Mit neuen Unterschenkeln: Vanessa Low will WM-Gold

Die Weitsprung-Weltrekordlerin tritt bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Topform an – aber: wie gut sind ihre Hightech-Federn wirklich?

Vanessa Low – hier beim Glasgow Grand Prix in Hampden Park, Schottland, am 11. Juli 2014 – ist Weitsprung-Weltrekordlerin (Foto: EPA/Robert Perry)

Vanessa Low – hier beim Glasgow Grand Prix in Hampden Park, Schottland, am 11. Juli 2014 – ist Weitsprung-Weltrekordlerin (Foto: EPA/Robert Perry)

Vanessa Low hat neue Beine. Besser gesagt Unterschenkel. Die Leichtathletin, der nach einem Bahnunfall 2006 beide Beine oberhalb der Knie amputiert werden mussten, lacht zufrieden, als sie über ihre neuen Hightech-Prothesen spricht. „Mein Laufbild ist jetzt viel runder“, sagt die 25-Jährige. „Gefühlt ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht.“

Nicht nur deshalb blickt die Ex-Freundin von Markus Rehm und gebürtige Schwerinerin, die seit zwei Jahren im amerikanischen Oklahoma City lebt und trainiert, optimistisch auf die am Donnerstag in Doha beginnende Leichtathletik-WM der Sportler mit Handicap. Der Saisonhöhepunkt in Doha kann kommen. Soll kommen. „Ich will mir selber nicht zu großen Druck machen“, erklärt Vanessa Low, „aber mit meinen Trainingsleistungen bin ich schon sehr zufrieden.“

Gesponserte Hightech-Konstruktionen

Vanessa Low beim Training (Foto: Low/Facebook)

Vanessa Low beim Training (Foto: Low/Facebook)

Im Sommer wagte die Weitsprung-Weltrekordlerin den Versuch und besorgte sich neue Unterschenkel, sozusagen „die Federn.“ Die Prothesen für den Sport sind Hightech-Konstruktionen, die aus drei Teilen bestehen: dem Schaft, in dem die Oberschenkel eingepasst werden, dem Knie, einer Art Pendel, und eben den Federn. Und die sind jetzt neu. „Ich hatte diese Federn schon bei anderen Athleten gesehen und wollte sie einfach mal ausprobieren“, erzählt sie.

Low fragte dann einfach mal beim Fabrikanten an (Anm.d.Red.: Össur) und war erfolgreich. Sie bekam einen Satz der rund 15.000 Euro teuren Teile, einfach so, Glück gehabt. „Leisten könnte ich mir das nicht“, bekennt sie.

Riskanter Wechsel vor dem Wettbewerb

Vanessa Low hält stolz ihre neue Prothese (Foto: Low/Facebook)

Vanessa Low hält stolz ihre neue Prothese (Foto: Low/Facebook)

Nach der Lieferung im Sommer begannen die Feinjustierungen: Schaft, Gelenk und Federn mussten angepasst, in der Höhe verstellt und optimal miteinander verbunden werden. Das Kniegelenk wird mit Hilfe eines Öls eingestellt, damit es richtig pendelt. Die neuen Federn wiegen zudem auch noch zwei Kilogramm und sind damit doppelt so schwer wie die alten. Das sind große Anpassungen.

„Das Abrollverhalten ist anders. Ich musste auch lernen, wann das Knie jetzt einknickt“, berichtet Vanessa Low. Solche Änderungen vor einem wichtigen Wettkampf durchzuführen, sind auch ein gewisses Risiko. Aber es hat sich offenbar gelohnt. „Es hat von Anfang an super geklappt – eine faszinierende Erfahrung“, sagt sie.

Dauerduell mit Martina Caironi

Die Dauerkonkurrentin: Martina Caironi aus Italien (Foto: dpa)

Die Dauerkonkurrentin: Martina Caironi aus Italien (Foto: dpa)

In Katars Hauptstadt erwartet Low wieder das Dauerduell mit ihrer italienischen Rivalin Martina Caironi. Beide halten gemeinsam den Weitsprung-Weltrekord mit 4,60 Meter, über 100 Meter aber ist die Paralympics-Siegerin von London 2012 mit einer Bestzeit von 15,15 Sekunden noch deutlich schneller als Low (15,58 Sekunden).

Doch gerade für den Sprint hat Vanessa Low in diesem Jahr extrem viel trainiert. „Ich glaube, dass es ein enges Rennen werden und ich sie wirklich herausfordern kann“, sagt Low. „Ich denke auch, dass in unserer Klasse Zeiten unter 15 Sekunden möglich sind. Mal sehen, wie weit Martina und ich uns pushen können.“

Vanessa Low fühlt sich in Topform

Die Hightech-Diskussion wird wieder beginnen: Dass es bei einer möglichen Verbesserung ihrer Leistungen zu Diskussionen über die neuen Federn kommen kann, ist Vanessa Low klar. Aber was soll’s? „Man kann ja auch nicht jeden Menschen in einen Ferrari setzen, und der fährt dann so schnell wie Sebastian Vettel.“ Nein, laufen müsse sie selbst, mit Kraft, Fitness und Geschick.

Dafür trainiert sie neben ihrem Fernstudium der Medieninformatik bis zu fünf Stunden täglich in Oregon bei Coach Roderick Green, der ihr nach einem Motivations- und Leistungsloch nach 2012 wieder Mut und Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit gab. Nach Doha reist sie voller Vorfreude und Spannung: „Meine Form ist richtig, richtig gut.“

IPC Leichtathletik-WM in Doha vom 22. - 31.10.2015
Mit einem großen Aufgebot reisen Deutschlands Leichtathletinnen und Leichtathleten zu den Weltmeisterschaften nach Doha (Katar) und wollen mit möglichst vielen Bestleistungen und Medaillen zurückkehren. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hat 30 Sportlerinnen und Sportler für die IPC Leichtathletik WM nominiert.
In Doha stehen 214 Entscheidungen auf dem Programm, von denen wiederum 177 auch 2016 bei den Paralympischen Spielen in Rio zur Austragung kommen werden. So geht es bei der WM diesmal nicht nur um Medaillen, sondern auch um die ersten Startplätze für die ersten Spiele in Südamerika. Gewinner der Gold- bzw. Silbermedaille sichern ihrer Nation jeweils einen Startplatz in Rio, wobei pro Athlet nur ein „Slot“ vergeben wird.

(RP/dpa)

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