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Künftig muss sich Igor entscheiden: Dekubitus oder Paralympics

Nachrichtenticker Paralympics (Donnerstag, 13. März 2014): Beucher will nicht mit Putin mampfen +++ Robinsons Tod überschattet paralympische Snowboard-Premiere.

Italienischer Paralympionike Igor Stella für 18 Monate gesperrt

Der italienische Paralympionike Igor Stella ist nach seinem Dopingvergehen vom Internationalen Paralympischen Komitee für 18 Monate gesperrt worden. Das teilte das IPC am Donnerstagabend mit. Bei dem Sledgehockey-Spieler waren bei einem unangekündigten Test Spuren eines verbotenen Mittels entdeckt worden (ROLLINGPLANET berichtete). Es handelt sich um einen Wirkstoff einer Salbe, die der 23 Jahre alte Athlet nach eigenen Angaben zur Behandlung von Wundliegegeschwüren benutzt hatte.

„Ich habe mit ihm gesprochen, er hat gegenüber der Medizinkommission des Internationalen Paralympischen Komitees erklärt, dass er eine Salbe gegen Wundliegegeschwüre verwendet hat, ohne es innerhalb der in den Anti-Doping-Regeln vorgesehenen Zeit mitzuteilen“, hatte italienische Chef de Mission Marco Giunio De Sanctis erklärt. Die Substanzen waren bei Stella, der mit einer Spina Bifida zur Welt kam, in einem unangekündigten Blut- und Urintest am 4. März festgestellt worden – drei Tage vor dem Start der Sotschi-Spiele. (em)

Paralympics-Verbandschef Beucher lehnt Essen mit Putin ab

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa/lhe)

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/lhe)

Friedhelm Julius Beucher, Chef des Deutschen Behindertensportverbandes, hat am Rande der Paralympics von Sotschi eine Einladung zum Mittagessen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ausgeschlagen. Er werde nicht daran teilnehmen, ließ der langjährige Bundestagsabgeordnete über seine Pressestelle mitteilen. Beucher war zusammen mit den Chefs anderer Delegationen eingeladen worden. Die Beweggründe für seinen Verzicht wolle er noch im Laufe des Donnerstages detailliert mitteilen, hieß es. Der 67 Jahre alte SPD-Politiker hatte Putin zuletzt angesichts der Krise um die ukrainische Krim-Halbinsel scharf kritisiert. (dpa)

Robinsons Tod überschattet paralympische Snowboard-Premiere

Matthew Robinson † (Foto: Disabled Wintersport Australia)

Matthew Robinson † (Foto: Disabled Wintersport Australia)

Ein verhängnisvoller Unfall zwei Wochen vor Paralympics-Beginn wirft einen Schatten auf die Premiere der Snowboardcrosser bei den Weltspielen der Behinderten. Der Australier Matthew Robinson, einer der besten der Szene, stürzte beim Weltcup im spanischen La Molina und erlag kurz darauf seinen schweren Nacken-und Wirbelsäulenverletzungen (ROLLINGPLANET berichtete). Und so steht die neue Disziplin unmittelbar vor ihrem paralympischen Debüt an diesem Freitag (7.00 Uhr MEZ) in Funktionärskreisen wegen akuter Sicherheitsbedenken schon wieder auf dem Prüfstand.

„Solche Dinge müssen zum Nachdenken anregen. Wenn man eine Entscheidung getroffen hat und die sich gegen die Gesundheit der Sportler richtet, muss man auch die Kraft haben, solche Entscheidungen zu revidieren“, betonte der deutsche Verbandschef Friedhelm Julius Beucher. Auch im olympischen Bereich gelten die Snowboarder als die größten Adrenalinjunkies. Stürze und teils schwere Verletzungen gehören quasi zum Alltag. Bei den Behindertensportlern sei diese Mischung doppelt gefährlich, urteilte Beucher. „Vor und über allem muss immer die Gesundheit der Menschen stehen“, kommentierte der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete.

