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Nationaler Bildungsbericht: Nur mühsam schreitet die Inklusion voran

Schüler mit Behinderung stehen im Mittelpunkt der Bestandsaufnahme. Von Karl-Heinz Reith und Ursula Mommsen

Nicht überall klappt Inklusion wie bei dieser Abiturklasse am Humboldt-Gymnasium in Karlsruhe (Foto: Uli Deck/dpa)

Nicht überall klappt Inklusion wie bei dieser Abiturklasse am Humboldt-Gymnasium in Karlsruhe (Foto: Uli Deck/dpa)

Es ist eine Mammutaufgabe für alle: Die Inklusion – die von einer UN-Konvention geforderte gemeinsame Bildung von Schülern mit und ohne Behinderung – ist auch in Deutschland seit fünf Jahren „geltendes Recht“. Doch mit der Einlösung dieses Anspruchs hapert es noch, wie der neue am Freitag vorgestellte Nationale Bildungsbericht von Bund und Ländern belegt. Behinderte Kinder sind häufig – wie auch Schüler aus armutsgefährdeten, bildungsfernen Elternhäusern oder Migrantenfamilien – vom Bildungserfolg ausgegrenzt.

In den Kitas funktioniert die Inklusion schon recht gut. Mehr als zwei Drittel der behinderten Kinder besuchen inzwischen gemeinsam mit nicht-behinderten Gleichaltrigen Krippen und Kindergärten. Doch mit zunehmendem Alter nimmt die Integrationsquote der behinderten Schüler deutlich ab: In den Grundschulen sind es noch 44 Prozent, in den Klassen fünf bis zehn nur noch 23 Prozent.

Ausdrücklicher Wunsch der Kultusminister

Dass sich der alle zwei Jahre vorzulegende Bildungsbericht diesmal mit dem Schwerpunktthema Bildungschancen für Behinderte befasste, war ausdrücklicher Wunsch der Kultusminister. Sie sehen sich derzeit zwischen allen Stühlen. Klassische Sonderschulen kämpfen um ihren Erhalt, die Lehrerschaft ist gespalten. Vielerorts wenden sich Eltern offen gegen einen gemeinsamen Unterricht ihrer Kinder mit Behinderten.

Und auch die Eltern jener Kinder sind zweigeteilt. Die einen wollen einen Platz für ihr Kind mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“ in einer „normalen“ Schule notfalls vor Gericht erstreiten, die anderen setzen nach wie vor auf getrennten Unterricht in einer Förderschule.

Keine Einigkeit beim Tempo

Die Kultusminister setzen bei der Umsetzung der Inklusion und dem Abbau von Sonderschulen auf Behutsamkeit – nicht nur aus finanziellen Gründen, weil viele Schulen für einen inklusiven Unterricht noch gar nicht ausgestattet sind. Lehrerorganisationen wie GEW und VBE sowie Behindertenverbänden geht es dagegen viel zu langsam voran. Sie fordern ein beherzteres Engagement der Schulpolitik.

Bundesweit sind 493.000 Kinder und Jugendliche als behindert eingestuft. Das sind 6,6 Prozent aller Schüler. 40 Prozent davon gelten in Deutschland als „lernbehindert“. In vergleichbaren Staaten gibt es diese Kategorie gar nicht. Als „Langsamlerner“ werden sie schon seit vielen Jahren an ganz normalen Schulen unterrichtet.

Die Forderung nach völligem Verzicht auf Förderschulen ist nach den Worten des Entwicklungspsychologen Marcus Hasselhorn „ein Weg, das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Hasselhorn ist Sprecher der Autorengruppe des Bildungsberichts.

Nicht genügend qualifiziertes Personal

Dabei steigt die absolute Zahl der Jugendlichen, denen sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert wird – trotz allgemeinem Schülerrückgang. Dabei geht es auch um zusätzliche Lehrerstellen und mehr Geld. Das Autorenteam kritisiert einen Mangel an Personal, dass für die Inklusion gut ausgebildet ist.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Nordrhein-Westfalens Ressortchefin Sylvia Löhrmann (Grüne), sieht trotz der Beschreibung von Defiziten und Risiken den Bericht als „sehr, sehr wertvoll“ für die weitere Arbeit an. Seit 2006 müssen sich Bund und Länder alle zwei Jahre mit einer solch kritischen Analyse auseinandersetzen.

Doch anders als in früheren Jahren gab es diesmal keine Zensurversuche und keine mahnenden Worte an die Adresse der Wissenschaftler. Auch die Bildungspolitiker haben es inzwischen gelernt, mit Mängelbeschreibungen souveräner umzugehen.

(dpa)

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