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Neulich in Istanbul: Schrei, wenn Du kannst

Oder: Wieso man bei Rollstuhlbasketball auch als Zuschauer Muskelkater bekommt. ROLLINGPLANET-Leserin Judith Göbel war live beim Champions League Finale in der Türkei dabei und hat einen amüsanten Bericht mitgebracht.

Der Sinan Erdem Dome - hier das Innenraumpanorama während der WTA-Championships 2011 - ist eine Mehrzweckhalle im Stadtteil Bakırköy der türkischen Metropole Istanbul.

Vergangene Woche fand in Istanbul der Rollstuhlbasketball Champions Cup statt, den – wie mittlerweile vielleicht bekannt sein dürfte – der RSV Lahn-Dill ungeschlagen gewann. (Eiskalt im Hexenkessel: RSV Lahn-Dill ist Champions League Sieger 2012)

Vier Tage vor Turnierbeginn bekamen wir endlich das OK für unseren Urlaub und damit für die aktive Teilnahme als Passivsportler vulgo: Zuschauer.

Auf der Webseite des Cups konnten wir uns zumindest darüber informieren, dass der Hauptveranstaltungsort, der Sinan Erdem Dome, in der Nähe des Atatürk Flughafens liegt. Fein. Nur über die Möglichkeit, an Tickets zu gelangen, schwieg sich die Seite aus. Letztes Jahr hatten es zirka 50 Galatasaray-Fans nach Zwickau geschafft, sollte es für uns da ein Problem werden, für eine Halle Karten zu kriegen, die in ausgeklapptem Zustand 20.000 Leute fasst?

Überraschung am Flughafen

Optimistisch buchten wir Flug und Hotel und gruben unsere Türkischen Lira vom letzten Urlaub aus. Am Flughafen angekommen, überraschte uns ein kleiner Champions-Cup-Infostand mit Banner und Fähnchen und einer lächelnden jungen Dame, die auf unsere Begeisterung über ihre grundsätzliche Anwesenheit und unsere Frage nach der Erwerbsmöglichkeit für Tickets mit freundlicher Verwirrung reagierte. Anscheinend hatte niemand mit ernsthaftem Interesse gerechnet, aber der Etat für den Infostand war nun mal bewilligt.

Die Halle am Tag der Eröffnung der Basketball-Weltmeisterschaft 2010.

Der Sinan Erdem Dome ist von der passenden Metrostation aus gut zu sehen und scheint nur eine Spuckweite entfernt, wenn man fähig ist, über die Kreuzung einer sechsspurigen Autobahn zu spucken. Zu Fuß gestaltete sich der Zugang etwas langwieriger, man bewegt sich mäandernd auf das Ziel zu, das wiederholt außer Sicht gerät.

Der Türke als solcher liebt sein Auto (trotz horrender Spritpreise, die jeden Nörgel-Germanen aus Demut schweigen lassen sollten), und daher kann er sich nicht vorstellen, dass jemand a) freiwillig zu Fuß und b) nicht auf einer vielbefahrenen Straße unterwegs sein möchte. Dass zu einem Rollstuhlbasketballspiel möglicherweise auch noch Rollstuhlfahrer kommen wollen, stellt das bisherige Verkehrskonzept nicht in Frage.

Guter Wille und konsequente Gewaltprävention

Die letzte Hürde bis zur Halle überraschte uns dann mit einem soliden Fußgängerüberweg inklusive zweier Aufzugsschächte, in denen – tataaaa! – die Aufzüge fehlten. Man kann sich auch einfach über den guten Willen freuen.

Wir besorgten uns also Tickets am Ticketschalter und brauchten eine Weile bis uns klar war, dass man dafür kein Geld wollte. Huch bzw. ach so bzw. ja, jetzt ist mir alles klar! Trotzdem war es für die Security am Eingang unerlässlich, dass man ein Ticket vorwies, das sie einreißen konnte.

Als Ausgleich musste man alle mitgebrachten Messer, Handfeuerwaffen, Drogen, Wasserflaschen und Münzen abgeben. Todbringendes Kleingeld ist eine Gefahr, die nicht unterschätzt werden sollte.

Wer von einer beherzt geschleuderten Lira mit dem Konterfei Atatürks getroffen zu Boden geht, darf noch nicht einmal fluchen, ohne wegen Beleidigung eingebuchtet zu werden. Also schweigen, sich in der Halle zwei Kaffee kaufen, mit einem Zehn-Lira-Schein bezahlen, fünf Lira-Münzen zurück bekommen und einfach nur staunen über konsequente Gewaltprävention.

Potentiellen Terroristen, die zu faul für die zwanzig Treppenstufen vor dem Eingang sind, sei beiläufig geraten, durch den Rolli-Eingang hinein zu gelangen. Er ist nicht ausgeschildert und deshalb etwas schwierig zu finden, aber dafür weiß die Einlasskontrolle nichts von ihm.

Keine Gummimatten, kein Babystretching-Kurs

Es zeigte sich wieder einmal, dass Rollstuhlbasketball eine exklusive Randsportart mit einem übersichtliches Fan-Aufgebot ist. Natürlich ist es löblich, eine solche Veranstaltung mal nicht in der Turnhalle der Grundschule Süd-West in Kleinniederhintersdorf stattfinden zu lassen, in der die eine Hälfte der Halle noch von den Gummimatten des Babystretching-Kurses A1 belegt ist.

