""

München lässt Rollstuhlfahrer nicht nach Afrika einreisen

Klammheimlich, aber offiziell: Die Olympiahalle in der bayerischen Landeshauptstadt verbietet Rollis die Show „Afrika, Afrika“. Von Lothar Epe

André Heller (r.) mit Georges Momboye (l.) und anderen Künstlern seiner "Afrika, Afrika"-Show (Foto: AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG)

André Heller (r.) mit Georges Momboye (l.) und anderen Künstlern seiner „Afrika, Afrika“-Show (Foto: AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG)

Die von André Heller konzipierte und inzwischen wieder von ihm selbst geleitete Show „Afrika, Afrika“ hat viele Fans (bisher 4 Millionen Besucher) – für einige von ihnen heißt es allerdings: Kein Zutritt. Bei den Münchner Vorstellungen bleiben Rollstuhlfahrer/innen draußen – aufgrund von „feuerschutzpolizeilichen Vorschriften“. Offiziell gemacht wurde das bisher nicht, klammheimlich jedoch der Ausschluss realisiert. Die Beteiligten schieben sich nun aufgrund von ROLLINGPLANET-Recherchen gegenseitig die Schuld in die Schuhe.

Als „noch exzentrischer und noch spektakulärer“ wird die multimediale Neuinszenierung mit 77 Künstlern angekündigt, die vom 8. bis 11. März 2014 in der Münchner Olympiahalle gastiert. Die wurde anlässlich der XX. Olympischen Sommerspiele 1972 gebaut. Das Fassungsvermögen beträgt 12.150 Sitzplätze bei bestuhlter Arena (bis zu 14.000 Plätze bei unbestuhlter Arena). In der nacholympischen Nutzung fanden und finden hier neben Sportveranstaltungen auch zahlreiche Veranstaltungen aus den Bereichen Show und Kultur statt.

Aus der aktuellen "Afrika, Afrika"-Show (Foto: AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG)

Aus der aktuellen „Afrika, Afrika“-Show (Foto: AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG)

Keine Tickets für Rollstuhlfahrer

ROLLINGPLANT-Leser Wassili Kirtopoulos gehört zu jenen, die „Afrika, Afrika“ nicht in der bayerischen Landeshauptstadt erleben dürfen. In der zweiten Oktoberwoche versuchte er beim Ticketservice „Eventim“ telefonisch zwei Karten für die Münchner Vorstellung am 8. März 2014 zu bestellen. Ein vergeblicher Versuch, wie sich schnell herausstellte. Ausverkauft? Keineswegs. Kirtopoulos ist Rollstuhlfahrer (wegen einer Muskelatrophie). Deshalb gibt es für ihn und seine Begleitung keinen Einlass.

Wassili-KirtopoulosKirtopoulos (Foto: privat) wunderte sich und hakte nach: „Ich habe die Dame gefragt, wo denn da eigentlich das Problem sei.“ Diese empfiehlt, sich mit der Frage direkt an den Veranstalter zu wenden. Das macht der 48-Jährige, der als ehemaliger Trainer der „Munich Animals“ zwei Mal den Titel im Deutschen Elektrorollstuhl-Hockey holte. Am 12. Oktober 2013 ruft er die „AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG“ in Mannheim an.

Der Veranstalter ist sich des Problems nicht bewusst

Die sieht sich außerstande, dem Rollstuhlfahrer weiterzuhelfen und zeigt sich überrascht angesichts der Beschwerde. „Die Dame am Telefon war zwar sehr nett“, so Kirtopoulos, „sagte aber, sie könne das leider auch nicht ändern.“ Sein Hinweis, dass in der Olympiahalle immer wieder auch Konzerte stattfinden, ohne dass feuerschutzrechtliche Umstände die Veranstalter daran hindern, ausreichend Plätze für Rollstuhlfahrer und ihre Begleiter zur Verfügung zu stellen, führt lediglich zu einem weiteren verbalen Achselzucken.

Die Dame macht eine klasse Figur – aber nicht für Wassili Kirtopoulos und  im Gegensatz zu den Veranstaltern und der Olympiahalle München (Foto: AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG)

Die Dame macht eine klasse Figur – aber nicht für Wassili Kirtopoulos und im Gegensatz zu den Veranstaltern und der Olympiahalle München (Foto: AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG)

Eine telefonische Nachfrage von ROLLINGPLANET bei der AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG führt zu der gleichen Auskunft. Auf die Bitte um eine offizielle Stellungnahme reagiert zunächst niemand. Erst nach nochmaligem Nachhaken äußerte sich nun ein Verantwortlicher des Unternehmens.

