Monica Lierhaus: „Immer noch ich“

Lieber tot als behindert? Interview mit der ehemaligen „Sportschau“-Moderatorin, die nach einer OP schwer erkrankte – und jetzt ein Buch geschrieben hat.

„Ich will mich für das Thema Inklusion einsetzen“, kündigt Monica Lierhaus im Interview an. (Foto: Christian Charisius/dpa)

„Ich will mich für das Thema Inklusion einsetzen“, kündigt Monica Lierhaus im Interview an. (Foto: Christian Charisius/dpa)

Der 8. Januar 2009 hat das Leben von Monica Lierhaus in ein „Davor“ und „Danach“ geteilt. Bei einer Hirn-OP kommt es zu Komplikationen – die Prognosen für die Hamburgerin sind verheerend. Wie ein Kleinkind muss die TV-Moderatorin, die zum Team der ARD-„Sportschau“ gehörte, alles neu erlernen. Im Juli 2015 wurde sie für ihre Aussage „Lieber tot als behindert“ von vielen Menschen mit Behinderung und Selbsthilfeorganisationen kritisiert.

In ihrem am Freitag erscheinenden Buch „Immer noch ich“ beschreibt die 45-Jährige ihren Weg zurück ins Leben. Im Interview spricht Lierhaus über Themen wie Therapie, Tabubruch, Trennung – und Inklusion. Die Fragen stellte Dorit Koch.

„Die Kritik von einzelnen Behindertenverbänden fand ich teilweise anmaßend“

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie über Jahre Buchanfragen von Verlagen abgelehnt haben. Was hat zum Sinneswandel geführt?

Zum einen habe ich so unglaublich viele Zuschriften bekommen von Menschen, die auch betroffen waren und die mich gebeten haben, meine Geschichte niederzuschreiben, weil es ihnen helfen würde zu sehen, wie ich mich wieder in das Leben zurück kämpfe.

Zum anderen war inzwischen der Zeitpunkt gekommen, die Verarbeitung all dessen anzugehen, auch um mich davon zu befreien. Ob mir das jetzt schon wirklich gelungen ist, weiß ich nicht. Aber das Buch hat mir ein Stück dabei geholfen. Es soll aber auch anderen Menschen helfen: Ich möchte vermitteln, dass man viel mehr schaffen kann, als man selbst für möglich hält – und auch viel mehr vielleicht, als Ärzte annehmen.

Welche Therapien stehen für Sie noch auf dem Programm?

Ich mache viele Therapien, auch wenn das insgesamt weniger geworden ist, denn mein Genesungsprozess ist zum Glück immer noch dynamisch: Logopädie, Neuropsychologie, Osteopathie, Physiotherapie und – was besonders angenehm ist – Massagen gegen die schmerzhaften Muskelverspannungen. Vor allem aber auch: Hippotherapie. Von diesem therapeutischen Reiten bin ich so begeistert, dass ich es schon gar nicht mehr als Therapie betrachte, sondern als pure Lebensfreude.

Was bereitet Ihnen noch die größten Probleme?

Eindeutig die ganze Feinmotorik. Alleine das Öffnen einer Milchtüte kann so schwierig sein. Oder Zöpfe zu flechten – das bekomme ich immer noch nicht hin und werde es vielleicht auch nie wieder. Ich bin aber schon froh, dass ich wieder Schnürsenkel binden kann. Alles was fummelig ist, dazu gehört unendlich viel Geduld – und die habe ich überhaupt nicht. Früher gingen die Fortschritte rasant schnell, jetzt viel langsamer. Aber früher konnte ich auch gar nichts, jetzt arbeite ich an Feinheiten. Doch es bleibt ein täglicher Kampf.

Monica Lierhaus stellt ihr Buch „Immer noch ich“ vor.  (Foto: Christian Charisius/dpa)

Monica Lierhaus stellt ihr Buch „Immer noch ich“ vor. (Foto: Christian Charisius/dpa)

In Ihrem Buch beschreiben Sie sich als die „alte Monica“ in einem „neuen Körper“. Was von der alten Monica hilft Ihnen heute und was hindert Sie?

Die Zielstrebigkeit hilft mir sehr. Ich war immer jemand, der ein Ziel vor Augen hatte und das dann auch unbedingt erreichen wollte. Meine Ungeduld steht mir manchmal extrem im Wege. Ich bin noch immer eine Perfektionistin, aber das treibt eben auch an. Ich wäre mit Sicherheit nie so weit gekommen, wenn ich nicht so ungeduldig wäre. Natürlich habe ich mich gefreut, als ich wieder die ersten ein, zwei Schritte alleine gehen konnte. Aber früher bin ich um die Alster gejoggt!

Als Sie in einem Interview davon sprachen, ohne lebensrettende Hirn-OP wäre Ihnen vieles erspart geblieben, löste das Schlagzeilen wie „Lieber tot als behindert“ und Diskussionen aus. Haben Sie solche Reaktionen erwartet?

Das hat mich extrem überrascht, weil ich ja nur für mich alleine gesprochen hatte. Mir wurde etwas unterstellt, was ich nie gesagt habe und eine Vorbildfunktion zugesprochen, die ich gar nicht haben wollte. Die Reaktionen haben mich erschrocken und verletzt, ich habe das nicht nachvollziehen können.

Die Kritik von einzelnen Behindertenverbänden nach dem Motto „Sei zwangsglücklich“ fand ich teilweise wirklich anmaßend und übergriffig. Ich musste mir anhören, ich sollte mich doch damit abfinden und dankbar sein, denn mir ginge es ja noch vergleichsweise gut. Der Weg, den ich dafür gehen musste, mit inzwischen elf Operationen und vielen Rückschlägen, war brutal und mühsam. Als ob Leid vergleichbar wäre!

Von anderen Betroffenen oder deren Angehörigen haben Sie auch Reaktionen darauf erhalten, schreiben Sie im Buch.

Ja, ich habe unzählige Mails von Betroffenen und Angehörigen, aber sogar auch von Therapeuten, Ärzten und Krankenschwestern erhalten, die geradezu erleichtert über meine Worte waren. Sie haben sich bedankt, dass endlich mal jemand ausspricht, was viele sich gar nicht trauen. Weil man eben immer ein Vorzeige-Behinderter sein soll. Jemand, der froh sein sollte, am Leben zu sein und dafür gefälligst dankbar zu sein hat.

Der emotionale Druck, über ein Unglück oder eine Erkrankung nicht trauern zu dürfen, ist immens. Dass man auch dunkle Tage hat und verzweifelt ist, gehört doch dazu. Der große, positive Zuspruch hat mir zu der Zeit sehr gut getan.

„Es war offenbar ein weiterer falscher öffentlicher Moment gewesen, wie schon bei der Goldenen Kamera“, schreiben Sie dazu und erinnern an ihren ersten Auftritt nach der Erkrankung.

In beiden Fällen habe ich den Menschen sicherlich viel zugemutet. Aber es zeigt letztlich, dass unsere Gesellschaft noch nicht so weit ist. Deswegen ist es wichtig, immer wieder so etwas „zuzumuten“. Ich will mich dafür engagieren, dass das anders wird und mich auch für das Thema Inklusion einsetzen. Ich hoffe, entsprechende Partner zu finden. Es ist sehr wichtig zu zeigen, dass Menschen mit Defiziten einen festen Platz in unserer Gesellschaft haben. Sie sind eine Bereicherung – ob im Alltag, bei der Arbeit oder sogar im Fernsehen. Außerdem sind Arbeit und Anerkennung oft die beste Therapie – mir hat das sehr geholfen. Wenn ich für Sky meine Interviews führe, bin ich glücklich und sogar komplett schmerzfrei.

Haben Sie sich beim Schreiben des Buchs schwer damit getan, die Trennung von Ihrem langjährigen Partner zu thematisieren?

Klar ist das schwierig, Privates preiszugeben. Weil ich es nie gemacht habe und eigentlich auch nie machen wollte. Aber ein solch persönliches Buchprojekt über eine so intime und emotionale Zeit hat es nun mal erfordert. Sonst hätte ich es auch gleich lassen können. Nach der Trennung habe ich Rotz und Wasser geheult.

