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Neu, aber unsinnig: Das TÜV-Zertifikat für seniorengerechtes Wohnen

Der TÜV Rheinland prüft Barrierefreiheit und lässt sich dafür gut bezahlen. ROLLINGPLANET ist skeptisch. Und wie war das noch mal mit den Fahrstühlen?

Häuser mit stufenreichem Zugang

Die ROLLINGPLANET-Experten sind nach ausführlichen Untersuchungen zu dem Urteil gekommen, dass diese Häuser nicht barrierefrei zugänglich sind und verweigern deshalb das ROLLINGPLANET-Zertifikat für seniorengerechtes Wohnen (Foto: Genter/pixelio.de)

Zertifikate können bekanntlich ein einträgliches Geschäft sein – und die technischen Überwachungsvereine sind besonders kreativ, regelmäßig neue dieser „Papiere“ auf den Markt zu bringen. Der TÜV Rheinland hat gestern ein neues Gütesiegel für „seniorengerechtes Wohnen“ vorgestellt, das man sich sparen kann – im wahrsten Sinne des Wortes. Bauherren werden sich möglicherweise für dieses kostenpflichtige Zertifikat (2.450 Euro zzgl. MwSt.) begeistern, um ihre Immobilie besser verkaufen zu können. Doch der Käufer wird davon wenig haben.

„Wer sich in der Blüte seines Lebens für eine Eigentumswohnung interessiert,“ heißt es in der gestern lancierten Pressemitteilung, „sollte langfristige Überlegungen in eine Kaufentscheidung einbeziehen: Neben Energieeffizienz und einer nachhaltigen Bauweise zählt dann auch, dass die Wohnung im Alter ebenfalls genutzt werden kann.“ Beim Kaufen hilft: der TÜV Rheinland.

ROLLINGPLANET ist skeptisch. Aber vermutlich nur, weil wir schon alle verwelkt sind. Wir nehmen an, dass mit der „Blüte des Lebens“ Menschen um die 30 oder 40 Jahre alt gemeint sind. Falls die sich tatsächlich schon weitsichtig für seniorengerechtes Wohnen interessieren sollten, unterstellen wir ihnen, dass sie auch gerne ihren gesunden Menschenverstand einsetzen.

Mit einem Zertifikat lässt sich alles besser verkaufen

„Die Anforderungen an altersgerechten Wohnraum sind vielfältig, was eine Kaufentscheidung erschwert“, sagt der TÜV Rheinland und bietet ein dreistufiges Zertifizierungsprogramm an. „Das, was landläufig als seniorengerechtes Wohnen bezeichnet wird, nennen wir Wohnen für besondere Anforderungen“, erklärt Pascal Klein und ergänzt: „Wir benutzen einen speziellen Kriterienkatalog, mit dessen Hilfe wir eine Immobilie in allen relevanten Punkten unter die Lupe nehmen.“

Es gibt laut TÜV Rheinland „klare Vorgaben für Wohnraum im Alter“: „Dazu gehören Lage und Erreichbarkeit des Hauses, mit einer fußläufigen Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Ferner prüfen die Experten von TÜV Rheinland, ob das Bauwerk über einen barrierearmen Grundriss verfügt oder ob die Türen in der Wohnung so breit sind, dass auch ein Rollstuhl durchpassen würde.“

Was vom TÜV als dreistufiges Zertifizierungsprogramm bezeichnet wird, nennen wir von ROLLINGPLANET Angstmacherei. Sollen Menschen bereits frühzeitig als senil verschaukelt werden? Eins wissen wir jedoch: Die Vorgaben für Wohnraum im Alter sind so klar, dass man kein teures Zertifikat braucht, um abzuschätzen, ob die gewünschte Immobilie auch für die Tage als Senior taugen wird – wir wiederholen einfach die Worte des TÜV:

Schaffen Sie es selbst festzustellen, ob das Bauwerk über einen barrierefreien Grundriss verfügt? Ob die Türen in der Wohnung so breit sind, dass auch ein Rollstuhl durchpassen würde? Ob um die Ecke ein öffentliches Verkehrsmittel wartet? Fragen Sie doch bitte mal den TÜV, ob er Ihnen garantieren kann, dass die Verkehrslage und die Infrastruktur in 30 Jahren immer noch die gleiche sein werden?