Von einem Verbot für Rollstuhlfahrer in München – immerhin einer der wichtigsten Stationen auf der Deutschland-Tournee – war ihm zunächst nichts bekannt. Fünf Minuten später hatte er sich informiert, wir telefonieren erneut. Der Veranstalter räumt nun ein, dass es dieses Verbot gibt – und betont, dass „Afrika, Afrika“ nichts gegen Menschen mit Behinderung habe, ganz im Gegenteil. Für die Maßnahme seien die Münchener verantwortlich.

„Das Problem tritt nur alle zehn Jahre auf“

Tatsächlich bestätigt die Olympiapark München GmbH, eine hundertprozentige Beteiligungsgesellschaft der Stadt München, auf ROLLINGPLANET-Anfrage, dass Rollstuhlfahrer als Gäste für „Afrika, Afrika“ nicht zugelassen sind. Sie verweist darauf, dass die Sicherheit von Rollstuhlfahrern nicht gewährleistet sei. Barrierefrei lasse sich die Olympiahalle nicht machen, „da müssten wir das ganze Ding abreißen und neu aufbauen“.

Die „Afrika, Afrika“-Macher, so der Olympiapark, hätten ihren Bühnenaufbau im Gegensatz zu anderen Veranstaltern so konzipiert, dass die erforderlichen Fluchtwege für gehbehinderte Menschen nicht mehr verfügbar seien und keine andere Entscheidung außer einem Eintrittsverbot für Rollstuhlfahrer möglich gewesen sei. Daher sei eine Problematik entstanden, „die nur alle zehn Jahre auftritt“. Also alles halb so schlimm.

Der Veranstalter wiederum will diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Er beruft sich auf die kleinlichen Vorschriften des Münchner Ordnungsamtes. Als Lösung sieht man derzeit nur, interessierten Rollstuhlfahrern die Aufführungen im benachbarten Bamberg (230 Kilometer entfernt, 12. März 2013, Dreiländerhalle) oder Passau (193 Kilometer entfernt, 13. März 2013, broseArena) zu empfehlen.

Spätestens jetzt weiß auch Wassili Kirtopoulos, dass Afrika nicht einen Katzensprung von München entfernt ist.

(RP)


ROLLINGPLANET wirkt: Jetzt dürfen Rollstuhlfahrer doch rein »

Liebe rollstuhlfahrende Minderheit aus München, regt Euch jetzt nicht auf. Bitte verweist nicht auf die UN-Behindertenrechtskonvention und die darin vorgeschriebene Inklusion. Hier könnt Ihr tolle Bilder von der Veranstaltung angucken, das muss reichen:

AfrikaAfrika2013_a4452

AfrikaAfrika2013_a4474-1

AfrikaAfrika2013_a4508

AfrikaAfrika2013_a4523

AfrikaAfrika2013_a4740

AfrikaAfrika2013_a4868

AfrikaAfrika2013_a5082

AfrikaAfrika2013_a5259

AfrikaAfrika2013_a5357

AfrikaAfrika2013_a5434

AfrikaAfrika2013_b5973-2_YogaYoga

AfrikaAfrika2013_b6361

AfrikaAfrika2013_b7244

AfrikaAfrika2013_c044

AfrikaAfrika2013_c131_Gumboots

(Alle Fotos: AFRIKA! Zirkus- und Veranstaltungs-GmbH & Co. KG)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

12 Kommentare

  • Steffen Köbler

    Jambo,
    das ist ne absolute Frechheit. Für alles gibt es Lösungen sicherlich mit positiver Einstellung auch hierfür.
    Das so etwas bei einem Großveranstalter vor kommt ist echt ein Witz. Ich denke da müssten ein paar Leute eine Abmahnung bekommen.
    Kwaheri & Grüße
    Steffen

    7. November 2013 at 11:04
  • Kerstin Heine

    Is doch nicht zu fassen!!

    7. November 2013 at 11:07
  • Friederike Beh

    Unglaublich…

    7. November 2013 at 11:12
  • Thomas

    Diese Pseudobesorgheit um die Sicherheit von Rollifahrern ist wohl ein Witz. Wenn man sich Gedanken geamcht hätte hätte man das auch im Vorhinein sicherstellen können. Das zeigt nur, dass die Leute statt der UN-BRK ein Paragraphenbollwerk haben.

    7. November 2013 at 12:41
  • Kathrin Engel

    Unglaublich sowas!