Snowboard ist bei den Paralympics keine eigene Sportart

Snowboard wird vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) noch nicht als eigene Sportart anerkannt, sondern ist als Ski-alpin-Disziplin kurzfristig ins Programm gerückt. Das könnte sich nach Angaben der Organisation frühestens bei den Paralympics 2022 ändern. In Sotschi sind zudem einzig die Snowboardcrosser startberechtigt: Klassen wie Halfpipe, Parallelslalom oder Slopestyle – bekannt aus dem olympischen Programm – fehlt es im Behindertenbereich noch an der Verbreitung.

Bei den Boardercrossern sind bei den diesjährigen Spielen nur Sportler mit Behinderungen im unteren Körperbereich startberechtigt. Einen Ausgleich durch Zeit- oder Punktgutschriften für schwerer Behinderte gibt es in Sotschi im Gegensatz zu anderen Paradisziplinen ebenfalls nicht. „Ein Klassifizierungssystem existiert bei den Snowboardern noch nicht. Deshalb setzt sich die möglichst geringere Behinderung im Wettkampf durch“, erklärt Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams.

Stefan LoeslerDamit die paralympische Snowboard-Premiere für Sportler und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) nicht gleich zum Albtraum wird, wurde der Kurs nach Robinsons Tod entschärft. Risikoelemente, die noch spektakulärere Sprünge ermöglicht hätten, wurden ersatzlos gestrichen. „Die Organisatoren haben den Kurs erheblich umgebaut. Die Grundgeschwindigkeit ist jetzt wesentlich geringer, es kommt mehr auf die Technik an“, sagt Stefan Lösler (Foto: DBS), einziger deutscher Boardercrosser bei den Sotschi-Spielen.

Der 29-Jährige bekam Robinsons schweren Sturz im Februar in La Molina live mit. Er stand noch oben am Start, als es passierte. „Ich habe ihn zwar persönlich nicht gekannt, aber klar: Ab diesem Moment fährt man den Kurs anders“, sagt Lösler. Seit er 13 ist, steht der Mann aus Kirchheim/Teck aus dem schmalen Brett. Vor fast vier Jahren verlor er sein linkes Bein, als ein betrunkener Autofahrer den geparkten Wagen seines Freundes rammte und Lösler unglücklicherweise gerade in der Nähe stand. Der Mann kam kurz ins Gefängnis, Lösler überwand den Schock und machte bei den Versicherungen seinen Anspruch auf teure Sportprothesen geltend, die er sich allein kaum hätte leisten können.

Mehr als 30 Starter haben allein bei den Männern für die Paralympics gemeldet – Lösler ist einer von ihnen. Allerdings: Der Student ist quasi chancenlos. Als Oberschenkelamputierter bringt er für den Snowboardsport eine schwerwiegendere Behinderung mit als beispielsweise Unterschenkelamputierte. Einen Ausgleich durch Zeit- oder Punktgutschriften gibt es aber im Gegensatz zu anderen Paradisziplinen bei den Boardercrossern nicht. „Das System ist noch nicht ausgereift, ich kann mich sportlich mit vielen nicht vergleichen. Vielleicht komme ich unter die besten 20“, sagt Lösler.

Von einer schnellen Verbannung der risikoreichen Snowboardwettbewerbe aus dem Programm hält er nichts, ebenso wenig wie der 16-malige Paralympics-Champion Gerd Schönfelder. „Es bleibt immer ein gewisses Risiko, es kann immer was passieren. Das dann zum Anlass zu nehmen zu sagen, das ist zu gefährlich, das machen wir nicht, halte ich für völlig falsch», sagt der Ex-Skirennläufer. „Ich glaube, derjenige, der tödlich verunglückt ist, wenn man den jetzt noch fragen könnte, würde er sicher nicht wollen, dass alle jetzt aufhören.“ (Michael Brehme/Martin Kloth/dpa)

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