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Muss der Fall der kleinen Peggy neu aufgerollt werden?

Peggy (Polizeifoto)

In einem aufsehenerregenden Prozess wurde der geistig behinderte Ulvi K. als Mörder verurteilt. Doch jetzt wachsen die Zweifel, dass er tatsächlich schuldig ist.

Möglicherweise kommt der Fall Peggy bald erneut vor Gericht. Dies erwartet Ulvis Frankfurter Pflichtverteidiger Michael Euler. Er will beweisen, dass der 2004 wegen des Mordes am damals neunjährigen Mädchen Peggy in Hof verurteilte Ulvi K. unschuldig ist. „Wir haben handfeste Beweise, dass er es nicht war“, so der Anwalt. Auch Gudrun Rödel, die 2005 vom Gericht zur Betreuerin Ulvis bestellt wurde, ist überzeugt: Der geistig behinderte Ulvi hat das Mädchen nicht getötet.

Das Urteil 2004 wurde auch aufgrund des Geständnisses von Ulvi gefällt, obwohl es keine Leiche und keine Tatspuren gab. In solch einem Fall sprechen Kriminologen von einem „perfekten Mord“. Doch ist ein geistig Behinderter zu solch einem „perfekten Mord“ überhaupt in der Lage? Ulvi K., ein Gastwirtssohn, widerrief zwar später sein Geständnis, verurteilt wurde er dennoch. „Ihm wurde übel mitgespielt“, sagt Ursula Rödel. Die Beamten hätten keinerlei Rücksicht auf die Behinderung des Verdächtigen genommen.

Bis heute gibt es keine Leiche

Das Gericht hatte sich außerdem auf die Aussage eines Mithäftlings von Ulvi gestützt. Vor Gericht hatte dieser ausgesagt, Ulvi K. habe ihm vom Mord an dem Mädchen erzählt. Inzwischen nahm auch dieser Mann seine Aussage zurück: Er habe das bloß erfunden – in der Hoffnung auf Hafterleichterung, wenn er zur Aufklärung des Falles Peggy beiträgt.

Vor mehr als zehn Jahren war die damals neun Jahre alte Peggy im oberfränkischen Lichtenberg verschwunden. Die Polizei hatte die Gegend ebenso fieberhaft wie vergebens abgesucht. Die Leiche des Mädchens wurde nicht gefunden, obwohl sogar Tornados eingesetzt wurden. Schließlich präsentierte die Polizei Ulvi K. als mutmaßlichen Täter, der Peggy umgebracht habe, um ein Sexualdelikt an ihr zu vertuschen.

Lichtenbergs Bürger zweifeln

Eine fast schon zu einfache Auflösung eines komplizierten Falls? Das finden viele Bürger in und um Lichtenberg. Dort hat sich inzwischen eine Bürgerinitiative gegründet, die sich um Ulvis Schicksal kümmert.

Die oberfränkischen Justizbehörden wollen sich zu dem Fall derzeit nicht äußern. Eine Sprecherin des Bayreuther Landgerichts weist lediglich darauf hin, dass Ulvi K. derzeit nicht seine lebenslange Strafe wegen Mordes verbüßt. Vielmehr sitze er wegen des sexuellen Missbrauchs an Kindern in einer psychiatrischen Einrichtung. Das werde in der Diskussion um den Fall häufig vergessen.

Lesetipp

Süddeutsche Zeitung: Dominik Grafs Film zum „Fall Peggy“ – Ein Krimi, der alle Grenzen überschreitet

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