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Münchens Blindenfußballer streben Bundesliga an

In der bayerischen Landeshauptstadt formt sich jetzt ein neues Team. Von Simon Ribnitzky

Ehrgeizige Ziele (v.r.n.l.): Die Blindenfußballer Astrit Berisha, Dorleld Fetahaj und Jakob Habersbrunner mit ihrem Trainer Ramon Pryssok (Foto: Simon Ribnitzky/dpa)

Ehrgeizige Ziele (v.r.n.l.): Die Blindenfußballer Astrit Berisha, Dorleld Fetahaj und Jakob Habersbrunner mit ihrem Trainer Ramon Pryssok (Foto: Simon Ribnitzky/dpa)

Vorsichtig tastet Astrit Berisha mit dem Fuß nach dem gelben Ball, der rollt laut rasselnd vor dem 33-Jährigen her. Je näher er dem Ball kommt, desto langsamer wird Astrit. In einer Ecke der Halle schieben sich Dorleld Fetahaj (15) und Jakob Habersbrunner (14) den Ball zu. Beim Versuch, die Kugel zum Mitspieler zu passen, tritt der Fuß schon mal ins Leere. Alle drei sind blind. Und trotzdem spielen sie Fußball. „Ich liebe Fußball“, sagt Astrit. Beim Achtmeter-Schießen knallt er den Ball mit Wucht Richtung Tor.

Ramon Pryssok ist vom ersten Training seiner neuen Mannschaft begeistert. „Am Anfang sieht das ein bisschen hilflos aus, aber irgendwann kommt das“, sagt der 25 Jahre alte Trainer, der in München ein Team aufbauen will. Astrit hat vor ein paar Jahren schon mal Blindenfußball gespielt, für die beiden anderen ist es das erste Training überhaupt. „Ich geb’ dem Ganzen hier zwei Jahre, dann spielen wir Liga“, sagt Pryssok.

Seit 2008 gibt es eine Liga

Liga – das ist die Blindenfußball-Bundesliga. Die gibt es seit 2008, Pryssok hat selbst viele Jahre für Würzburg in der Liga gekickt. Neun Mannschaften gibt es derzeit, die an fünf Spieltagen im Jahr um die deutsche Meisterschaft kämpfen. Oft wird auf zentralen Plätzen mitten in der Stadt gespielt, vor mehreren 1000 Zuschauern. Am erfolgreichsten ist dabei die Blindenfußballmannschaft aus Stuttgart, schon fünfmal sicherte die sich den Meistertitel.

Fußball spielen ohne etwas zu sehen? Gerade weil das für Laien so unvorstellbar erscheint, fänden viele Zuschauer Blindenfußball faszinierend, sagt Dennis Grädtke vom Deutschen Behindertensportverband, einem Mitveranstalter der Bundesliga. „Der Sport ist unglaublich rasant“, erzählt Grädtke. Auf die neue Mannschaft aus München freut er sich: „Je mehr Teams, desto besser.“

Bis dahin wird in München fleißig trainiert. Pryssok rennt mit dem Ball auf seine Schützlinge zu; sie müssen versuchen, ihrem Trainer die Kugel abzunehmen. Nähert sich einer dem ballführenden Spieler, muss er laut „Voy“ – spanisch für „ich komme“ – rufen, um sich anzukündigen. „Viel zu spät“, ruft Pryssok, als er fast mit Jakob zusammenprallt. „Du musst früher ,Voy‘ rufen!“

Regeln beim Blindenfußball

Blindenfußball funktioniert vor allem über Zurufe und Rasseln im Spielball. Sie signalisieren den Blinden, wo der Ball gerade ist. Jedes Mannschaftsmitglied, das sich dem ballführenden Spieler nähert, muss „Voy“ rufen. Das ist spanisch und bedeutet „Ich komme“. In jeder Mannschaft gibt es vier Feldspieler und einen Torwart, der normal sieht, seinen Torraum aber nicht verlassen darf. Torwart, Trainer und ein spezieller Guide dirigieren die Spieler durch Zurufe.

Die Spielzeit beträgt zweimal 25 Minuten mit zehnminütiger Pause. Jedes Team darf in der ersten und der zweiten Spielhälfte jeweils eine Auszeit nehmen, es darf unbegrenzt gewechselt werden. Das Spielfeld misst 20 mal 40 Meter und ist seitlich durch Banden begrenzt. Zum Vergleich: Ein Fußballfeld für Bundesligaspiele ist mindestens 45 mal 90 Meter groß.

Das Tor entspricht mit zweimal drei Metern einem Handballtor. Ruft ein Fußballer nicht „Voy“, obwohl er sich dem ballführenden Spieler nähert, ist das ein Foul. Nach vier Fouls eines Teams gibt es einen Achtmeter für den Gegner. Ansonsten gelten die üblichen Fußballregeln.

Unterstützung von Sehenden

„Orientierung im Raum ist mega wichtig“, urteilt Pryssok. Hören, wo sich Ball und Gegenspieler befinden, antizipieren, an welcher Stelle des Spielfelds man sich befindet und ob man möglicherweise gleich gegen die Bande knallt. „Man muss den Leuten die Hemmungen nehmen“, sagt Pryssok und lässt seine Schützlinge mit Vollgas durch die Halle sprinten. Es geht ihm auch um Ballgefühl. „Fuß drauf zum Kontrollieren, nicht kicken!“, ruft Pryssok Astrit zu, dem der Ball einige Meter vom Fuß springt. „Man kann der beste Stürmer sein, aber ohne Ballgefühl geht nichts.“

Blindenfußball-Trainer Ramon Pryssok (l) rennt beim Training in der Halle des Post SV München (Bayern) mit dem Ball auf Dorleld Fetahaj zu. (Foto: Simon Ribnitzky/dpa)

Blindenfußball-Trainer Ramon Pryssok (l) rennt beim Training in der Halle des Post SV München (Bayern) mit dem Ball auf Dorleld Fetahaj zu. (Foto: Simon Ribnitzky/dpa)

Ganz ohne die Unterstützung von Sehenden auch nicht – im Training wie in der Bundesliga. Die Trainer dirigieren ihre Teams von der Seitenlinie, zudem gibt es einen Guide, der hinter dem gegnerischen Tor steht. „Der darf Anweisungen geben, sobald sich der Spieler mit dem Ball in Tornähe befindet“, erklärt Grädtke. Auch die beiden Torhüter sind nicht blind. Die Feldspieler rennen dagegen alle mit einer Augenbinde über den Platz, um Unterschiede im Sehvermögen auszugleichen. Auch beim Training in München hat Pryssok an Astrit, Dorleld und Jakob schwarze Augenbinden verteilt. „Die tragen wir ab jetzt immer, auch wenn es sich unangenehm anfühlt.“ Fasst sich ein Spieler in der Bundesliga an die Augenbinde, ist das ein Foul.

Zum Schluss des ersten Trainings reicht es sogar schon für ein kurzes Spiel. Astrit, Dorleld und Jakob sollen gegen den angreifenden Pryssok verteidigen. Zunächst noch etwas zögerlich, haben die drei im Laufe des Trainings Vertrauen gefunden und gehen mutig zum Ball. „Voy!“, brüllt Astrit, nimmt Pryssok den Ball vom Fuß und tritt ihn in hohem Bogen quer durch die Halle. Der Trainer strahlt. „Super, genau so muss das sein! Geh‘ in den Ball rein! Hau‘ mich weg!“

(dpa)

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