Keine Sorge, es gibt ja die Fangvorrichtung

Es handelt sich übrigens um den gleichen TÜV Rheinland, der im Januar zum Thema „Aufzüge“ erklärte: „Keine Panik bei Geräuschen während der Fahrt! Ein Quietschen dröhnt durch den Schacht, dann dumpfes Scheppern. Erst als sich die Aufzugtüren wieder öffnen, atmen die Mitfahrer erleichtert auf… Wer zuhause oder in öffentlichen Gebäuden mit dem Aufzug fährt, hat solch eine Situation vielleicht schon einmal erlebt. Undefinierbare Geräusche verstören und lösen bei vielen Menschen Angst und Panik aus. Was hat das Rattern zu bedeuten? Stürzt der Aufzug jetzt ab? Dirk Laenger von TÜV Rheinland gibt Entwarnung: ‚Selbst wenn ein Aufzug Geräusche macht: Den Mitfahrern wird unter keinen Umständen etwas passieren. Dank einer Fangvorrichtung ist es gar nicht möglich, dass ein Aufzug abstürzt und ungebremst in die Tiefe rast.’ Im schlimmsten aller Fälle bleibt man höchstens im Aufzug stecken und muss auf Hilfe von außen warten, ergänzt der Experte.“

Fangvorrichtungen vielleicht doch nicht zuverlässig?

Einige Wochen zuvor hatten die Kollegen vom TÜV in Berlin noch gewarnt, dass jeder zweite Aufzug (51,3 Prozent) in Deutschland technische Mängel hat. Ausgewertet wurden 469 000 Überprüfungen. Das erschreckende Ergebnis: Elf Prozent der Fahrstühle haben „sicherheitserhebliche Mängel“, mehr als 1.100 Aufzüge hatten sogar „gefährliche Mängel“. Darunter verstehen die Prüfer defekte Fangvorrichtungen (Bremsen) oder fehlerhafte Notruf-Funktionen. „Ich möchte in so einen Aufzug nicht einsteigen“, hatte Johannes Näumann vom TÜV-Verband in Berlin gesagt. Der TÜV Berlin rechnete zudem mit einer hohen Dunkelziffer, da bis zu 250.000 Aufzüge derzeit nicht von Sachverständigen geprüft würden. „Seit dem Jahr 2008 sind die Betreiber für den Auftrag zur technischen Überprüfung selbst verantwortlich“, so Näumann weiter. Aber nicht jeder halte sich daran.

ROLLINGPLANET fragt sich: Gibt es schon ein Zertifikat, das uns beantwortet, welchem TÜV wir uns anvertrauen können?

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2 Kommentare

  • Katharina Rosch

    Die Themen „barrierefreies Wohnen“ und Ambient Assisted Living (Altersgerecht Assistenzsysteme für ein unabhängiges Leben | AAL) werden uns in den kommenden Jahren immer häufiger ins Haus kommen. Das, was der TÜV Rheinland dort macht oder versucht, ist cleveres Marketing. Die Frage für mich ist allerdings, ob der TÜV dort wirklich Fachmann ist.

    Auch unser Unternehmen, das KompetenzCenter Braunschweig UG befasst sich mit barrierefreiem Wohnen und AAL. Zwei Mitarbeiter sind ausgebildete Wohnberaterinnen. Sie kennen sich nicht nur in Türbreiten und dergleichen aus, sondern sie kennen auch Lösungsmöglichkeiten bei gesundheitlichen oder anderen Beeinträchtigungen. Diese sind nämlich unglaublich vielfältig.

