Model mit Down-Syndrom in New York: Aber ist der Jubel berechtigt?

Die 18-Jährige Madeline Stuart läuft bei der NY Fashion Week – und erhält schon bald einen renommierten Preis. Aber nicht alle applaudieren.

Madeline Stuart, australisches Model mit Down-Syndrom, erfüllt sich einen Traum. (Foto: Erica A. Nichols/dpa)

Madeline Stuart, australisches Model mit Down-Syndrom, erfüllt sich einen Traum. (Foto: Erica A. Nichols/dpa)

Madeline Stuart auf dem Catwalk (Foto: Rosanne Stuart/dpa)

Madeline Stuart auf dem Catwalk (Foto: Rosanne Stuart/dpa)

Acht Jahre. Länger würde sie wohl nicht leben. So bescheinigten es die Ärzte im australischen Brisbane der Tochter von Roseanne Stuart nach der Geburt. Diagnose: Down-Syndrom, eine Genommutation, die sich auf das Aussehen und die geistigen Fähigkeiten auswirkt. 18 Jahre ist das nun her – und an diesem Sonntag (23 Uhr deutscher Zeit) läuft Madeline Stuart als Model bei einer Modenschau der New York Fashion Week über den Laufsteg.

Die knapp 1,50 Meter große Australierin mit den langen roten Haaren und dem freundlichen Gesicht wird die Schau des italienischen Modelabels „FTL Moda“ eröffnen, mitten in New Yorks Hauptbahnhof Grand Central Station. Für Stuart geht damit ein Traum in Erfüllung.

Vor einem Jahr entdeckte sie ihre Lust an der Mode. Sie posierte vor der Kamera und genoss es, im Mittelpunkt zu stehen – wenn auch zunächst nur vor den Augen ihrer Familie. Sie nahm sich vor, Model zu werden, begann zu trainieren und nahm in nur wenigen Monaten fast 20 Kilogramm ab.

US-Topmodel Tyra Banks ist Vorbild

Ihre Mutter, die früher selbst als Model gearbeitet hat, unterstützte sie dabei und organisierte ein professionelles Fotoshooting. Die Fotos, auf denen Stuart im orangefarbenen Bikini und bunten Sommerkleidern posiert, veröffentlichte sie auf Facebook – wenige Monate später hatte Madeline Stuart Hunderttausende Fans.

Tyra Banks (Foto: dpa)

Tyra Banks (Foto: dpa)

Es folgten Fotoshootings für mehrere Mode- und Kosmetikmarken. Eine New Yorker Handtaschenfirma entwarf sogar eine eigene Kollektion für Stuart und spendet fünf Prozent des Gewinns von jeder verkauften Tasche an eine Down-Syndrom-Stiftung. Noch in diesem Jahr wird die 18-Jährige für Aufträge nach Schweden und Russland reisen.

US-Topmodel Tyra Banks (41) und Erfinderin von „America’s Next Top Model“ ist Stuarts Vorbild. „Ich bin ihr Fan. Sie glaubt an Inklusion und hat viel für die Modewelt getan“, lässt die 18-Jährige der Deutschen Presse-Agentur über ihre Mutter, die gleichzeitig auch ihre Managerin ist, ausrichten. Stuart, die als Kind eine Herz-OP hatte und noch heute täglich Medikamente nimmt, ist schüchtern und redet nicht gerne mit Fremden.

Jamie Brewer

Jamie Brewer (Foto: dpa)

Die 18-Jährige ist nicht das erste Model mit Down-Syndrom auf der New York Fashion Week. Im Februar lief bereits die Schauspielerin Jamie Brewer, die ebenfalls mit der Genommutation geboren ist, in der Millionenmetropole über den Catwalk und bewies damit, dass die Top-Designer dieser Welt längst nicht mehr nur nach dem gängigen Schönheitsideal suchen.

So eröffnete im Februar beispielsweise auch das Model Chantelle Brown-Young (auch bekannt als Chantelle Winnie oder Winnie Harlow) die Show der spanischen Modemarke „Desigual“. Die Kanadierin hat die Vitiligo-Krankheit. Ihre dunkle Haut ist über und über mit weißen Flecken übersät.

Das kanadische Model Chantelle Winnie freut sich im März 2015 bei den Gala Spa Awards 2015 in Baden-Baden über ihre Auszeichnung als „Persönlichkeit des Jahres“. (Foto: Breuel-Bild/dpa)

Das kanadische Model Chantelle Winnie freut sich im März 2015 bei den Gala Spa Awards 2015 in Baden-Baden über ihre Auszeichnung als „Persönlichkeit des Jahres“. (Foto: Breuel-Bild/dpa)

Kommen behinderte Models in Mode?

„FTL Moda“ schickte im Februar schon Models im Rollstuhl, mit Gehhilfen und Beinprothesen auf den Catwalk. Dass Stuart als Model mit Down-Syndrom nun die neue Show eröffnen wird, kündigte das Unternehmen vor wenigen Wochen mit „größter Freude und Stolz“ auf seiner Facebook-Seite an.

Stuart, die sich in New York gerne die Freiheitsstatue anschauen würde, wird mehrere Tage in der Stadt bleiben. Denn die Modenschau auf der New Yorker Fashion Week ist nicht ihr einziger Auftritt. Am 19. September wird die 18-Jährige am 21. Buddy Walk im Central Park teilnehmen, einem Lauf für und mit Menschen, die genau wie Stuart mit dem Down-Syndrom geboren sind. Anschließend geht es für sie dann weiter nach San Francisco – wo ein weiterer Traum in Erfüllung gehen wird. Denn als erstes Model mit Down-Syndrom wird Madeline Stuart dort der Mélange-„Model of the Year“-Award verliehen.

Geht es gar nicht um Inklusion?

Doch es gibt auch kritische Stimmen angesichts der gegenwärtigen Madeline- Stuart-Euphorie. Geht es den Firmen gar nicht um Inklusion, sondern nur um laute Geräusche? Die Grazer Soziologin Waltraud Posch, die viele wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Körperkult publiziert hat, sieht das Phänomen mit gemischten Gefühlen: „Das Publikum ist übersättigt von den immer gleichen Bildern. Ausserdem werden sich immer mehr Modedesigner langsam bewusst, dass der Durchschnittsmensch eben nicht so aussieht, wie es die Werbung propagiert.“

Posch betont aber auch, dass bei vielen Labels genauso stark ein Vermarktungsgedanke mitspiele – und spricht damit ROLLINGPLANET aus dem Herzen: „Natürlich will man auffallen“, so Posch. „Und in Zeiten, in denen die Models alle gleich aussehen, kann man so provozieren.“ Ähnlicher Meinung ist auch Ursula Knecht, Inhaberin der Züricher Model-Agentur Option: „Es geht den Designern darum, sich ständig neu zu erfinden. Bei den Labels und Agenturen dreht sich alles um Beachtung und vor allem um Medienpräsenz.“

Madeline Stuart: Webseite, Facebook

(RP/Jenny Filon, Frank Walker/dpa)

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2 Kommentare

  • dasuxullebt

    Ist doch schön wenn mal Behinderte bevorzugt werden weil es einen echten Marktdruck gibt.

    15. September 2015 at 11:31
  • Petra Lühmann

    ich befürchte,daß es sich hierbei auch nur ums Image und Profit dreht.

    15. September 2015 at 15:21

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