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Mit Handicap an die Hochschule – hier gibt es Unterstützung

Welche Hilfsangebote und Erleichterungen stehen Menschen mit Behinderung zu? Welche Universität ist barrierefrei? Von Friederike Ebeling

Michaele Kusal kritisiert: „An den  Universitäten scheint es immer noch einen  gravierenden Mangel an Informationen zu  geben." (Foto: Fudder)

Michaele Kusal kritisiert: „An den Universitäten scheint es immer noch einen gravierenden Mangel an Informationen zu geben.“ (Foto: Fudder)

Es gebe für sie keinen Weg ins Studium, hörte Michaela Kusal damals bei der Beratung im Arbeitsamt. Seit ihrer Geburt sitzt sie aufgrund einer muskulären Erkrankung im Rollstuhl und muss rund um die Uhr betreut werden. Heute studiert die 30-Jährige Anglistik und Philosophie auf Lehramt.

„Hätten meine Eltern mich nicht unterstützt, hätte ich keine Chance auf eine akademische Karriere gehabt“, sagt Kusal. Sie erinnert sich noch an den Beginn ihres Studiums. Mit dem Behindertenbeauftragten der Hochschule traf sie sich damals in der Hausmeisterküche, weil sein Büro nicht barrierefrei war.

Michaela Kusal über ihr Studium

Michaela KusalIch bin auf die Nut zung eines elektrischen Rollstuhls angewiesen und kann keine Treppen bewältigen. Mein größtes Problem ist baulicher Natur: Hörsäle, Sprechzimmer, Sekretariate und Beratungsstellen sind trotz bestehender Bauauflagen oft nicht barrierefrei erreichbar, oder die Wege sind nicht beschildert.

Selbst in renovierten Gebäuden kann ich Türen aufgrund ihrer Gewichts oft nicht öffnen, elektrische Türöffner gibt es nicht. Es kommt vor, dass Klingeln für Rollstuhlfahrer an der Außenfassade von Gebäuden in Fußgängerhöhe angebracht wurden und aus Sitzhöhe unerreichbar sind. Neue Aufzüge verfügen nicht über automatische Stockwerksansagen. An den Universitäten scheint es immer noch einen gravierenden Mangel an Informationen zu geben.

In erster Linie sind es meine Eltern, die mich nicht nur emotional, sondern vor allem auch finanziell unterstützen. Auch das Sozialamt trägt mit der Kostenübernahme meines anfallenden Assistenzbedarfs maßgeblich zum Gelingen meines Studiums bei.

Ohne diese Absicherung wäre ein Studium für mich nicht möglich. Die Unterstützung aus meinem privaten Umfeld ist einmalig. Nur durch diesen Zuspruch kann ich, trotz Niederlagen, weiter daran glauben, dass Menschen mit Behinderung irgendwann gesellschaftlich soweit akzeptiert sein werden, dass ich die Frage „Gibt es einen barrierefreien Zugang zu ihrem Büro, und wo finde ich ihn?“ aus meinem Vokabular ein für alle Mal streichen kann.

Quelle: Deutsches Studentenwerk, Foto: Felix Groteloh

Acht Prozent aller Studierenden betroffen

Laut einer Publikation des Deutschen Studentenwerks von 2012 (ROLLINGPLANET berichtete) haben acht Prozent der Studierenden eine Behinderung oder eine chronische Erkrankung. Von ihnen sind sechs von zehn (60 Prozent) aufgrund ihrer Behinderung im Studium beeinträchtigt. Um ihnen den Weg an die Hochschulen zu erleichtern, gibt es an vielen Stellen Unterstützung.

Das fängt bei der Zulassung an. Zwischen zwei und fünf Prozent der Plätze sichern die Hochschulen in grundständigen Studiengängen für Studenten mit Behinderung. Mit einem Härtefallantrag hat der Bewerber eine Chance auf solch einen Platz. Geht der Antrag durch, wird er zugelassen ohne, dass weitere Kriterien wie eine Abiturnote berücksichtigt werden. Für den Antrag ist ein fachärztliches Gutachten nötig. Das wird dann zusammen mit dem Antrag in die Bewerbung gelegt.

Welche Hochschule eignet sich?

Welche Hochschule die richtige ist, hängt von der Art der Behinderung ab. Ein bundesweites Siegel für barrierefreie Universitäten gibt es nicht. Einige Städte vergeben aber eine Plakette, wenn der Behindertenbeauftragte der Stadt die Hochschule als barrierefrei einstuft. „Die Vergabekriterien sind jedoch von Stadt zu Stadt unterschiedlich, was eine Vergleichbarkeit schwer möglich macht“, warnt Yvonne Frömmel von der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Behinderung und Studium.

