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Nirgendwo werden so viele Menschen operiert wie in Deutschland

Nicht immer steht die Gesundheit im Vordergrund. Zur Bundestagswahl wird der Ruf nach Reformen lauter: Mehr Klasse statt Masse im Krankenhaus. Von Basil Wegener

Im internationalen Vergleich ganz oben: Deutschlands OP-Statistik (Foto: Martin Büdenbender/pixelio.de)

Im internationalen Vergleich ganz oben: Deutschlands OP-Statistik (Foto: Martin Büdenbender/pixelio.de)

In kaum einem Land kommen die Patienten so oft unters Messer wie in Deutschland. Wie hoch ist das Risiko für Patienten? Selbst die Fachgesellschaften für Chirurgie und für Orthopädie mahnten in den vergangenen Monaten verstärkt, öfter auf sanftere Therapien zu setzen als auf eine schnelle, aber teure Operation. Nun will Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) den steigenden Behandlungszahlen mit einem internationalen Vergleich auf den Grund gehen.

Deutschland auf einem Spitzenplatz

Die Zahlen, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für eine Konferenz mit Bahr am vergangenen Donnerstag in Berlin zusammengetragen hat, sind beeindruckend: Mit 240 Klinikaufenthalten pro 1000 Einwohner wurden in Deutschland zuletzt pro Jahr so viele Menschen auf Station behandelt wie in kaum einem anderen Industriestaat. Nur in Österreich sind es mit 261 noch etwas mehr. Der OECD-Durchschnitt liegt bei nur 155. Bei den Herz-Kreislauf-Behandlungen und künstlichen Hüften ist Deutschland an der Spitze, bei Krebstherapien im Krankenhaus an Platz zwei.

Kann man Klinikärzten vertrauen, wenn sie zur Operation raten? „Die Krankenhäuser können offensichtlich nicht mehr in jedem Fall garantieren, dass ein Eingriff ausschließlich aus medizinischen Gründen stattfindet“, sagt der geschäftsführende Vorstand des AOK-Bundesverbands, Uwe Deh.

Als Bahr den unter Finanzdruck ächzenden Kliniken vor gut zwei Wochen eine Finanzspritze von knapp einer Milliarde Euro verordnete, versicherte er, auf die OP-Bremse wolle er trotzdem drücken: „Ich sehe weiter eine dringende Notwendigkeit, an der Mengenentwicklung zu arbeiten.“

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) (Foto: dpa)

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) (Foto: dpa)

Notwendig oder nicht?

Bei welchen Behandlungen muss man als Patient heute besonders kritisch nachfragen? Laut AOK sind es etwa Eingriffe am Rücken, wo es binnen fünf Jahren eine Verdoppelung der Behandlungen gab. Beim Einsatz von Defibrillatoren zur Herzunterstützung gab es ein Viertel mehr.

Im Einzelfall ist es oft schwer zu entscheiden: Wie sinnvoll ist es, wenn ein Arzt etwa zur Wiedereinrichtung verschobener Wirbel rät? Wegen der Hoffnung auf schnelle Abhilfe bei Schmerzen mag man als Patient Zweifel wegschieben.

Doch Kritiker schnellen Operierens raten Patienten, stets im Hinterkopf zu haben: Chirurgen denken oft zuletzt an wirksame, wenn auch langwierigere Physiotherapien. Und Kliniken, aber auch niedergelassene Ärzte verdienen daran wenig. So eine Operation kostet hingegen rund 12.000 Euro.

Kostendruck auf Krankenhäuser und Ärzte

Rund die Hälfte der Krankenhäuser könnte bald rote Zahlen schreiben, warnt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Der Druck auf die Ärzte, Geräte und Operationssäle auszulasten, soll in vielen Häusern enorm sein. „Wenn Klinikchefs sagen, ihnen bliebe nur die Flucht in die Menge, ist das ein extrem schriller Hilferuf“, kritisiert Deh.

Die Kliniken reagieren gereizt. „Moderne Medizin kann glücklicherweise mehr helfen, auch der wachsenden Gruppe der älteren Menschen“, sagt DKG-Präsident Alfred Dänzer. „Die Krankenkassen wollen hier anscheinend das Rad zurückdrehen und auf dem Stand von vor zehn Jahren einfrieren.“

Mit Klinik-Reformen tut sich die Politik seit Jahren schwer. Das liegt vor allem an der Stellung der Länder. Sie sind zuständig, wo welche Kliniken geplant werden – und für die Finanzierung der Häuser und Ausstattung. Trotz klammer Kassen: Die Hoheit über ihre Kliniken wollen sich die Länder nicht nehmen lassen.

Deutsche Gesundheitsversorgung weltweit top

Klasse statt Masse – das fordern Kassen und Opposition. Laut dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach gilt in den Kliniken fast immer das Motto: „Es wird improvisiert.“ Zwar gibt es Messungen von Qualität – doch die Regeln dafür stellen Ärzte, Kassen und Kliniken gemeinsam auf. Und das ist oft ein zähes Ringen. Laut Lauterbach werden Patienten manchmal durch Organisationsmängel im OP gefährdet oder durch mangelnde Orientierung an Standard-Behandlungsschritten.

Auch die OECD-Experten raten in ihrem Bericht für die Konferenz bei Bahr: Deutsche Kliniken sollten stärker als bisher auch aufgrund von Daten über den Behandlungserfolg bezahlt werden. „Das würde dazu beitragen, dass den Deutschen auch künftig eine Gesundheitsversorgung zugute kommt, die zu den besten der Welt zählt.“

(dpa)

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