Nicht-dusselige Senioren geben sich die virtuelle Kugel

Neues Forschungsprojekt der TU Darmstadt: Alte Menschen trainieren mit Computern, wie sie sich vor Stürzen und Verletzungen schützen. Das Programm ist auch für (manche) Rollstuhlfahrer geeignet. Von Stephen Wolf

Der Diplom-Sozialpädagoge Moritz Kern steht hinter Elfriede Schäfer. Die 85-Jährige trainiert mit Hilfe eines Computerprogramms. (Foto: Martin Oeser/dapd)

Gebannt blickt die 76 Jahre alte Inge Schmidt auf die Leinwand, während sich ihr Körper nach hinten oder nach vorne neigt. Die Bewohnerin des Darmstädter Alten- und Pflegeheims Emilstraße steht auf einer weißen Plastikplatte und lenkt durch die Verlagerung ihres Gewichts eine virtuelle Kugel durch das Labyrinth, das auf der Leinwand zu sehen ist. Entwickelt hat dieses Computertraining Sandro Hardy, Forscher der Technischen Universität Darmstadt (TUD). „Unser Ziel ist es, das Sturzrisiko bei Senioren zu senken“, sagt er.

Das spielerische Training wird seit einigen Monaten einmal wöchentlich in dem Seniorenheim angeboten. Die Bewohner trainierten damit Gleichgewicht, Kraft und Koordination ihres Körpers, sagt Hardy. Die etwa zehn Teilnehmer erhöhten im Spiel auch ihre „Selbstwirksamkeit“, das heißt ihre Überzeugung, das, was sie gerade tun, auch tatsächlich tun zu können.

Die frühere Einzelhandelskauffrau Inge Schmidt ist gerade fertig mit ihrer Übung. Sie sagt: „Die Sache macht mir Spaß. Außerdem bestätigt mir das Spiel, dass ich trotz meines Alters noch nicht ganz so dusselig bin.“

Verschiedene Schwierigkeitsstufen

Entwickler Sandro Hardy scheut sich, die Übungen „Computerspiel“ zu nennen. Fitness-Spiele für Spielkonsolen seien in der Regel ungeeignet für ältere Nutzer, weil sie diese überfordern könnten, sagt er. Die Übungen müssten für Senioren speziell angepasst werden. Bei der Entwicklung arbeiten die TUD-Forscher mit dem Seniorenheim zusammen.

Bei dem Computerspiel in Darmstadt wird ein Labyrinth an die Wand projiziert. (Foto: Martin Oeser/dapd)

Um nicht die körperliche Belastung zu überstrapazieren und das Selbstbewusstsein zu untergraben, können die Pfleger die virtuelle Kugel verlangsamen. Andererseits erlaubt das Programm auch Fortgeschrittenen zu trainieren. „Es fängt mit einer leichten Aufgabe an und steigert allmählich die Schwierigkeitsstufe“, sagt Hardy. Die Senioren stehen auf einer Platte, die mittels vier eingebauter Drucksensoren ihre Gewichtsverlagerungen weitergibt und die virtuelle Kugel durch das Labyrinth lenkt. Halt finden sie mit den Händen an einem Gestell.

Mit einem Durchschnittsalter von 86,7 Jahren gehören die Senioren in dem Darmstädter Heim zu der Gruppe, die für schwere Prellungen oder Knochenbrüche nach Stürzen besonders gefährdet ist. „Ältere Menschen haben durch fehlende Bewegung, abnehmende Beweglichkeit und den Rückgang der Muskulatur häufig Schwierigkeiten, in einer kritischen Situation noch die Balance zu halten“, sagt Stefan Göbel, Professor im Fachgebiet Multimedia Kommunikation der TUD.

Auch für (manche) Rollstuhlfahrer geeignet

Wie Hardy betont, funktioniert seine Übung auch im Sitzen. Sogar Rollstuhlfahrer könnten, sofern sie nicht gelähmt sind, auf dem sogenannten Balance Board Gleichgewicht und Kraft in den Beinen trainieren. Ähnliche Programme werden bei Unfallopfern oder Infarktpatienten eingesetzt, deren motorische Fähigkeiten wieder hergestellt werden sollen.

Jedoch sieht Hardy noch ein Problem. Sein Ziel ist der Prototyp eines Spiels, das den Anforderungen der Senioren tatsächlich gerecht wird. „Wir wollen die Erkenntnisse aus den Tests in unseren Prototypen integrieren und diese dadurch weiter verbessern“, sagt er. Aber die individuelle Befragung der Heimbewohner sei schwierig: „Das Empfinden der Leute ist ja subjektiv.“

Indes ist die Stimmung unter den Teilnehmern ausgezeichnet. Sie feuern sich durch Klatschen gegenseitig an. „Dabei habe ich anfangs noch gezögert“, berichtet die 83-jährige Susanne Apelt, die sieben Schlaganfälle hatte. Für sie lohnt sich das Training mit der virtuellen Kugel schon allein deswegen, weil der Zusammenhalt in der Gruppe sich so gut entwickle.

(dapd-hes)

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