    Was ganz sicher stimmt: wir werden immer älter. In wenigen Jahren gehen die so genannten geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Was aber auch stimmt: wir bleiben länger fit im Alter! Gleichwohl lassen unsere körperlichen Fähigkeiten bereits mit dem 30. Lebensjahr so langsam ab. Wir können nicht mehr so gut sehen wie früher, sind nicht mehr so gelenkig… Gleichzeitig sind unsere Ansprüche ans Leben gestiegen. Und fast jeder Mensch möchte im Alter in seiner Wohnung bleiben. Also sollte diese möglichst barrierefrei gestaltet sein! Also: bodengleiche Duschflächen, ausreichend Bewegungsflächen für den Rollator oder Menschen mit Gehhilfen etc.

    Im Übrigen regelt die neue DIN-Norm 18040 ganz genau, was unter barrierefreiem Bauen zu verstehen ist! Wird die Norm bei Bau oder Umbau eingehalten, gibt es ausreichend breite Türen, keine Schwellen etc.. Damit sind individuelle Probleme aber noch lange nicht gelöst. Und dann bedarf es aus unserer Sicht einem Wohnberater und keinem TÜV-Experten. Denn der Wohnberater stellt den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt, nicht die Immobilie.

    11. April 2012 at 12:05
  • Helge Blankenstein

    Dieses Zertifikat bestätigt auf ein Neues, dass sich unter dem Deckmantel „Barrierefreiheit“ sehr viel Geld verdienen lässt. Weiter gedacht bedeutet das, dass Menschen mit Behinderungen als ein wichtiger Motor unseres volkswirtschaftlichen Einkommen eingestuft werden müssen.
    Der TÜV-Rheinland zeichnet sich als ganz besonders kreativ in Sachen Geldgier aus. Alleine die Feststellung, dass Menschen im Seniorenalter automatisch auf einen Rollstuhl angewiesen sind ist schon eine Diskriminierung. Viel mehr Senioren bedürfen ganz anderer Lebenserleichterungen. Was nicht heißen soll, dass breite Türen nicht wichtig sind. Aber es stellt eben nur ein zu berücksichtigendes Detail eines Leistungskatalogs dar.
    Auch der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ist nur bedingt als Kriterium anzusehen. Denn auch wenn er direkt vor der Haustür halten sollte, ist noch immer nicht gewährleistet dass man ihn als Sehbehinderter oder Rollstuhlnutzer auch betreten kann. So besteht in Karlsruhe das Problem, dass fast die Hälfte der Straßen- oder S-Bahnwagen nur über Stufen zu betreten sind. In vielen anderen Städten ist die Anzahl der Rollstuhlplätze begrenzt.
    Es gäbe eine lange Liste von Dingen die für besser nutzbaren Wohnraum zu berücksichtigen wäre. Viele Dinge sollten bauseits einfach vorbereitet sein, damit sie im Bedarfsfall einfach nachzurüsten sind.
    Als Berater stehen wir seit Jahren Architekten und Immobilienmaklern zur Seite. Wir haben bisher nur sehr wenig Wohnung/Gebäude gefunden das als „seniorengerecht“ bezeichnet werden könnten. „Barrierefrei“ schon gar nicht.
    Ich finde es einfach Diskriminierend wenn man sich als Fachmann aufspielt für Dinge von denen man so gar keine Ahnung hat. Das betrifft z.B. auch Vereine die sich seit Jahren für die Belange von Menschen mit Behinderungen einsetzen. Hier in Rostock gibt es einen davon, der gemeinsam mit dem Finanzministerium ein Qualitätssiegel für Menschen mit Behinderungen (QMB) vergibt. Dieser Verein stellt sich das mal eben selber aus und signalisiert, dass sein Restaurant besonders Barrierefrei ist. Das Haus verfügt weder über einen Behindertenparkplatz, noch eine als behindertengerecht zu bezeichnende Toilette. In der direkten Umgebung befinden sich nur ausgetretene Sandwege oder grobes Kopfsteinpflaster.
    Meine Erfahrungen in Sachen Zertifikate ist bis zur Unterkante Oberlippe gesättigt. Auf die belange von Menschen mit Behinderungen wird nur getreten und dann auch noch Geld verdient. Pfui TÜV Rheinland.
    Helge Blankenstein
    Impuls-sozialintelligentes Management

    22. April 2012 at 17:33

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