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Mit Sport und neuen Wirkstoffen gegen Multiple Sklerose

Arme und Beine sind taub oder kribbeln, man sieht Doppelbilder, fühlt sich kraftlos: Bei MS haben Betroffene immer wieder neurologische Ausfallerscheinungen. Von Arnd Petry

Prof. Reinhard Hohlfeld (Foto: Privat/LMU)

Prof. Reinhard Hohlfeld (Foto: Privat/LMU)

Gefühlsstörungen, Lähmungen, Kraftlosigkeit: Die Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste neurologische Erkrankung junger Erwachsener. Bei den meisten Betroffenen geht der in den Anfangsjahren schubförmige Verlauf irgendwann in eine dauerhaft fortschreitende Form über. Sport und neue Wirkstoffe sollen helfen, den schleichenden Verfall der Nervenfunktionen zumindest zu verlangsamen. „Multiple Sklerose bedeutet nicht, dass man morgen im Rollstuhl sitzt. Das ist ein Trugschluss, der leider das öffentliche Bild der MS beherrscht und es in Richtung der schweren Verläufe verzerrt“, sagt Prof. Reinhard Hohlfeld vom Institut für Klinische Neuroimmunologie der Uniklinik München.

Der Verlauf einer MS kann von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein. „Vielen Menschen, die milde beziehungsweise eine gut behandelte Form der MS haben, sieht man ihre Erkrankung gar nicht an“, sagt Hohlfeld. Typischerweise verläuft die MS in Schüben. Die Betroffenen haben im Laufe von Wochen oder Monaten immer mal wieder – über Tage oder Wochen – neurologische Ausfallerscheinungen. „Die MS kann sehr viele verschiedene Symptome hervorrufen, je nachdem welche Orte im Nervensystem betroffen sind“, erklärt Hohlfeld. Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems.

Gestörte Myelinschicht

Stellt man sich die Nervenfasern des Körpers als biologische Kabel vor, dann greift die Entzündung ihre Schutz- und Isolierschicht an. Im Körper besteht sie aus der Myelinhülle, die aus Fett- und Eiweißsubstanzen aufgebaut ist. Ist diese Myelinschicht gestört, können die Signale nicht so wirkungsvoll übertragen werden. Die Folge: MS-Patienten haben Gefühlsstörungen oder Lähmungen, spüren Kribbeln, sehen Doppelbilder oder fühlen sich einfach kraftlos und stolpern deshalb häufiger.

Nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sind weltweit rund 2,5 Millionen Menschen von MS betroffen. In Deutschland sollen rund 130.000 Menschen mit MS leben. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Eine MS wird meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr festgestellt – die Krankheit kann aber auch schon im Kindes- und Jugendalter auftreten. Erstdiagnosen nach dem 60. Lebensjahr sind selten.

Die Behandlung einer Multiplen Sklerose fußt der DMSG zufolge grundsätzlich auf drei Säulen: der Therapie eines akuten Krankheitsschubs, der Therapie der jeweils auftretenden Symptome und der Beeinflussung des langfristigen Krankheitsverlaufs. Sprich: der Verhinderung weiterer Schübe. „Insgesamt ist das Spektrum der Medikamente zur Behandlung der schubförmigen MS inzwischen so groß, dass man für die meisten Patienten etwas Passendes findet“, sagt Hohlfeld. „Allerdings sind die verfügbaren Substanzen sehr teuer, und sie müssen zumeist über viele Jahre oder sogar lebenslang eingesetzt werden.“

Hohes Risiko Nebenwirkungen

Weiteres Manko: Zu einer Heilung führen sie nicht. Und trotz aller Erfolge habe man in den vergangenen Jahren lernen müssen, je potenter die antientzündliche Therapie, desto größer ist das Risiko möglicher Nebenwirkungen für die Betroffenen, erklärt Prof. Christoph Heesen von der Neurologischen Poliklinik des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „Und je weiter die Erkrankung fortgeschritten ist, desto weniger bringen diese Wirkstoffe.“

In der chronisch fortschreitenden Phase weist eine MS den Experten zufolge eher Ähnlichkeiten mit Parkinson oder Alzheimer auf. Degenerative Vorgänge spielen dann die entscheidende Rolle: Nervenzellen werden ohne eine Entzündung geschädigt. Die antientzündlichen Medikamente für die schubförmige Phase funktionieren dann nicht mehr. „Und eine medikamentöse Therapie, mit denen man diese Verbindungen wieder aufbauen kann, gibt es zurzeit nicht“, sagt Heesen.

Neue Wirkstoffe werden getestet

Ein Wirkstoff, der das vielleicht bewerkstelligen könnte, ist der monoklonale Antikörper Anti-LINGO. Eine Phase-II-Studie habe vielversprechende Ergebnisse geliefert. Ebenso vielversprechend seien Studien mit dem Cholesterinsenker Simvastatin verlaufen. In einer Phase-II-Studie hat das eigentlich für die Kontrolle der Blutfette zugelassene Medikament den allmählichen Verlust der Hirnsubstanz (Hirnatrophie) verlangsamt. Ob aus beiden Stoffen aber tatsächlich zugelassene Medikamente für MS-Patienten werden können, steht – wie immer in der Frühphase der Medikamentenentwicklung – in den Sternen.

Sofort umsetzbar sind die Ratschläge, die Heesen als Ärztlicher Leiter einer Multiple Sklerose-Tagesklinik seinen Patienten gibt. „Auch wenn die medizinische Beweislage noch nicht überwältigend ist: Wir raten unseren Patienten Sport zu treiben und bieten ihnen ein individualisiertes Sportprogramm an.“ Der Effekt von Sport auf die Neurodegeneration werde noch zu wenig beachtet. Eine eigene Studie mit 40 Teilnehmern habe 2014 hoffnungsvolle Ergebnisse gezeigt: Nach acht Wochen regelmäßigen Trainings auf einem Ergometer konnten die MS-Patienten Heesen zufolge nicht nur besser laufen, auch die Gedächtnisleistungen und die Konzentrationsfähigkeit seien gestiegen.

(dpa)

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