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Multiple Sklerose: Myelinschäden sind nicht Auslöser

Forscher machen im Reagenzglas Gene ausfindig (Foto: S. Roßmann/pixelio.de/)

Für DSDS, Dieter Bohlen, RTL und andere Medien dürfte diese Nachricht zu schwierig sein – für Betroffene mit MS ist sie aber spannend: Es gibt deutliche Hinweise, dass nicht die Nerven, sondern das Immunsystem eine Schlüsselrolle bei der Erkrankung spielen. 57 Risikofaktoren wurden untersucht.

(pte/RP) – Auch wenn es Doktor Bohlen enttäuschen wird: MS ist keine Knochenkrankheit, sondern eine Autoimmunerkrankung, bei der körpereigene Abwehrzellen das Myelin in Gehirn und Rückenmark angreifen. Myelin umhüllt Nervenzellen und ist wichtig für deren Funktion, Reize als elektrische Signale weiterzuleiten.

Über die Entstehung von MS gibt es mehrere Modelle. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut beispielsweise vermuten Darmbakterien als Ursache. Eine bisher gängige Erklärung lautete, dass Schäden im Myelin der entscheidende Auslöser der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS) sind. Möglicherweise wurde dabei jedoch Folge mit Ursache verwechselt.

Erkenntnisse aus Tierversuchen

Eine soeben in der Fachzeitschrift „Nature Neuroscience“ publizierte Studie von Forschern der Universität Zürich kommt zu dem Schluss, dass die Myelin-Theorie falsch ist und der Auslöser statt bei den Nerven im Immunsystem liegt. Damit wird eine andere, internationale Untersuchung (August 2011 in „Nature“ erschienen) unterstützt, die 30 genetische Risikofaktoren für MS identifizierte. Unter der Leitung der University of Cambridge und der University of Oxford waren Daten von fast 10.000 MS-Patienten ausgewertet worden.

Die Züricher Forscher untersuchten Mäuse, die aufgrund genetischer Manipulation Myelindefekte ohne Immunantwort aufwiesen. Zu Studienbeginn glichen die Schäden stark den charakteristischen Beobachtungen bei MS-Patienten. Anschließend blieb jedoch eine weitere MS-ähnliche Entwicklung aus. Folgeexperimente bestätigten, dass eine Infektion – die in der Regel für eine aktive Immunabwehr sorgt –, bei gleichzeitigen Myelinschäden noch nicht zur MS-Erkrankungen führen.

„Sofern es sich im Tierversuch erheben lässt, können wir die Myelin-Hypothese endgültig ausschließen“, erklärt der Neuroimmunologe Burkhard Becher, der die Forschungsarbeit leitete. „Der primäre Auslöser ist somit zwar weiter unklar“. Er dürfte jedoch „in einer fehlerhaften Regulation des Immunsystems liegen“, so Becher.

57 Risikofaktoren für Multiple Sklerose entdeckt

Bei der vor einem halben Jahr in „Nature“ veröffentlichten Studie handelte es um die bisher größte Erhebung über den Zusammenhang von Genen und MS. Die Wissenschaftler analysierten die Gene von annähernd 10.000 MS-Patienten und mehr als 15.000 Personen in der Kontrollgruppe.

Dabei wurden 57 Genvarianten gefunden, die kombiniert das Risiko für den Ausbruch von MS drastisch erhöhen. 80 Prozent dieser Gene spielen in der Regulation von T-Lymphozyten und somit des Immunsystems eine wichtige Rolle.

Simon Gillespie von der MS Society zeigte sich optimistisch, dass die bekannt gewordenen Risikofaktoren helfen könnten, eines Tages einen neuen Behandlungsansatz oder sogar eine Heilungsmöglichkeit zu finden.

Die meisten der identifizierten Gene stehen in Zusammenhang mit der Immunität und bestätigen damit die Annahme, dass sich die Krankheit bildet, wenn sich das körpereigene Verteidigungssystem gegen sich selbst wendet. Gene sind jedoch nur zum Teil verantwortlich. Auch andere Faktoren wie Vitamin D oder eine Virusinfektion scheinen eine wichtige Rolle zu spielen.

23 bereits bekannte genetische Variationen, die häufig in der Bevölkerung vorkommen und das Erkrankungsrisiko leicht erhöhen, wurden bestätigt und 29 neue identifiziert. Weitere fünf stehen im starken Verdacht, eine Rolle zu spielen. Damit werden im Augenblick 57 genetische Variationen mit Multipler Sklerose in Zusammenhang gebracht.

Weltweit sind 2,5 Mio. Menschen betroffen

Alistair Compston von der University of Cambridge erklärt, dass plötzlich eine große Anzahl neuer Gene, die erforscht werden müssen, zur Verfügung steht: „80 Prozent der Gene, die bei diesen 57 Treffern eine Rolle spielen, haben einen immunologischen Hintergrund. Das schreit geradezu danach, dass es sich um eine Immunerkrankung handelt. Diese Bestätigung ist von großer Bedeutung.“

Weltweit haben rund 2,5 Mio. Menschen MS, in Deutschland sind ungefähr 120.000 bis 130.000 Menschen betroffen. Die Krankheit wird nicht direkt vererbt und nicht durch ein einzelnes Gen hervorgerufen. Es wird jedoch angenommen, dass eine Kombination von häufig in der Bevölkerung vorkommenden Genen die Anfälligkeit für die Krankheit erhöht. Weitere Umweltfaktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Dazu gehören Viren und Bakterien oder das durch den Kontakt mit Sonnenlicht entstehende Vitamin D.

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