    7. November 2013 at 23:01
  • Hadde

    Typisch Münchner Stadtverwaltung. Außen hui innen pfui. Erbsenzähler auf allen Positionen ob Sachbearbeiter oder Kreisbrandrat.Beschämend ehrlich dargestellt von Vasilly.
    Für wieviel Millionen Euro wurde die Olympiahalle in den letzten 5 Jahren umgebaut.? Behindertenrechtskonvention hin oder her. Bereits 1981 war das JAHR DER BEHINDERTEN.Ich habe Hausverbot in der Olympiahalle und am MUC Airport Franz Josef Strauß. Vielen Dank für den Bericht in eurem Forum. Weiter so. Ich kann und werde euch unterstützen auch mit dokumentierten Schriftstücken der Olympia GmbH.
    CU
    Hadde

    8. November 2013 at 01:32
  • Heidi

    Das betrachten von Bildern ist keineswegs eine Entschädigung dafür, daß wir Rollstuhlfahrer draußen bleiben müssen. Dieses Rollstuhlfahrerverbot gibt es nicht nur bei Afrika Afrika in München, sondern überall in unserer Republik. Zum Beispiel im Berliner Fernsehturm und in jedem Freizeitpark. Als der Moviepark in Bottrop Kirchelln noch neu war, durften Rollstuhlfahrer alle Fahrgeschäfte mitmachen. Voraussetzung war nur, daß Fahrgeschäft selbständig betreten und verlassen zu können. In einigen anderen Freizeitparks war das damals ähnlich. Heute dürfen wir Rollstuhlfahrer nirgendwo mehr ein Fahrgeschäft betreten. Angeblich grenzt man uns aus Sorge um unsere Sicherheit aus. Jemand im Fernsehen nannte es Apartheit. Ich nenne es Bevormundung. Jeder Fußgänger darf selber entscheiden in welchem Maß er sich einem Risiko aussetzt oder nicht. Rollstuhlfahrern müssen diese Entscheidung fremden Menschen überlassen. Auf jedem Becher mit heißem Kaffee steht „Vorsicht Verbrühungsgefahr“. Da gibt es beim Verkauf keine Sicherheitsbedenken gegenüber Rollstuhlfahrern. Man vertreut ihm den heißen Kaffee genauso an wie einem Fußganger. Der Verkäufer vertraut darauf das der Käufer die Warnung liest und richtig einschätzt. Wieso können die Betreiber solcher Events uns Rollstuhlfahrern bei solchen Sicherheitsbedenken nicht auf die gleiche Weise das Risiko unseres Besuches selber tragen lassen, in dem man auf die Eintrittskarte für Rollstuhlfahrer drucken läßt: „Besuch der Veranstaltung oder Benutzung der Fahrgeschäfte auf eigene Gefahr!“.

    8. November 2013 at 09:03
    • Ute Rettkowski

      Also ich wohne in Bayern und mir wurde als Rollstuhlfahrer noch nirgendwo der Zutritt versagt, weder Legoland, noch in Geiselwind oder Playmobil Funpark und wie sie noch alle heissen. Im Legoland in Günzburg werden die Fahrgeschäfte zum Teil sogar angehalten, dass du als Gehbehinderter einsteigen kannst. Also nicht ALLES ist negativ. Wobei sich die Stadt München schon was überlegen könnte…ich gglaube da bleibt ein kleiner Imageschaden hängen.

      8. November 2013 at 15:56
  • Oswald Utz

    Sobald ich am Montag wieder im Büro bin, werde ich nachhacken. Dank an Rollingplanet für die Veröffentlichung.
    Oswald Utz
    ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter
    der Stadt München

    8. November 2013 at 13:17
  • ursula lehmann

    in Berlin hatten wir wegen der limitierten 4 Rolli-Stellplätze im Congress Centrum 20 sog. normale Karten gekauft und hatten damit eine illegale Berechtigung, den Eintritt ein zu fordern. Der Protest dauerte 1 Stunde, in dieser Zeit durften sich die Ehrengäste wie z.B. der Regierende Bürgermeister, der Bischof, der Bürgermeister von L.A. und viele Promis nicht setzen. Um der Veranstaltung die nötige Würde zu geben, bekamen alle 24 Rollis Einlass. So ein Vorfall ist nie wieder vor gekommen. Die Platzanzahl wurde generell auf 10 erhöht. „Wir müssen stören, bis sie uns hören“. .

    8. November 2013 at 17:31
  • ROLLINGPLANET
    Rollingplanet

    Aufgrund unseres Berichts dürfen Rollstuhlfahrer nun doch rein:

    http://rollingplanet.net/2013/11/08/afrika-afrika-ploetzlich-ganz-nah/

    8. November 2013 at 17:43
  • ROLLINGPLANET
    Rollingplanet

    Hier nun der Bericht der „Süddeutschen Zeitung“:

    http://rollingplanet.net/2013/11/09/wenn-exklusion-statt-inklusion-eine-kuh-ist/

    9. November 2013 at 16:14

KOMMENTAR SCHREIBEN