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Nicht nur eine Frage der Einstellung: Was macht gute Autositze aus?

Was von Rückenschmerzen dauergeplagte Fahrer beachten sollten. Von Claudius Lüder

Auf diesem Sitz von Recaro werden die meisten ROLLINGPLANET-Leser wohl eher nicht täglich sitzen: Der ist eine Spezialanfertigung für Lamborghini (Foto: dpa)

Auf diesem Sitz von Recaro werden die meisten ROLLINGPLANET-Leser wohl eher nicht täglich sitzen: Der ist eine Spezialanfertigung für Lamborghini (Foto: dpa)

Geht es dem Rücken ohnehin nicht gut, werden selbst kurze Strecken im Auto schnell zur Tortur. Der gequälte Fahrer rutscht auf der Sitzfläche herum, sucht die richtige Position. Besser wird es dadurch nicht. Kein Wunder: „Ein Großteil der Autositze ist leider schlecht“, sagt Georg Stringel von der Aktion Gesunder Rücken (AGR).

Der AGR prüft Alltagsgegenstände auf ihre Rückenverträglichkeit und hat Ende vergangenen Jahres auch mehrere Autositze getestet. Das Ergebnis war durchwachsen: Viele Autositze seien zu weich und so gebaut, dass rückengerechtes Sitzen nicht möglich sei.

Was sollte wie lang sein?

„Die Rückenlehne sollte so lang sein wie der Rücken selbst und die Sitzfläche auch in der Länge einstellbar“, erklärt Stringel eines der Kriterien für einen guten Autositz. „Je kürzer die Sitzfläche ist, desto größer ist der Druck auf den Sitzbeinknochen.“

Das führe unweigerlich zu einer Anspannung und in der Folge zu einer schiefen Sitzposition und Schmerzen. Ideal sei, wenn die Sitzfläche so lang wie der Oberschenkel ist, den Unterschenkel aber nicht berührt. Ein weiterer Schwachpunkt an Autositzen ist die Kopfstütze: Sie sei oft zu stark nach vorne geneigt, wodurch der Kopf einknicke.

Sitzhöhenverstellung für Beckenpositionierung

Sitzsysteme und Fahrzeugumbauten für Menschen mit Rückenerkrankung und Behinderte (Foto: Wicker)

Sitzsysteme und Fahrzeugumbauten für Menschen mit Rückenerkrankung und Behinderte (Foto: Wicker)

Autokäufer sollten außerdem Wert auf eine Sitzhöhenverstellung legen. Mit dieser Funktion lasse sich die Beckenpositionierung beeinflussen, die wiederum wichtig für die Wirbelsäulenkrümmung ist, erläutert Stringel. Der Autositz sollte immer möglichst hoch eingestellt werden. Denn je niedriger man im Wagen hockt, desto schneller werde der Bein-Rücken-Winkel ungünstig.

Sitzfläche, Rückenlehne und Kopfstütze sind bei Autositzen Pflicht, letztere ist nur im Fond nicht vorgeschrieben. „Das sind die rudimentärsten Minimalvorgaben“, sagt Oliver Herkert vom Automobilzulieferer Johnson Controls. Merkmale wie Höhenverstellung oder eine neigbare Rückenlehne seien Optionen. Das gelte auch für Features, wie man sie bei Luxusautos findet – von Klimasystemen, die sogar den Schweiß absaugen, bis hin zur Massagefunktion.

Auf die richtige Einstellung kommt es an

Für ein rückengerechtes Sitzen seien solche Sonderfunktionen nicht unbedingt notwendig, meint Prof. Erich Schmitt vom Forum Gesunder Rücken. „Wenn sich der Autofahrer damit wohlfühlt, ist es aber gut.“ Denn das Wohlbefinden sei letztlich das wichtigste Kriterium.

Hightech-Sitze mit vielen Funktionen brächten dem Rücken aber nichts, wenn sie falsch eingestellt sind, betont Schmitt. Sitzhöhe, Neigung der Rückenlehne und der Abstand zum Lenkrad seien für einen entspannten Rücken beim Autofahren entscheidend. „Das Übel fängt hier leider schon bei der Beratung an, denn kaum ein Autoverkäufer weiß, wie man richtig am Steuer sitzen sollte.“

“Gesunde Härte“ empfohlen

Diese Einschätzung teilt Frank Beermann. Er arbeitet als Designer beim Fahrzeugsitz-Spezialisten Recaro, den auch viele Autofahrer mit Behinderung kennen. Zu viele Features und Einstellmöglichkeiten führten außerdem leicht zu falschen Einstellungen.

„Die Qualität der Autositze hat sich in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland aber grundsätzlich deutlich verbessert“, sagt Beermann. Ausreißer gebe es aber nach wie vor in Form von simplen Drahtgestellen mit viel zu weichen Schaumstoffauflagen. Ein guter Autositz brauche „eine gesunde Härte“. Tests hätten gezeigt, dass Autofahrer in festeren, ergonomischen Modellen deutlich weniger hin- und herrutschten als in Kuschelsitzen.

4-Wege-Lordosenstütze hilft

Qualitätsmerkmal eines Autositzes ist laut der AGR eine 4-Wege-Lordosenstütze. „Sie unterstützt die natürliche Form des Rückens und ist sowohl nach oben und unten, als auch in der Außenwölbung einstellbar“, erklärt Stringel. Damit werde die natürliche Rückenform im Sitz unterstützt. „Von der Seite aus gesehen sollte quasi eine leichte S-Form erkennbar sein.“

Ein weiterer Punkt: Die Seitenwulste an Sitzfläche und Rückenlehne sollten zwar guten Halt geben, sie dürften aber die Bewegungsfreiheit nicht zu stark einschränken.

Wer dauerhaft beim Autofahren unter Rückenschmerzen leidet, für den bleibt oft nur ein ergonomischer Spezialsitz. Solche Modelle sind im Kfz-Zubehör ab etwa 1.000 Euro erhältlich. Bei orthopädischen Sitzen kommen spezielle Umbauten am Sitz extra hinzu. Diese können sich betroffene Behinderte sehr oft über Zuschüsse finanzieren lassen.

Bedeutung von Autositzen unterschätzt

„Für viele Menschen ist der Autositz ein Arbeitsplatz, entsprechend sinnvoll ist so eine Anschaffung“, meint der Mediziner Schmitt. Seriensitze müssten immer den Ansprüchen einer breiten Masse gerecht werden, ein ergonomischer Spezialsitz hingegen sei wie auf den eigenen Rücken maßgeschneidert.

Bei den Fahrzeugherstellern hat der Autositz nach Ansicht von Recaro-Mitarbeiter Beermann noch nicht den Stellenwert, den er verdiene. „Ein Autositz ist leider nicht so ein starkes Verkaufsargument wie andere Komponenten.“

Rückenexperte Stringel sieht die Autoindustrie in der Pflicht, den Fokus mehr auf gesundes Sitzen zu richten. Und es müsse höhere Mindestanforderungen an Autositze geben – gerade mit Blick auf deren Ergonomie.

(dpa)

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