Mordfall Peggy: Die vielen Ungereimtheiten

Ulvi Kulaç wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt – möglicherweise nur deshalb, weil er geistig behindert ist und sich nicht richtig verteidigen konnte. Eine ARD-Dokumentation rollt den Fall auf.

Peggys Grab (Foto: BR)

In den USA sorgt die bevorstehende Hinrichtung eines geistig behinderten Mannes im US-Bundesstaat Georgia für Empörung. Der wegen Mordes verurteilte dunkelhäutige Warren Hill soll am Mittwoch per Giftspritze exekutiert werden. Eine echte Chance hatte der 52-Jährige nie: Sein halbes Leben verbrachte er im Gefängnis, sein Verständnis gleiche dem eines Sechstklässlers, sagte sein Anwalt Brian Kammer. Er hat einen letzten Versuch unternommen, das Todesurteil abzuwenden und beim Staat ein Gnadengesuch eingereicht. Die Chancen dafür sind laut Medienberichten aber sehr gering. Im vergangenen Jahrzehnt hat das Komitee die Strafe nur in vier von 27 Fällen herabgesetzt.

Ein Urteil ohne Leiche und Indizien

Ganz so schlimm ist es bei uns nicht – doch auch im Fall der vermutlich ermordeten Peggy Knobloch könnte die Justiz mit ihrem Urteil schreiendes Unrecht begangen haben: 2001 war das neunjährige Mädchen auf dem Heimweg von der Schule spurlos verschwunden. Ihre Leiche wurde nie entdeckt. Indizien? Fehlanzeige. Da der damals 24-jährige Ulvi Kuliç durch exhibitionistische Handlungen aufgefallen war, wurde er im Rahmen der Ermittlungen sofort als Hauptverdächtiger geführt. Nur aufgrund von damals schon sehr umstrittenen Zeugenaussagen und eines unter fragwürdigen Umständen zustande gekommenen Geständnisses wurde 2004 der geistig behinderte Kulaç vom Landgericht Hof wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Er habe damit, so die Hypothese des Gerichts, ein Sexualdelikt an Peggy vertuschen wollen – ROLLINGPLANET berichtete: Muss der Fall der kleinen Peggy neu aufgerollt werden? und Der Fall Peggy: Was wird die Mutter des verschwundenen Mädchens sagen?

Gerechtigkeit für Ulvi Kulaç

Kulaç mit seinem Rechtsanwalt Euler (Foto: Initiative Gerechtigkeit für Ulvi Kulaç)

Kulaç wurde am 13. Dezember 1977 in Naila/Oberfranken geboren. Als Dreijähriger erkrankte er an einer Hirnhautentzündung (Meningokokken-Meningitis). Seine kognitiven Fähigkeiten werden mit denen eines Erstklässlers verglichen. Während des Prozesses konnte er zeitliche Abläufe nicht einordnen. Er wusste, wie alt seine Eltern sind, aber konnte ihre Geburtsdaten nicht nennen. An seine Schulzeit kann er sich nicht erinnern; er weiß aber, dass seine Schwester bei einem Autounfall tödlich verunglückte.

Seit Jahren kämpft sein neuer Frankfurter Rechtsanwalt Michael Euler für eine Wiederaufnahme des Verfahrens – noch ohne Erfolg. Unterstützt wird er dabei von einer Bürgerinitiative. Zu ihnen zählt Gudrun Rödel, die 2005 vom Gericht zur Betreuerin Kulaçs bestellt wurde, und nur wenige Monate später von seiner Unschuld überzeugt war. Sie startete vor fünf Jahren die Webseite „Gerechtigkeit für Ulvi Kulaç“.

Dokumentation in der ARD

Die ARD zeigt am Mittwochabend (18.7.2012, 23 Uhr) die Dokumentation „Mord ohne Opfer“ von Christian Stücken, die neue Beweise für die Unschuld von Ulvi Kulaç liefern will. So sagt der psychisch kranke Kronzeuge Peter H., er habe seine belastenden Aussagen erfunden, weil die Polizei ihn dazu drängte. Auch andere Zeugen korrigieren nun ihre damaligen Ausführungen. Den Beamten wird erhebliche Schlamperei bei den Ermittlungen vorgeworfen. Das Fazit der Filmautors: Kulaç kann den Mord, so wie ihn das Gericht in seinem Urteil darstellt, nicht begangen haben.

ROLLINGPLANET verzichtete in vergangenen Beiträgen zu diesem Thema darauf, die Nachnamen von Peggy und Ulvi zu nennen. Inzwischen wurden diese jedoch von Verwandten und Beteiligten in der Öffentlichkeit bekannt gemacht.

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