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Multiple Sklerose: Neurologen fordern Verbot umstrittener Therapie

Gefährlicher Eingriff an Blutgefäßen – immer mehr Kritik an „Liberation Treatment“.

Bei "Liberation Treatment" erfolgt ein Engriff an den  Halsvenen (Foto: Kawa)

Bei „Liberation Treatment“ erfolgt ein Engriff an den Halsvenen (Foto: Kawa)

Das sogenannte „Liberation Treatment“, das weltweit bereits an etwa 30.000 Multiple-Sklerose-Patienten durchgeführt worden sein soll, hat in einer Studie die Erwartungen nicht erfüllt. Die auf der Jahrestagung der American Academy of Neurology vor kurzem vorgestellten Ergebnisse schließen nicht einmal aus, dass die umstrittene Therapie die Krankheitsaktivität fördert, statt die Symptome zu mildern.

Dem „Liberation Treatment“ liegt die Annahme zugrunde, dass die multiple Sklerose (MS), die heute allgemein als Autoimmunerkrankung interpretiert wird, in Wirklichkeit die Folge einer venösen Abflussstörung im Gehirn ist, die als chronische cerebro-spinale venöse Insuffizienz (CCSVI) bezeichnet wird.

Die Hypothese wurde 2008 von dem Neurologen Paulo Zamboni von der Universität Ferrara/Italien aufgestellt. Sie stieß auch andernorts auf Interesse, zumal Zamboni bei vielen Patienten mittels Dopplersonographie tatsächlich eine verminderte venöse Perfusion im Gehirn nachweisen konnte (was allerdings andere Zentren nicht immer bestätigen konnten).

Auch renommierte Zentren begannen, das „Liberation Treatment“ anzubieten. Viele machten jedoch die Erfahrung, dass die Therapie nicht ohne Risiken ist – seit 2010 werden auch Todesfälle berichtet. Es gibt jedoch weiterhin viele Zentren, die das Liberation Treatment ohne Bedenken anbieten. Die Behandlung ist laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie auch in Deutschland verbreitet.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) – an der Spitze Prof. Dr. med. Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum, der als der führende deutsche MS-Experte gilt (ROLLINGPLANET berichtete: Prof. Dr. med. Ralf Gold mit dem Nobelpreis der Multiple-Sklerose-Forscher geeehrt) – fordert jetzt ein Verbot der auch in Deutschland verbreiteten Therapie. Diese sollte nur noch innerhalb klinischer Studien durchgeführt werden. ROLLINGPLANET dokumentiert nachfolgend die Stellungnahme der DGN.

Kein Nutzen durch umstrittenen Eingriff an Blutgefäßen

Ein Eingriff an den Halsvenen, der angebliche Blutflussblockaden bei MS-Patienten beseitigen soll, hat in der bislang strengsten Untersuchung zu diesem Thema schlechtere Ergebnisse erbracht als eine Scheinbehandlung. Dies berichteten die Studienärzte aus New York auf der weltweit größten Neurologen-Tagung AAN in San Diego vergangene Woche.

Bereits im Jahr 2010 hatte die DGN erstmals vor dem Eingriff gewarnt und darauf hingewiesen, dass die zugrunde liegende Venöse Stauungshypothese der MS (CCSVI) nicht haltbar ist. Dennoch wurden bisher weltweit rund 30.000 Eingriffe vollzogen – unter anderem auch in Deutschland.

Nun haben sich die Befürchtungen in der ersten randomisierten, kontrollierten und doppelblinden Studie bestätigt. „Wir fordern deshalb endgültig ein Verbot derartiger Eingriffe außerhalb klinischer Studien“, sagt Professor Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik am St. Josef-Hospital, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum, und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Wir müssen MS-Patienten trotz ihrer großen Hoffnungen dringend davon abraten, das sogenannte Liberation Treatment in Anspruch zu nehmen“, warnt Prof. Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik der TU München und Sprecher des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS).

Die Forscher der University at Buffalo, New York, erklären ihre Arbeit in einem Video auf Youtube (siehe Video unten): In der sogenannten PREMiSe-Studie (Prospective Randomized Endovascular Therapy in MS) hatte man zunächst zehn Patienten endovaskulär behandelt, ohne dabei schwerwiegende Nebenwirkungen zu beobachten. Die nächsten 19 Patienten, deren Daten nun vorgestellt wurden, hatten nach dem Losverfahren entweder eine echte Venoplastie erhalten, bei der die innere Drosselvene (Vena jugularis interna) oder die Vena azygos mit einem Ballonkatheter aufgeweitet wurde, oder sie erhielten eine Scheinbehandlung, bei der lediglich der Katheter eingeführt wurde.