Das hat mich schwer getroffen und vielleicht auch ein bisschen zurückgeworfen. Ich bin schon durch ein sehr tiefes Tal gegangen, aber danach geht es ja auch immer wieder aufwärts. War ich froh, dass ich meinen Hund Pauline hatte – sie schenkt mir Lebensfreude und ist mein großer Schatz! Und ich habe eine großartige Familie, zum Glück einen tollen Job und bin – wie meine Schwester immer sagt – ein Stehaufmädchen.

Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht inzwischen wieder gut und ich komme zurecht. Ich kann eigentlich alles alleine machen – was für mich die Hauptsache ist. Ich habe meine Selbstständigkeit wiedergewonnen, das war mir das Wichtigste. Es gibt natürlich manchmal dunkle Tage, an denen ich in einem Loch versinke, aber ich ziehe mich selbst da immer wieder raus und fange sogar an das Leben wieder zu genießen. Ich baue mir ein neues, zweites Leben auf und bin sehr gespannt darauf, was die Zukunft noch so bringt.

Vielen Dank für dieses Interview.

Monica Lierhaus: Immer noch ich. Mein Weg zurück ins Leben. Ullstein Buchverlage, Berlin 2016, 270 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-550-08118-7

(RP/dpa)

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3 Kommentare

  • Brigitte Rojek

    Diese Worte sprechen mir aus tiefster Seele. Ich habe ( das war im Übrigen nach Ausbruch meiner Erkrankung, durch die ich nun im Rollstuhl sitze) den „Vorzeigebehinderten“ (dieses Wort meine ich nicht abwertend) nie geglaubt, dass sie niemals in ein Loch fallen. Ich denke, die Trauer über den Verlust des „alten“ Lebens ist nur legitim, das lässt sich nicht ganz einfach so wegstecken.

    14. Januar 2016 at 09:30
  • Ruth Dürr

    Ich finde auch, dass man diese Aussagen als ihre perönliche Meinung stehen lassen sollte. Und dass aufrechnen kein Leid aufwiegt sollte klar sein. Aber ich möchte trotzdem für die andere Seite auch eine Lanze brechen, ich bin Mutter eines körperbehinderten Jugendlichen. Und es ist wirklich unendlich mühsam, was alles an – vor allem – bürokratischem Aufwand betrieben werden muss, um ihn (und er ist ansonsten geistig „normal“, geht auf eine Regelschule) optimal zu fördern. Ganz zu schweigen, von dem, wovon auch Monica Lierhaus berichtet: das Behindertwerden von außen, das emfinde ich als das Schlimmste. Wer schon einmal mit Kostenträgern verhandelt hat, weiß wovon ich spreche. Ich arbeite in einem Ambulanten Dienst und weiß, dass es Alltag ist, was schon 2008 festgestellt wurde : [Anm.d.Red.: Link nicht mehr verfügbar.] Ich weiß es macht es nicht besser, ein Miteinander wäre allemal die konstruktivste Möglichkeit, um Mißstände anzugehen.

    14. Januar 2016 at 11:30
  • Marianne Kunert

    Ich bin seit ca. 8 Jahren Rollstuhlfahrerin, bedingt durch den plötzlichen Ausbruch einer genetischen Erkrankung (HSP). Ich finde es gut, dass Frau Lierhaus Ihren Weg zurück ins „Leben“ so detailliert beschreibt. Es gehört mit Sicherheit Mut dazu, so offen über alles zu sprechen, auch wenn es nicht immer angenehm ist. So kann Sie anderen Mut machen, nie aufzugeben und immer nach neuen Möglichkeiten zu suchen, es weiter zu versuchen. Das Leben hört ja nicht auf, nur weil man im Rollstuhl sitzt. Ich weiss, dass das leichter gesagt als getan ist. Aber ich habe herausgefunden, dass es immer eine Lösung gibt. Und es gibt auch immer Menschen, die einem weiterhelfen. Diese Erfahrung hat Frau Leihhaus ja auch gemacht.

    14. Januar 2016 at 20:37

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