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Mit einem schwerbehinderten Kind ist es ja sooo langweilig

Das kommt dabei heraus, wenn ein Vater sich mit seinem Handy statt mit seinem Sohn beschäftigt (und sich als radikaler Islamist ausgibt): Gefängnis auf Bewährung.

Der Angeklagte Roque M. in Düsseldorf im Gerichtssaal des Landgerichtes. Der ehemalige Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz war zuständig für die Beobachtung der islamistischen Szene und soll versucht haben, Dienstgeheimnisse ausgerechnet an Islamisten weiterzugeben. Am Ende stellte sich heraus, dass es viel Aufregung um wenig war. (Foto: Christoph Zeiher/dpa)

Der Angeklagte Roque M. in Düsseldorf im Gerichtssaal des Landgerichtes. Der ehemalige Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz war zuständig für die Beobachtung der islamistischen Szene und soll versucht haben, Dienstgeheimnisse ausgerechnet an Islamisten weiterzugeben. Am Ende stellte sich heraus, dass es viel Aufregung um wenig war. (Foto: Christoph Zeiher/dpa)

Die Aufregung war immens, doch sie entpuppt sich am Dienstag als Sturm im Wasserglas: Ein Islamist sollte es geschafft haben, das Bundesamt für Verfassungsschutz zu unterwandern. Die Infiltration sei nicht mehr zu stoppen, gibt der Angeklagte sogar zu Protokoll. Seine vermeintlichen radikalen Glaubensbrüder ermunterte er in Chats zu einem Anschlag auf die Geheimdienstzentrale in Köln – das wäre doch „im Sinne Allahs“. Der Mann gerät dabei allerdings an einen verdeckt operierenden Mitarbeiter aus seiner eigenen Behörde. Dort glaubt man, in einen Abgrund von Landesverrat zu blicken.

Das Düsseldorfer Landgericht verurteilt den bis dato unbescholtenen 52-jährigen Vater von vier Kindern am Dienstag zu einer vergleichsweise milden Strafe: ein Jahr Gefängnis auf Bewährung wegen versuchten Geheimnisverrats. Dabei stutzt der Vorsitzende Richter Jan van Lessen den vermeintlichen Hochverrat zur Agenten-Posse zurecht.

Schon als Banker in einer Volksbank und daheim an der Seite seines schwerbehinderten Sohnes habe sich der 52-Jährige so sehr gelangweilt, dass er sich im Internet in Scheinwelten geflüchtet habe. Unter Alias-Namen nimmt er im Netz Kontakt zu einem ukrainischen Söldner-Bataillon auf und zu einer rechten Rockergruppe namens „Nordic Brotherhood“.

Ein gelangweilter Aufpasser

„Das Ganze hat sich bei mir zu Hause auf dem Sofa abgespielt, während ich auf meinen schwerbehinderten Sohn aufgepasst habe“, gesteht er im Prozess. Er wechselt trotz Einkommenseinbußen nach 35 Berufsjahren von der Bank zum Verfassungsschutz, als Beobachter der islamistischen Szene. Der Job gefällt ihm, doch die Langeweile am Wochenende bleibt: „Da sitzt man da mit dem Handy, kann nichts machen und ist wieder im Internet.“

Und so setzt er etwas in Gang, was ihn aus seinem unbescholtenen bürgerlichen Leben erst aus seinem Beruf, acht Monate in Untersuchungshaft und schließlich auf die Anklagebank katapultiert.

Das Gericht spielt ein aufgezeichnetes Telefonat vor, in dem der 52-Jährige das islamische Glaubensbekenntnis nachspricht – auf deutsch und arabisch – und damit zum Islam konvertiert. „Während ich da zwischen Tür und Angel telefoniert habe, saß meine Familie beim Frühstück im Garten.“

Ende einer Posse

„Er hat diesen Glauben in keiner Weise gelebt“, sagt Richter van Lessen. Und die umfassenden Ermittlungen des Bundeskriminalamts hätten nichts ergeben, das beweisen würde, dass er seinem Jubel auf die Anschläge der Terrormiliz Islamischer Staat in Paris sowie der Ankündigung, in Syrien kämpfen zu wollen, Taten folgen lassen wollte.

Immerhin eine Spende für die Frau eines inhaftieren Islamisten wird dabei entdeckt: „Die tat mir einfach leid“, sagt der einst aktive Katholik am Dienstag. Nie habe er und nie hätte er versucht, seine Ankündigungen in die Tat umzusetzen.

Ein psychiatrischer Gutachter bestätigt ihm einen Hang zu „Theatralik und Wichtigtuerei“. Die Folgen sind dennoch erheblich, nicht nur für den Angeklagten: „Meine Kinder wurden in der Schule verprügelt, meine Frau hat die Scheidung eingereicht“, erzählt er beim Prozessauftakt.

Er habe immerhin versucht, Dienstgeheimnisse über Einsatzorte zu verraten, hält ihm der Richter vor. „Es gibt niemanden, der das Ganze mehr bereut als ich“, sagt der 52-Jährige. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

(dpa)

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