""

Mit Hund keine Wurst: Ein Pferdefleischskandal der anderen Sorte

Rauswurf wegen eines Blindenführhunds: Bevor jemand falsches Zeug wiehert, empfiehlt ROLLINGPLANET einem niederbayerischen Lebensmittelüberwachungsbeamten einen kleinen Fortbildungskurs.

Hat hier noch gut lachen: Margit Flory (Foto: privat)

Nach dem großen Lebensmittelskandal der vergangenen Tage (ROLLINGPLANET berichtete: Pferdefleisch: Gott sei Dank, Samuel Koch lebt noch) fragen wir uns: Wer will eigentlich freiwillig Pferdefleisch essen? Die Antwort: Auf uns behinderte Menschen ist Verlass! So wie auf die blinde Margit Flory. Als sie und ihr Ehemann Rainer in der Pferdemetzgerei Veit in Deggendorf (32.000 Einwohner, Niederbayern) einkaufen wollten, wurden sie von einer Verkäuferin darum gebeten, den Hund aus dem Laden zu bringen. Flory fühlte sich verletzt und verließ mit Hund und Mann die Metzgerei.

Wutentbrannt schrieb sie wenige Tage später eine Email an die Metzgerei-Geschäftsführerin Hedi Veit. Doch die wollte die Anschuldigung, diskriminierend gegenüber Blinden zu sein, nicht auf sich sitzen lassen, und machte sich beim Landratsamt vermeintlich schlau – dort gab man ihr erst mal recht. „Der Metzgereibetreiber hat sich im Zuge des Lebensmittelgesetzes richtig verhalten“, bestätigte Josef Schweiger, Lebensmittelüberwachungsbeamter der Behörde – und offenbarte, dass er die Gesetze offensichtlich nicht so genau kennt.

Was das Gesetz wirklich sagt

Zwar dürfen Tiere aufgrund des Lebensmittelhygienegesetzes normalerweise nicht in Geschäfte, die offene und nicht verpackte Lebensmittel verkaufen. Ausnahmen gelten jedoch für Blindenführhunde – wenn ein Schwerbehinderter auf einen Blindenführhund angewiesen ist, gilt dieser als Assistenzhund. Dann darf das Tier in Bereiche, die für Vierbeiner im Normalfall tabu sind − egal, ob Metzgerei, Flughafengate oder Supermärkte.

Dort werden, wie ROLLINGPLANET gemeinsam mit dem Verein Lichtblicke in Burgebrach (Oberfranken) aufdeckte, oftmals blinde Menschen diskriminiert. Immerhin: Nach einem ROLLINGPLANET-Artikel hatte sich Penny Markt im August 2012 als Deutschlands erster Lebensmittel-Discounter auf seiner Webseite dazu bekannt, Führhunde in seinen Verkaufsräumen zu akzeptieren.

Alexander Spörr ist schockiert über die Aussage des Lebensmittelüberwachungsbeamten Josef Schweiger. Der Vorsitzender von Dogxaid e.V., ebenso wie Lichtblicke e.V. eine Selbsthilfeorganisation für Blindenführ- und Servicehundehalter, erklärt gegenüber ROLLINGPLANET: „Herr Schweigers Aussage ist mindestens seit der Reform der Lebesmittelverordnung 2007 falsch.“

“Immer wieder Diskriminierungen im Einzelhandel“

Das Bayerische Ministerium für Umwelt und Gesundheit stellte am 31. März 2011 schriftlich klar: „…Beim Mitführen von Blindenhunden durch blinde Menschen im Verkaufsraum liege somit grundsätzlich keine nachteilige Beeinflussung der Lebensmittel im Sinne der Lebensmittelhygiene-Verordnung vom 8. August 2007 vor.“ Das Bayerische Justizministerium sieht übrigens in derartig begründeten Rauswürfen ein Verstoß gegen §19 Allgemeines Gleichbehandlungssgesetz, und damit eine mittelbare Diskriminierung.

Zum Rauswurf von Flory erklärt Spörr: „Leider kommt es immer wieder zu Diskrimierungen im Einzelhandel. Dies geschieht in der Regel noch nicht einmal absichtlich, sondern aus Unkenntnis oder Angst, gegen irgendwelche Verordnungen zu verstoßen.“

Dogxaid forderte daher die Fraktionen im Bayerischen Landtag auf, mehr öffentliche Aufklärung über die Rechte behinderter Servicehundehalter zu betreiben. Der Verein schlägt vor, bereits Auszubildende im Einzelhandel in der Berufsschule über die Rechte Behinderter zu schulen. Die zweite Möglichkeit, so Spörr, wäre ähnlich dem Jugendschutzaushang, die Rechte Behinderter in Einzelhandels- und Gastronomiebetrieben auszuhängen.

(RP)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN