichtbehinderte Schauspieler – ziemlich schlechte Rollstuhlfahrer“) Darstellerin Raunig: „Es ist einfach zu offensichtlich, dass die Frau, die da spielt, gelähmt zu sein, es eben nicht ist. Sie bewegt ihre Beine unnatürlich oder auch unnatürlich nicht. Und vor allem fährt sie Rollstuhl wie der erste Mensch. Das liegt auch daran, dass sie in einem Rollstuhl sitzt, der für sie viel zu groß ist. (…) Ich erkenne nichtbehinderte Schauspieler, die behinderte Menschen spielen, so gut wie immer. Das ist auch bei den angehenden Sozialpädagogen und Freiwilliges-Soziales-Jahr-Absolvierern so, die einen Nachmittag im Rollstuhl durch die Stadt fahren, um mal zu sehen ,wie das so ist im Rollstuhl‘. Die sitzen auch immer in viel zu großen Rollstühlen, können kaum damit umgehen und man wartet förmlich jede Sekunde darauf, dass sie aufspringen und den Rollstuhl eine Bordsteinkante hochheben, weil sie sonst nicht drüber kämen. So wirken auf mich die meisten nichtbehinderten Schauspieler auch, die im Film Rollstuhlfahrer spielen. Es gibt nur einige wenige Ausnahmen, bei denen das nicht so ist. Patrick Bach in ,Anna‘ fand ich beispielsweise großartig.“
Im Stuttgarter „Tatort“ „Bienzle und der süße Tod“ (2002) stirbt ein Junge. Der 8-jährige Sascha Reimer war zusammen mit seiner Babysitterin, die auch gleichzeitig seine Tante ist, zuhause gewesen, als er plötzlich zusammenbrach. Sonja Brandstätter, die Tante, hatte zuerst nicht begriffen, dass es sich um einen ernsthaften Kollaps handelte, und als Sascha schließlich im Krankenhaus in Stuttgart ankommt, können die Ärzte sein Leben nicht mehr retten. Bettina Kupfer überzeugte als Ariena Reimer, die wegen einer schweren Muskelerkrankung ihren Job als Pianistin aufgeben musste und jetzt im (für sie nicht zu großen) Rollstuhl sitzt – und die ihrer Schwester Sonja die Schuld an Saschas Tod gibt. Klar, dass Dietz Werner Steck als Kommissar Ernst Bienzle den Fall löst.
Bettina Kupfer als Rollstuhlfahrerin Ariena Reimer (Foto: iwn)

Bettina Kupfer als Rollstuhlfahrerin Ariena Reimer (Foto: iwn)

Zwölf Jahre später (2014) ist Dietz Werner Steck im realen Leben auf einen Rollstuhl angewiesen – nach einem Schlaganfall lebt er in einem Pflegeheim.
In Til Schweigers erstem „Tatort“ („Willkommen in Hamburg“, 2013) gibt es nicht nur Ballermann Nick Tschiller, sondern obendrauf ein paar Slapstickeinlagen mit einem entrüsteten Rollstuhlfahrer. Schweiger: „Genau so wollten wir das haben“.
2013 kündigte ROLLINGPLANET exklusiv Deutschlands bekanntesten Rollifahrer Samuel Koch als neuen Tatort-Kommissar an – der Inhalt seines ersten Einsatzes: „Otto Pistolius (gespielt von Ryan Gosling), ein flüchtiger Paralympicssieger ohne Beine (aber mit Prothesen), hat seine Freundin erschossen und rennt weg. Samuel Koch alias Rick Riller rollt hinterher. Während seiner Flucht schießt Pistolius auf die Reifen von Rick Riller, dessen Elektro-Rollstuhl daraufhin nicht mehr weiterfahren kann. Mit einem beherzten Sprung aus seinem Rollstuhl rettet sich Rick Riller vor weiteren Kugeln, kann wie durch ein Osterwunder wieder laufen und nimmt die Verfolgung des verdutzten Pistolius auf.“ Viele Leser/innen waren begeistert. Bei der Nachricht handelte es sich allerdings leider nur um einen Aprilscherz von ROLLINGPLANET.

„Fünf Minuten Himmel“

„Es ist ein Fall, angesiedelt in einem prekären Umfeld“, sagt Makatsch zu ihrem ersten „Tatort“. Der 90 Minuten dauernde Film, der im vergangenen Sommer in Freiburg gedreht wurde, trägt den Titel „Fünf Minuten Himmel“. Der Mitarbeiter eines Jobcenters wurde ermordet, stranguliert mit einem Kabelbinder.

Der Fall gibt Rätsel auf. Und führt die neue Kommissarin durch die Stadt am Schwarzwald. Es ist ein Wiedersehen: 14 Jahre hat sie als Sonderermittlerin des Bundeskriminalamtes (BKA) in London gearbeitet, nun kehrt sie erstmals in ihre Heimatstadt zurück. Und begegnet dort ihrer Vergangenheit – unter anderem in Form der 15-jährigen Tochter, die sie nach der Geburt bei ihrer Mutter zurückgelassen hat und zu der seither nie Kontakt hatte.