Nach sechs Monaten war der Allgemeinzustand von neun Patienten in der ersten Gruppe jedoch generell schlechter als bei den zehn Kontrollpatienten. Nach der Venoplastie war es zu vier MS-Schüben gekommen, verglichen mit nur einem Schub in der Kontrollgruppe. Die per Kernspintomografie vermessenen und für die MS typischen Läsionen im Gehirn der Patienten waren nach der aktiven Behandlung weder bezüglich des Volumens noch der Anzahl geringer als unter der Scheinbehandlung. Im Gegenteil zeigte sich hinsichtlich einiger Parameter ein starker Trend zu einer vermehrten Krankheitsaktivität nach der Venoplastie.

Positive Erwartung, negatives Ergebnis

Beachtenswert sind diese Ergebnisse nicht nur, weil die auch als Liberation Treatment bekannte Behandlung seit 2009 an weltweit etwa 30.000 MS-Patienten durchgeführt wurde, bevor man ihren Nutzen jetzt erstmals in einer randomisierten, doppelblinden Studie überprüft hat.

Auch sind die zwei Studienleiter Professor Robert Zivadinov und Dr. Adnan Siddiqui, beide von der University at Buffalo, The State University of New York, School of Medicine, dafür bekannt, dass sie der CCSVI-Hypothese eher zugeneigt waren als die meisten ihrer Kollegen. Entsprechend verhalten fällt auch die Beurteilung aus.

„Es war ziemlich das Gegenteil von dem, was wir erwartet haben. Die wichtigsten Resultate sind, dass die Behandlung zwar sicher war und es keine schwerwiegenden Nebenwirkungen gegeben hat, dass sie aber auch keine anhaltende Besserung bei den MS-Patienten bewirkt hat“, interpretierten Zivadinov und Siddiqui.

Beide wandten sich gegen die auch in Deutschland gängige Praxis, die Venoplastie für Selbstzahler zum Preis von mehreren Tausend Euro anzubieten, solange es keinen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit gibt und zudem schwerwiegende Komplikationen bis hin zu Todesfällen im Zusammenhang mit der Venoplastie aufgetreten sind.

Als Vorstandsmitglied der DGN pflichtet Professor Gold seinem amerikanischen Kollegen Siddiqui bei: „Wir empfehlen eindringlich, dieses Verfahren nicht mehr außerhalb von klinischen Studien durchzuführen.“ „Eine Anwendung des Verfahrens für Selbstzahler ist in Anbetracht der aktuellen Studienlage absolut inakzeptabel“, fügt Professor Hemmer hinzu.

(RP/DGN)

Video: US-Forscher warnen vor Liberation Treatment

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3 Kommentare

  • Gudrun Kornexl

    Ich habe höchste Zweifel an der Seriösität dieser Studie. Wer sagt, von wem und mit welchen Mitteln diese Testpersonen behandelt wurden. Es bedarf gewisser Fähigkeiten und ausgezeichneter Instrumente, um beste Resultate zu erzielen. Diese Studie riecht danach, schlechte Ergebnisse produzieren zu wollen. Wie sonst hätten sich 30 000 Menschen weltweit behandeln lassen, wenn es zumindest nicht kleine Verbesserungen gegeben hätte! Wo auf der anderen Seite sind die Verbesserungen von der neurolog. Seite? Ich hoffe, man sieht die Taktik der Neurologen, diese Krankheit nicht hergeben zu wollen. Wenn es ihnen ernst wäre mit der Heilung von MS, würden sie mithelfen, diese Methode ernst zu nehmen und zu fördern, damit sie sich besser entwickeln kann. Es scheint, als ob ihnen ihre eigenen Interessen näher liegen. Wie kann man verlangen, eine Methode, die nachweislich Erfolge hat, zu verbieten? Ich glaube, da steckt die Anst dahinter, einsehen zu müssen, dass die medikamentöse Methode nichts gebracht hat.

    17. April 2013 at 07:26
  • Gudrun Kornexl

    Man weigert sich standhaft, die Information
    „www.ms-info.net“
    CCCSVI in MS : Weighing the Findings
    Conflict of Interest
    zu studieren und bei der Beurteilung in Betracht zu ziehen.
    Es ist von den Herren niemand interessiert, die Ursachen der MS zu erforschen. Man ist seit jahrzehnten nur daran interessiert, Symptome zu bekämpfen und das noch erfolglos! Wer hat denn das erste mal gesagt, dass MS eine Immunerkrankung ist. Weiss das jemand?

    19. April 2013 at 15:51
  • walter K.

    zur Studie: bei MS kann man keine Studie anwenden ,wie man die Wirksamkeit von Medikamenten prüft. Dort sind Scheinbehandlungen etc. ein Mittel zum Zweck. Bei der Wirksamkeit einer Dilatation bei MS zählt das Ergebnis, eine Dokumentation VORHER und NACHHER. Ausserdem ist die MS bei jedem Kranken verschieden, sodass man sehr individuell vorgehen muss und nicht alle gleichbehandeln kann. wenn man das nicht beachten will, wird wohl jede Studie zur Farce!

    22. April 2013 at 11:39

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