Die mit Abstand meisten Sehbehinderten im deutschsprachigen Raum studieren in Marburg. Hier eine Studentin, die  bei der Literaturauswertung durch eine Vorleserin unterstützt wird (Foto: Philipps-Universität Marburg/Rolf Wegst)

Die mit Abstand meisten Sehbehinderten im deutschsprachigen Raum studieren in Marburg. Hier eine Studentin, die bei der Literaturauswertung durch eine Vorleserin unterstützt wird (Foto: Philipps-Universität Marburg/Rolf Wegst)

Auch ohne Siegel gibt es Hochschulen, die für ihren barrierefreien Campus bekannt sind. Frömmel empfiehlt für Geh- und Hörbehinderte zum Beispiel die Ludwig-Maximilians-Universität München. An der Hochschule in Marburg gebe es Blindenleitsysteme im Außenbereich und Mentoren, die Sehbehinderte im Uni-Alltag begleiten, erzählt Frömmel.

Manchmal empfehlen sich auch kleine Unis

Wichtig sei ein zusammenhängender Campus mit kurzen Wegen. Schon vor Studienstart sollten Studenten die Hochschule besuchen und den Behindertenbeauftragten kontaktieren. Eventuell kann dann bei der Raumplanung noch berücksichtigt werden, dass im Kurs ein Student mit Handicap sein wird.

Es muss nicht immer eine große Universität sein, auch wenn sie häufig mehr Kapazität für Beratungs- und Unterstützungsangebote hat. Kleinere Hochschulen klärten Anliegen eher direkt, sagt Maike Gattermann-Kasper. Sie ist die Behindertenbeauftragte an der Universität Hamburg. Gibt es keine spezielle Anlaufstelle für Menschen mit Handicap an der Hochschule, kann auch die BAG Behinderung und Studium oder das Studentenwerk Unterstützung bieten.

Rechtzeitig Hilfe beantragen

„Die meisten Betroffenen suchen zu spät Hilfe“, sagt Michaela Kusal. Sie hat ihre ersten Klausuren mit der Hand geschrieben. Es müsse doch auch so gehen, dachte sie. Schnell kam die Frustration, als alle schon fertig waren – nur sie nicht. Erst dann hat sie die Hochschule kontaktiert und einen Nachteilsausgleich bekommen. Heute schreibt sie ihre Klausuren mit dem Computer.

Einen Nachteilsausgleich können Studenten mit Handicap beim Prüfungsamt beantragen. Er soll dazu dienen, die Benachteiligung durch die Behinderung bei Prüfungen auszugleichen. Das kann etwa sein, dass schriftliche Prüfungen durch mündliche Leistungen ersetzt oder Fristen für Hausarbeiten verlängert werden. „Den Antrag sollte man frühzeitig einreichen“, rät die Behindertenbeauftragte Gattermann-Kasper. Die Organisation koste Zeit. Schon mit der Anmeldung zur Prüfung werde der Antrag am besten mitgedacht.

Mit dem Start der Studienzeit beginnt der Schritt in die Selbstständigkeit. Zum einen bedeutet das Freiheit, zum anderen mehr Selbstorganisation. Das gilt umso mehr für Studenten mit einer Behinderung. Kusal hat mittlerweile eine eigene Wohnung. Die Betreuung übernimmt ein Team von sechs Frauen, die ihr im Haushalt zur Hand gehen, aber auch bei der Buchausleihe helfen. Eine Studienassistenz können Kommilitonen oder ausgebildete Kräfte machen, die sich der Student selbst suchen muss. „Ich habe damals Zeitungsannoncen geschaltet“, sagt Kusal. Manchmal hat auch die Hochschule Kontakte.

Welche Finanzierungshilfen gibt es?

Die Finanzierung der Studienassistenz übernehmen die Sozialhilfeträger. Studenten mit einer Behinderung haben außerdem die Möglichkeit, ihre Förderungshöchstdauer durch das Bafög zu verlängern. Im Anschluss bekommen sie mehr Zeit als Studenten ohne Handicap, um das Geld zurückzuzahlen.

Häufig würden die notwendigen Hilfen von den zuständigen Ämtern jedoch nur spät oder gar nicht bewilligt, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. Dadurch verlängere sich nicht selten das Studium oder zwinge den Studenten sogar zum Abbruch der Ausbildung. Kusal kennt den bürokratischen Aufwand nur zu gut. Barrierefreies Studieren, das sei noch ein langer Prozess.

(RP/dpa)

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