""

Nehmt einem Rollstuhlfahrer kein Steak weg: Ich bleibe Kannibale!

Ein Kommentar von Lothar Epe, der die Gemüsefraktion auf dem Vormarsch sieht und glaubt, sich der Keule der Veganerfraktion entgegenstellen zu müssen.

Unser Autor hat Angst, dass man ihm das Fleisch wegnimmt (Foto: Peter Smola/pixelio.de)

Unser Autor hat Angst, dass man ihm das Fleisch wegnimmt (Foto: Peter Smola/pixelio.de)

Antibiotika im Fleisch, Glykol im Wein, Maden im Mehl, jüngst zwar nicht Samuel Koch, aber ein Pferd in der Lasagne – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen… Dass auch der nächste Lebensmittelskandal nicht lange auf sich warten lassen wird, ist so klar wie die Tatsache, dass ein Pudel keine Nudel ist.

„Fast dreißig Jahre ist es jetzt her“, schreibt Christian Härtelt auf seiner Webseite My Vegan World. „Etwa zwei Jahre, nachdem ich Vegetarier geworden war, kam ich an einen Punkt, an den fast jeder Veganer mindestens einmal in seinem Leben kommt: Ich hasste alle Fleisch essenden Menschen.“

Wie soll man nur den Hass verhindern?

Und auch nach drei Jahrzehnten scheint es ihm schwer zu fallen, niemanden umzubringen, wäre er nicht so freundlich und liebevoll:

„Wie soll man verhindern, dass sich dieser Hass aufbaut? Welche übermenschliche Anstrengung, welche tägliche Übung soll das verhindern, welche könnte es überhaupt vollbringen? Auch das ist etwas, dem Fleischesser sich natürlicherweise nicht aussetzen, um das sie sich wie um das Leid der Tier einen Dreck scheren. Sie könnten anerkennend und zufrieden damit sein, dass die meisten Veganer in der absolut überwiegenden Zeit ihrer Lebensweise so freundlich und liebevoll sind.“

Ratlos fragt sich Härtelt: „Wie ich mit meinen neuen negativen Gefühlen gegenüber Fleischessern umgehen werde, weiß ich noch nicht vollends.“ Ich hätte einen Vorschlag: Wie wäre es mit mehr Toleranz? Und falls das nicht klappt, setze ich voll auf den Behindertenmitleidsbonus: Liebe Veganer, lasst einem Rollstuhlfahrer wie mir sein Steak!

Hauptsache, wir retten die Welt

Gemüsekeule schwingend haben sich die WeltverbessererInnen auf den Weg gemacht: Der als Kannibale stigmatisierte Fleischesser Mensch soll nun endlich bekehrt und so die Welt gerettet werden. Das ist nicht neu, aber aktueller denn je.

Dabei kommt dem Veganer der jüngste und nun schon wieder fast vergessene Lebensmittelskandal sehr gelegen. Hierbei wird übrigens gerne übersehen, dass es in der jüngeren Vergangenheit immer wieder auch Skandale ohne Pferd gab, von denen vegetarische Produkte betroffen waren. Man denke nur an die zahlreichen Cadmium belasteten Lebensmittel, deren Liste unendlich zu sein scheint. Oder die Schweinsborsten, die in fleischlosen Verzehrprodukten gefunden wurden.

Gleichgültigkeit, Geiz ist geil und keine Kohle

Andererseits scheint ein großer Teil unserer Gesellschaft auch im Bereich Ernährung eine Gleichgültigkeit an den Tag zu legen, die nicht von schlechten Eltern ist. Unabhängig davon, ob dies der allgemein vorherrschenden „Geiz-ist Geiz-Kultur“ geschuldet ist oder der Tatsache, dass sich der eine oder andere wegen fehlender Geldmittel darauf beruft, sparsam mit seinen Haushaltsmitteln umgehen zu müssen.

Das eigentliche Problem scheint aber zu sein, das wir inzwischen all zu sehr dazu neigen, gewissen Trends hinterher zu rennen und diese dann gerne und schnell als die allheilbringende Wahrheit zu verinnerlichen.

Aber das Leben ist nicht nur schwarz und weiß. So wäre eine Alternative, sich gegenseitig schlicht stärker als bisher gegenseitig zu tolerieren. Anstatt also dem gemeinen Fleischesser vorschreiben zu wollen, keine tierischen Produkte mehr zu essen, sollte der Veganer den Fleischkonsum bei anderen tolerieren. Das Gleiche gilt selbstverständlich umgekehrt.

Der moralische Aspekt

Wenn ich dann dabei noch genauer darauf achte, wo die Lebensmittel hergestellt wurden und aus welcher Haltung die Fleischbestände stammen, habe ich bereits einen Riesenschritt nach vorne gemacht. In aller Regel ist es ein deutlicher Unterschied, ob ich das Fleisch beim Biobauern kaufe oder im Supermarkt. Zwischen den Supermärkten tobt der Preiskampf, worunter die Qualität des Produktes Fleisch leiden muss. Auch wenn in der Verpackung, wie gesetzlich vorgeschrieben, „drin sein muss, was drauf steht“.

Die Bereitschaft, für qualitativ hochwertige Lebensmittel mehr Geld auszugeben, ist jedenfalls sicher eine ziemlich gute Idee, was nicht bedeutet, dass ich nun zwangsläufig auch immer das teure Produkt kaufe. Aber welcher einigermassen gescheite Mensch wundert sich denn noch ernsthaft, wenn hier die Qualität aus dem Supermarkt oft deutlich schlechter ist, als die aus dem Bioladen oder das Fleisch vom Biohof.

Okay, selbst beim Fleisch gilt: Weniger ist manchmal mehr

Ich esse gerne Fleisch! Und für die, die mir mit dem Argument kommen, dass das teure Biofleisch ja längst nicht jeder bezahlen kann: Dann kauft er eben das aus dem Supermarkt? Wie wär es mit weniger Fleischkonsum? Und dafür bei besserer Qualität? Dann wird der höhere Preis für die bessere Qualität durch ein Weniger an Konsum kompensiert. Weniger ist oft mehr. Wie auch immer: Das mag jeder handhaben, wie er es für richtig hält.

Was gar nicht geht

Nachdem jedoch die Beschneidung der persönlichen Entscheidungsfreiheit in unserem Zusammenleben zur Gewohnheit zu werden scheint (ein aktuelles Beispiel hierfür ist das neue Nichtraucherschutzgesetz für Nordrhein-Westfalen), befinden wir uns auch „ernährungspolitisch“ auf dem besten (Holz)weg, weg von einer Gesellschaft des toleranten Umgangs miteinander, hin zu einer Gesellschaft der Bevormundung durch die Schlauberger der Nation, egal aus welcher „Ecke“ die Bevormundung gerade kommt.

In diesem Sinne: Allen einen guten Appetit!

Namentlich gekennzeichnete Kommentare auf ROLLINGPLANET können, müssen aber nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN