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Nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren: Arme Menschen sterben früher

Unsere Situation ist nicht mit der in Entwicklungsländern vergleichbar. Jedoch gilt auch hierzulande: Armut macht krank – und trifft auch Selbstständige. Ärzte fordern mehr Prävention. Von Christina Sticht

(Foto: Michael Staudinger(pixelio)

Einen Porsche kann man sich damit nicht kaufen (Foto: Michael Staudinger/pixelio)

Wer von weniger als 800 Euro monatlich leben muss, hat eine weit geringere Lebenserwartung als Menschen mit höherem Einkommen. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery bewegt diese soziale Ungerechtigkeit:

„Ich halte es für unser Land nach wie vor für eine Schande, dass ein Kind, das am unteren Rand der Gesellschaft geboren wird, eine um zehn Jahre geringere Lebenserwartung hat, als ein Kind, das am oberen Rand der Gesellschaft geboren wird“, sagte er. Beim 116. Deutschen Ärztetag in Hannover diskutierten die Mediziner, wie die gesundheitliche Situation von armen Menschen zu verbessern ist.

Oft entscheidet sich das Schicksal schon vor der Geburt

Vor allem Haus- und Kinderärzten begegnet das Phänomen täglich in der Praxis: Bedürftige Patienten sind stark übergewichtig, haben chronische Krankheiten oder psychische Probleme. „Die Risiken existieren zum Teil schon vor der Geburt“, betonte der Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie, Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie, Olaf von dem Knesebeck. Mütter rauchen während der Schwangerschaft, stillen nicht und verpassen Vorsorgeuntersuchungen.

Der Professor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sieht in der Prävention und Gesundheitsförderung einen Schlüssel zu einer besseren Gesundheitsversorgung von sozial Schwachen. Allerdings seien gezielte Hilfen notwendig. Allgemeine Präventionsangebote nutzten in der Regel vor allem Besserverdienende und Gebildete, erläuterte Knesebeck.

Ärzte beschließen Antrag

Einstimmig beschlossen die Delegierten des Ärzteparlaments einen Antrag mit einem Bündel von Forderungen an die Politik. Dazu zählen mehr Unterstützung für bedürftige Schwangere, ein Ausbau der Schuluntersuchungen sowie eine bessere medizinische Versorgung von Wohnungslosen. Einig sind sich die Ärzte darüber, dass Gesundheit und Ernährung eine zentrale Rolle in der Kita und im Schulunterricht spielen sollten. Vorbildlich sei etwa das Projekt „Gesund macht Schule“ im Rheinland und in Hamburg.

In ihrem Antrag plädieren die Ärzte außerdem für eine Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, um zum Beispiel psychisch Kranke und Drogensüchtige zu erreichen. Aufgrund knapper Kassen sparen manche Kommunen in den Gesundheitsämtern eher, als dass Hilfen ausgebaut werden. Die Versorgungslücken schließen manchmal Ehrenamtliche. Mediziner engagieren sich vor allem in Großstädten mit Arztmobilen oder Krankenstuben freiwillig für arme Patienten.

Auch viele Selbstständige betroffen

Die ursprünglich für Obdachlose gedachten Angebote nehmen zunehmend auch Menschen mit festem Wohnsitz in Anspruch. „Die Gruppe ist größer und heterogener geworden“, sagte der Vorsitzende des Vereins Armut und Gesundheit, Gerhard Trabert, der Deutschen Presse-Agentur. In die Wohnungslosen-Ambulanzen kommen dem Mainzer Obdachlosenarzt zufolge vermehrt Selbstständige, die ihre Privatversicherung nicht mehr zahlen können, oder auch EU-Mitbürger.

Trabert ist empört darüber, dass die Ärzteschaft die von SPD, Grünen und Linke angestrebte Bürgerversicherung ablehnt. Das bestehende System von gesetzlicher und privater Krankenkasse zementiere eine Zwei- und Drei-Klassenmedizin, meint der Sozialmediziner. Viele Menschen könnten Zuzahlungen nicht leisten. Es sei ein Unding, dass beispielsweise Brillen, Hörgeräte-Batterien oder Empfängnisverhütungs-Mittel nicht finanziert würden.

Mehr konkrete Unterstützung gefordert

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch verlangte mehr konkrete Unterstützung für bedürftige Patienten. „Dazu gehören Begleitung beim Arztbesuch und im Krankenhaus, Erklärung der Therapie, Hilfe beim Ausfüllen der Formulare und Formulieren der Widersprüche“, erklärte er. „Für arme Menschen haben die Akteure des Gesundheitssystems bisher kein Konzept.“

(dpa)

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