Makatsch spielt im „Tatort“ eine Kommissarin mit schwer zu durchschauendem Charakter, die als Einzelgängerin unterwegs ist – im Job knallhart, privat das Gegenteil. Die Schauspielerin prägt diesen Film, der neben dem kriminalistischen Fall die Figur der Ellen Berlinger mit privaten Problemen und Konflikten in den Mittelpunkt stellt. Gesellschaftliche und soziale Konflikte sind das Thema. Doch gelegentlich verliert sich der Film in Details und Nebensträngen, der eigentliche Kriminalfall gerät so leicht aus dem Blick – und hinterlässt beim Zuschauer Fragezeichen. Nicht nur, weil die Sprache im „Tatort“ der badischen Stadt schwäbisch klingt.

Am Film-Set in Freiburg (v.l.n.r.): Holger Kunkel, Christian Kuchenbuch, Heike Makatsch, vorne Max Tommes (der den Rollifahrer verkörpert) (Foto: SWR/Ziegler Film)

Am Film-Set in Freiburg (v.l.n.r.): Holger Kunkel, Christian Kuchenbuch, Heike Makatsch, vorne Max Tommes (der den Rollifahrer verkörpert) (Foto: SWR/Ziegler Film)

Wie es mit der Neuen weitergeht

Der neue „Tatort“ widersteht jedoch der Versuchung, dem bekannten Freiburg-Idyll zu verfallen. Der Fall zeigt dunkle Seiten und könnte so auch in jeder anderen Großstadt spielen. Obwohl es sich um einen Event-„Tatort“ handelt, ist es ein klassischer Krimi geworden. Anders als etwa Nora Tschirner und Christian Ulmen in Weimar, die in unregelmäßigen Abständen mit „Tatort“ Specials an Feiertagen unkonventionell unterwegs sind und auch auf Humor setzen, bringt Makatsch eine herkömmliche Krimihandlung auf den Bildschirm.

„Wir hoffen alle, dass es eine Fortsetzung findet“, sagt Regisseurin Gebbe. „Die Rollen und Geschichten sind so angelegt, dass sie keine Eintagsfliege sein müssen. Es würde sich lohnen, sie fortzuführen.“ Der für den Freiburg-„Tatort“ verantwortliche Südwestrundfunk (SWR) will nach Ausstrahlung des ersten Makatsch-Falls entscheiden, ob und wie es mit der neuen Ermittlerin weitergeht.

Zum Einsatz käme die Kommissarin bei einer Fortsetzung jedoch vermutlich in einer anderen Stadt, sagt SWR-Fernsehfilmchefin Martina Zöllner. Denn der Spielort des Premierenfilms ist inzwischen belegt: Nach dem Aus des „Tatort“ vom Bodensee ist Freiburg vom nächsten Jahr an regulärer Standort der Krimireihe. Die Schauspieler Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner sowie TV-Entertainer Harald Schmidt als Chef der Kriminalpolizei sind künftig in Freiburg dauerhaft im Einsatz. Die Dreharbeiten beginnen in den nächsten Monaten. Die Pläne für ein weiteres Special mit Makatsch laufen laut SWR unabhängig davon.

(RP/Jürgen Ruf/dpa)

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11 Kommentare

  • Lieschen Müller

    na da bin ich mal gespannt..eigentlich sollte man ja dazu einen „echten“ Rollifahrer nehmen ? Wieso wird das nicht gemacht ?

    28. März 2016 at 15:54
  • Alexander Grundler

    Wird sich halt beim Casting kein echter Rollstuhlfahrer mit Schauspielausbildung beworben haben ganz einfach

    28. März 2016 at 15:59
  • Heinz Voigt

    Ich mag die nicht!

    28. März 2016 at 18:45
  • Andreas Lindlar

    Dann warten wir mal ab was das gibt.

    28. März 2016 at 21:02
  • Ralph von Muehldorfer

    das war ein klasse Krimi und endlich einmal ein sehr sypathischer Ermittler, der halt nicht selber laufen konnte, aber sonst eben ganz normal war.

    28. März 2016 at 22:45
  • Marianne Kunert

    Endlich ein Stück Realität zum Anschauen. Je öfter dieser Ermittler im Tatort zu sehen ist, desto „normaler“ werden wir es empfinden. Gefällt mir sehr.

    28. März 2016 at 23:22
  • Andrea Bröker

    Wäre ja sogar diskriminierend, hätte man die Stelle nur für Rollstuhlfahrer ausgeschrieben. 😉

    29. März 2016 at 02:59
  • Andrea Bröker

    Witzig war ja die Szene ihres ersten Zusammentreffens: sie sagte genervt, sie sei ja nicht behindert und just in dem Moment kam der Kollege angerollt. 🙂

    29. März 2016 at 03:34
  • Fränzi Raminza

    SUPER!

    29. März 2016 at 13:25
  • Uwe Manneck

    Mir hat der neue Tatort bzw das neue Ermittlerteam sehr gut gefallen. Endlich darf ein Rolli-Fahrer mal in ei n em wirklich passenden ordentlichen Rollstuhl mitspielen. Wirkte authentisch. Filme mit Menschen in „AOK-Choppern“ finde ich fürchterlich.

    30. März 2016 at 00:24
  • Dani

    @Uwe Manneck: Es darf kein ROLLIFAHRER in einem passenden, ordentlichen Rollstuhl mitspielen, sondern ein FUSSGÄNGER in einem zeitgemäßen Rollstuhl.
    Ich wäre auch sehr dafür, dass man solche Rollen mit echten Rollifahrern besetzt, sofern verfügbar. Meiner Meinung nach absolut machbar, wenn eine Behinderung nicht erst im Verlauf eines Filmes entsteht, sondern durchgängig vorhanden ist.

    3. April 2016 at 12:38

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