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Nächster Vorwurf: Ärzte operieren zu oft aus Geldgier

Denken die etwa an den eigenen Porsche statt an die Gesundheit des Patienten? Laut Krankenkassen und dem ehemaligen Chirurgen von ROLLINGPLANET-Mitarbeiter Dirk Wessels kommen viele unnötig unters Messer. Von Basil Wegener

Operation, geöffneter Körper

War das neulich wirklich so im OP? "Jetzt beeilen Sie sich, Schwester, ich muss gleich meinen Porsche abholen".

Medizinprofessor Fritz Uwe Niethard zeigt sich besorgt. „Innerhalb von fünf Jahren gab es bei den Wirbelsäulenoperationen einen Anstieg von 90 Prozent.“ Niethard meint: Viele Rückenpatienten kommen unters Messer – obwohl ihnen mit einer Physiotherapie erst einmal besser geholfen wäre. Doch in Kliniken stünden die Weichen aus ökonomischem Kalkül in der Regel voll auf Operation.

Für ROLLINGPLANET-Mitarbeiter und Rollstuhlfahrer Dirk Wessels ist Niethard übrigens kein Unbekannter – er wurde „vor Urzeiten“ (Dirk) in der Orthopädie Heidelberg-Schlierbach von Niethard am linken Bein operiert, als dieser noch kein berühmter Medizinprofessor, sondern „nur“ ein junger Oberarzt war. Schon damals eilte Niethard der Ruf voraus, ein exzellenter Operateur zu sein. Wessels hat die OP denn auch überlebt.

Laut den Krankenkassen können Kranke auch bei schweren Eingriffen nicht darauf vertrauen, dass für die Ärzte der medizinische Nutzen im Vordergrund steht. Nun schlagen sie Alarm. Es ist ihre innerhalb kurzer Zeit zweite große Attacke auf Ärzte, nachdem sie bereits vor einigen Tagen den Vorwurf der Korruption („Fangprämie“) erhoben (ROLLINGPLANET berichtete: Warum Sie nicht sicher sein können, dass Ihr Doc Sie in die richtige Klinik schickt)

Aus der Autobahn wurde eine Schmalspur

Prof. Niethard

Niethard hat als Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Unfallchirurgie die Entwicklung bei Rückenpatienten genau beobachtet. „Früher war die konservative Behandlung eine breite Autobahn, heute ist es Schmalspur“, klagt er. Dabei müssten viel mehr Menschen zur Krankengymnastik.

Doch: Praxisärzte könnten wegen ihres Budgets dafür in der Regel nur Rezepte für sechs Sitzungen ausstellen – und in den Kliniken sei Physiotherapie wegen des pauschalen Bezahlsystems ökonomisch fast unmöglich geworden. Wirbelsäulen-OPs hingegen würden ihnen ordentlich bezahlt. „Die Häuser haben ein Interesse daran, so etwas anzubieten“, sagt Niethard, „und die Patienten gleiten in den operativen Bereich hinein“.

Der Kassen-Spitzenverband hat vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) untersuchen lassen, wie oft die Menschen in Deutschland in den OP kommen. Ergebnis: Bei den orthopädischen Behandlungen insgesamt – vor allem den schwereren – gab es binnen vier Jahren einen Anstieg von gut 14 Prozent, bei den kardiologischen Fällen sogar von 17 Prozent. Fast zwei Drittel des Anstiegs sei nicht dadurch zu erklären, dass die Menschen älter werden.

Aufpassen, dass man nicht unters Messer kommt

Studienautor Boris Augurzky meint: Auch der technische Fortschritt in den Kliniken könne kaum der Grund für die immer zahlreicheren Operationen sein. Der Ökonom meint: Die Steigerung ist teils „angebotsinduziert“ – auf Deutsch: Viele Kranke werden nur deshalb in Narkose versetzt und operiert, weil die Kliniken dies aus Umsatzgründen gerne machen wollen. Der Krankenhaus-Experte des Kassenverbands, Wulf-Dietrich Leber, findet drastischere Worte: „Man muss immer mehr aufpassen, dass man nicht unters Messer kommt.“

Die Politik ist sich uneins. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn stimmt in die Kritik ein. „So lange es in manchen Kliniken Verträge mit Chefärzten gibt, die Boni nach der Zahl der OPs bekommen, darf man sich darüber auch nicht wundern“, meint er. Die Politik werden sich dessen annehmen. Der CSU-Experte Max Straubinger meint hingegen: „Die meisten Patienten überlegen zweimal, ob sie sich operieren lassen.“ Dass viele Eingriffe unnötig seien, bleibe unbewiesen. Zu den zuletzt auch stark ins Gerede gekommenen Hüft- und Knie-Operationen meint auch Orthopädie-Spezialist Niethard, in diesem Bereich gebe es eher einen guten Versorgungsstandard als zu eifrige Operateure.

Grundlegende Reform im Kommen?

Zufällig kommen die Warnungen der Kassen nicht. Hinter den Kulissen verhandeln die Gesundheitspolitiker von Union und FDP derzeit eifrig über eine Neuausrichtung für die Klinikfinanzen – inklusive Operationsbremse. Schon bisher bekam ein Krankenhaus etwas weniger bezahlt, wenn es mehr operierte als vorgesehen. Der Abschlag galt ein Jahr – doch dann konnte es wieder ungehindert nach oben gehen. Genau diese Abschläge will die Koalition nun von einem auf zwei Jahre ausdehnen. Mitte 2013 – vor der Bundestagswahl – sollen Kassen und Kliniken zudem neue Vorschläge vorlegen.

Geht es nach der SPD, gibt es dann aber eine grundlegende Reform. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wirft Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) vor, mit den Abschlägen bei übermäßig vielen Eingriffe ausgerechnet die Kliniken zu bestrafen, die sich auf bestimmte Therapien spezialisiert hätten – und diese dann oft auch gut machten. „Notwendige und nichtnotwendige Leistungen würden so zurückgedrängt.“ Künftig sollten die Krankenhäuser sich stattdessen weiter spezialisieren – nicht alle sollen immer weiter alles machen dürfen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft wies die Vorwürfe als diffamierend zurück.

Text: dpa. Foto: Wikipedia/GFDL. GNU-Lizenz für freie Dokumentation

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