Es ist auch schön, wenn jeder nicht nur die Halle, sondern auch einen Sitz oder Stellplatz findet, von dem aus man sogar etwas sieht, und sich die Schwarzmarktpreise in Grenzen halten. Aber eine Halle mit, wie erwähnt, an die 20.000 Plätzen lässt einen doch etwas verloren zurück.

Wenigstens war niemand gezwungen, sich in der anaeroben Zone auf den obersten Rängen aufzuhalten. Man sollte sich auch durch die zumindest beim Finale zahlenmäßige und akustische Dominanz der Galatasaray-Fans nicht täuschen lassen. Die würden ihrem Team auch beim Kürbisweitwurf zujubeln, schliesslich ist das runde Ding da auch orange und selbst das schien einigen neu zu sein. Spielregeln stören nur, wenn man einfach mit den Jungs einen drauf machen möchte.

So ist der Galatasaray-Fan

Galatasaray Fans beim Endspiel zwischen ihrer Heimmannschaft und dem RSV Lahn-Dill (Foto: Armin Diekmann)

Der Galatasaray-Fan ist Fan des Fanclubs und NICHT irgendeiner Sportart. Vielleicht war deshalb auch kein Stadionsprecher abgestellt worden, der dem Publikum wenigstens grob die Entscheidungen der Schiedsrichter hätte benennen können (abgesehen davon, dass ihn eh niemand gehört hätte, und abgesehen davon, dass Schiedsrichter laut Galatasaray-Fans eh ALLES falsch machen).

Dafür gab es ein offizielles Signalhorn, mit dem die Titanic den Eisberg hätte wegfräsen können, wenn der Smutje rechtzeitig wach gewesen wäre. Dieses Signalhorn verhinderte Sekundenschlaf, nordete den Herzrhythmus ein und war das einzige, was tatsächlich noch lauter war als der türkische Fanblock. Denn die durchweg qualifizierte Kommentierung bzw. das Geschrei VON UNS – hervorgeholt aus den tiefsten Tiefen der Lunge und kurz vorm Platzen der Halsschlagader – verhallte auf Armeslänge wie ein Furz im Wind.

Man kann eben nicht von vierzig tapferen, meist älteren, leicht übergewichtigen Ausländern, die es gewöhnt sind, in ihrer Heimathalle mit selbstgebackenem Kuchen, Schnitzelbrötchen und Sponsorenbier versorgt zu werden, verlangen, eine Schallmauer von Dreitausend Hupfdolen zu übertönen. By the way: Wo waren eigentlich die Cheerleader? Und ein bisschen Musik in den Pausen wär auch ganz nett gewesen.

Wen es im Laufe des Turniers in die nebenan gelegene Zweithalle verschlagen hatte, in der normalerweise Galatasaray am Trainieren ist, dem wurde auch klar, warum dessen Fans nicht stillsitzen können. Falls man keinen Logenplatz erwischt, ist man gezwungen auf fest verankerten Hartplastikschüsseln Platz zu nehmen. Bevor man da Haltungsschäden entwickelt oder mit der Hose festklebt, springt man lieber auf und brüllt ein wenig.

Tinitus lässt mit der Zeit bestimmt nach

Jubel bei den RSV Lahn-Dill-Spielern Thomas Gundert, Horie Wataru und Gesche Schünemann (v.l.n.r., Foto: Armin Diekmann)

Das Brüllen dient auch weniger der Motivation der eigenen Mannschaft als der Zermürbung des Gegners. So hatte die Bank des RSV im Finale den Feind mit zunehmender Dezibelstärke im Nacken, und das kann einen fertig machen. Die Spieler auf dem Feld wurden zwar durchgehend ausgepfiffen, besaßen aber wenigstens noch Fluchtmöglichkeiten nach hinten. Wie man allerdings Körbe werfen kann, wenn man sich eigentlich die Ohren zuhalten müsste, ist mir ein Rätsel. Der Erfolg basiert wohl weniger auf erhöhter Aufmerksamkeit als auf konsequenter Ignoranz. Und der Tinitus lässt mit der Zeit auch von allein wieder nach.

Damit wir uns sicher fühlen konnten, war eine Staffel Polizei inkl. Schutzschilden angerückt, die den Hauptfanblock umrahmte, was einige Fans trotzdem nicht daran hinderte, allmählich zu uns aufzurücken. Hey Leute, hier ist die Harmlos-Zone für Rentner, Familien und Kinder – und wo ist eigentlich die Polizei? MÖÖÖP!!! Signalhorn! Ah, da ist sie wieder. Alles ist gut.

Fängt endlich der Kürbisweitwurfwettbewerb an?

Nach Schlusspfiff, Siegerehrung und Applaus für alle Mannschaften war der Galatblock schneller verschwunden, als man bis ütç zählen kann. Ob sie ihren Trainer verkloppen wollten oder irgendwo der Kürbisweitwurfwettbewerb anfing, weiß ich nicht zu berichten.

Filipski trug übrigens ein T-Shirt mit der Aufschrift „Fifi“. Luczynski fühlte sich letztes Jahr durch den inakzeptablen Platz des RSC Zwickau so gedemütigt, dass er zu Galatasaray wechselte, weil er mal wieder gewinnen wollte. Dass er jetzt ein „Lulu“-Shirt tragen muss, ist nur ein Gerücht.

Die Siegesfeier des RSV fand in einem Restaurant am Meer statt. Und als über dem Marmarameer ein roter Mond aufging, schien er ausschließlich auf Helden. Schön war’s, Danke – und bis zum nächsten Mal.

Fotos: Stadion innen: Wikipeda/Nevit Dilmen (talk). Stadion außen: Wikipedia/Myrat.. Beide Dateien sind unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.

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