Multiple Sklerose: Viele wollen sich nicht outen

Bis zu 140.000 Deutsche sind an MS erkrankt, unter ihnen auch Prominente. Doch aus Angst vor Vorurteilen offenbaren sie sich nur selten. Der Umgang der Politikerin Malu Dreyer (SPD) mit ihrer Krankheit könnte das ändern.

Macht aus ihrer Diagnose MS schon seit Jahren kein Geheimnis: Malu Dreyer (Foto: Torsten Silz/dapd)

Die designierte Regierungschefin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), will offen mit ihrer Krankheit Multiple Sklerose (MS) umgehen. (ROLLINGPLANET berichtete.) Aus Sicht der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) ist das „ein wichtiges und positives Signal für alle Betroffenen“. Und so widersinnig das auch klingen mag, dazu gehören laut ROLLINGPLANET-Einschätzung selbst so oberflächliche und falsche Schlagzeilen wie diese: „Deutschlands tapferste Politikerin“ („Bild“ über Dreyer).

„Vor allem auch die neu Erkrankten sehen, dass man mit Multipler Sklerose alles erreichen kann – auch ein hohes politisches Amt“, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes, Judith Haas, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

MS ist immer noch ein Tabuthema

Prof. Judith Haas (Foto: DMSG)

Unter den MS-Patienten seien Marathonläufer, berühmte Schauspieler, Professoren und Manager, sagte die Professorin. „Doch in der Regel outen die sich nicht, weil die Krankheit leider noch so ein Gesicht in der Öffentlichkeit hat, dass Betroffene mit gewissen Ressentiments betrachtet werden.“ Dass Dreyer nun zeige, dass sie trotz Krankheit voll leistungsfähig ist und damit an die Öffentlichkeit gehe, sei eine gute Botschaft. „Vielleicht sagen dann andere ebenfalls: ‚Ja, ich habe das auch.’“

Vor allem im Berufsleben seien die Vorurteile ein großes Problem. „Gerade wenn die Betroffenen hoch qualifiziert sind, wagen sie es in der Regel nicht, sich zu outen, weil sie fürchten, sie kriegen die Stelle nicht“, sagte Haas. Sie hoffe nun, dass MS-Patienten nicht von vornherein von bestimmten Berufen ausgeschlossen werden oder dass man sie nicht einstellt, weil sie einen Schwerbehindertenausweis haben.

Ganz unterschiedlicher Krankheitsverlauf

Die Krankheit verlaufe bei jedem Betroffenen sehr individuell. Möglich sei mit der Krankheit aber alles. „Es hängt einfach davon ab, wie gut der Patient die Entzündungsherde, die kleinen Narben, die durch die Erkrankung entstehen, die ja letztlich das Rheuma des Nervensystems ist, kompensieren kann. „Das ist individuell ganz unterschiedlich.“

„Wir haben heute etwa 20 Prozent der Patienten, die mit den neuen modernen MS-Therapien praktisch ein Leben lang unbehindert bleiben“, berichtet die Chefärztin am Jüdischen Krankenhaus Berlin. Das seien ganz neue Aspekte. Modernen Therapien gebe es erst seit 1995 und die hochwirksamen erst seit Anfang dieses Jahrtausends. „Damit hat die MS ein anderes Gesicht bekommen. Je früher man eben eingreift, umso günstiger ist es für den Betroffenen.“

Risiko zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr

In Deutschland gebe es schätzungsweise 120.000 bis 140.000 MS-Patienten. Multiple Sklerose sei eher eine Krankheit junger Menschen. Das Risiko, sie zu bekommen, entstehe zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr.

Zu den Faktoren zählten die Umweltbedingungen, Ernährungsgewohnheiten und hygienischen Verhältnisse: „In den Ländern, in denen wenig Sonne scheint, ist die Krankheit häufiger“, erläuterte die Medizinerin. Je besser die hygienischen Verhältnisse seien, desto häufiger komme es zu Autoimmunkrankheiten wie Rheuma, entzündlichen Darmerkrankungen und wahrscheinlich auch Multipler Sklerose.

(dpa)

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2 Kommentare

  • HJK

    An die Verantwortlichen von ROLLING PLANET !

    An Multiple Sklerose bin ich seit rd. 20 Jahren erkrankt. Damit die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung und speziell MS-Kranken in der Gesellschaft verbessert wird, ist mir an einer öffentlichen Berichterstattung gelegen, z.B. auch über Prominente mit MS oder Angehörige von MS-Kranken.

    Da mich der Auftritt von Michelle Obama bei Lettermann
    (http://www.youtube.com/watch?v=wCiPTjyht9U) sehr berührt hat, habe ich ihr die folgenden Zeilen geschrieben.

    The White House
    First Lady Michelle Obama
    1600 Pennsylvania Avenue NW
    Washington, DC 20500
    United States of America

    Dear First Lady Michelle Obama,
    During the election campaign you mentioned your father who fell ill with multiple sclerosis.
    In an interview with talkmaster David Letterman at his Late Show you explained that your father worked very hard and loved his children to death, although he was not able to walk. You also said that you learned absolute, complete unconditional love from him and that children do not need anything else but to know that their parents adore them.
    I find it moving the way you talked about your father because your words express the pleasant feeling of warmth and solidarity.
    I am also ill with multiple sclerosis. I try to lead a happy and fulfilled life even though multiple sclerosis makes it complicated. That is the reason why I was very happy about your words! I am delighted and grateful, that you speak up for humanity as well for minorities and people who are underprivileged through disease or misery as lethargy and ignorance are increasing features in our society today.
    Sincerely yours

    Herzliche Grüße
    HJK

    2. August 2014 at 17:48
  • Vera

    Wäre wirklich gut wenn die Öffentlichkeit informierter über MS wäre:-)
    Ich habe auch lange meine Krankheit verschwiegen und bin dann auch nicht gerade auf Verständnis gestoßen.
    Das ständige „Zähnezusammenbeißen“hat mir nur geschadet!

    26. Oktober 2012 at 17:12

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