Noch eine Behinderung: Ein Raffzahn zu sein

Acht Jahre Haft für „Horror-Zahnarzt“ – offensichtlich aus Geldgier verstümmelte er mehrere Dutzend Menschen.

Bericht und Illustration von „Le Journal du Centre“/Franck Lemort

Bericht und Illustration von „Le Journal du Centre“/Franck Lemort

Für alle, die sowieso schon Angst vor Dentisten haben, hat ROLLINGPLANET den perfekten Rat: Trau keinem Zahnarzt! Niemals! Allen ROLLINGPLANET-Leser/innen, die wir schon vor drei Jahren partout nicht davon abhalten konnten, ihr Gebiss checken zu lassen, geben wir heute eine weitere Warnung mit auf den Weg.

Ein als „Zahnarzt des Grauens“ bekanntgewordener Niederländer ist in Frankreich wegen Gewalt gegen Patienten zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dem Mann wurde vorgeworfen, mehrere Dutzend Menschen bei seinen Behandlungen verstümmelt zu haben. Neben der Gefängnisstrafe verhängte das Gericht in Nevers im Zentrum des Landes auch ein Berufsverbot, wie die Regionalzeitung „Le Journal du Centre“ am Dienstag online berichtete. Damit folgten die Richter dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Der Mann hatte 2008 eine Praxis im Ort Château-Chinon eröffnet, wo es keinen Zahnarzt mehr gab. Nach einiger Zeit häuften sich Beschwerden. Eine Frau sagte beispielsweise, dass ihr acht Zähne auf einmal gezogen wurden, andere berichteten von Infektionen und bleibenden Schäden. Die Staatsanwältin hatte in ihrem Plädoyer im März ein „Gesundheitsdesaster“ beklagt und dem Mann vorgeworfen, sein Ziel sei es gewesen, mehr Geld von der Krankenversicherung zu bekommen.

Haben wir es doch gesagt: Trau keinem Zahnarzt!

Das erzählen die Opfer

ROLLINGPLANET warnt: Vertraue auch keinem Headhunter!

Der Anruf aus der Zahnarztpraxis kam überraschend: „Ihr Zahnersatz ist da“, sagte die Sprechstundenhilfe zu Sylviane Boulesteix. „Ich fand das merkwürdig, (…) ich hatte noch meine Zähne“, erzählte die Seniorin der Zeitung „Le Journal du Centre“. „Meine oberen Zähnen waren ein bisschen abgenutzt, aber sie hatten noch die Wurzeln.“ Mehrere Stunden dauerte die Behandlung, sieben der acht Betäubungsspritzen habe der Zahnarzt ihr gegeben. „Er hat mir acht Zähne auf einmal gezogen.“

Nicht nur für notorische Zahnarzt-Angsthasen sind die Geschichten aus der Praxis in Château-Chinon nur schwer zu ertragen. Dutzende Patienten haben Ähnliches durchgemacht: lange, teils unnötige Behandlungen unter starker Betäubung, mehrere Zähne auf einmal gezogen, Infektionen, bleibende Schäden.

Anfangs war der Niederländer in dem 2100-Einwohner-Ort freudig empfangen worden. Château-Chinon war eine „medizinische Wüste“, wie es in Frankreich blumig heißt: Der letzte Zahnarzt hatte 2006 seine Praxis geschlossen. Ein Headhunter brachte den Arzt in die Provinz. „Wir hatten große Hoffnungen in ihn gesetzt“, sagte der frühere Bürgermeister dem Portal francetv info. Was nicht bekannt war: In den Niederlanden hatte es Beschwerden gegeben – doch nach dem Umzug legten die dortigen Behörden den Fall zu den Akten, wie niederländische Medien berichteten.

Mit der Zeit tauchten auch in Frankreich Alarmsignale auf: Der hohe Umsatz, Beschwerden von Patienten. Im Ort wird erzählt, dass der Mann auf großem Fuß lebte. „Die Patienten sind die Geiseln dieses Mannes geworden, dessen Ziel es war, immer mehr Geld zu verdienen“, so Staatsanwältin Lucile Jaillon-Bru bei ihrem Plädoyer. Er habe zu hohe Rechnungen gestellt und nur Verachtung für die Menschen gehabt.

„Beim Tierarzt wären wir besser versorgt worden“, sagte ein Opfer zu francetv info. Danièle Wezemael erzählte: „Ich wollte keine Zahnsteinentfernung. Aber er hat mich nicht um meine Meinung gefragt. Ich dachte, mein Kopf würde explodieren.“ Erst danach habe sie gesehen und gespürt, was passiert war: „Er hatte mir die Zähne abgefeilt.“ – „Ich esse auf dem Gaumen.“

2013 eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Anklageverfahren. Der Mann setzte sich nach Kanada ab – nach Angaben seiner Anwältin, weil er sich dort das Leben nehmen wollte. Er wurde festgenommen, zunächst in die Niederlande überstellt und dann nach Frankreich ausgeliefert.

Der Arzt gebe zu, nicht gut gearbeitet zu haben, sagte seine Anwältin vor dem Prozess. Aber er habe nie die Absicht gehabt, Schmerzen zuzufügen. „Er geht davon aus, dass er nicht die furchtbare Person ist, als die einige ihn beschrieben haben.“ Von einem psychologischen Experten wurde dem Angeklagten nach Angaben der Zeitung „Le Monde“ ein Mangel an Mitgefühl attestiert.

(RP/mit Materialien von dpa)

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