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Noch eine Behinderung: Hallux valgus

Wenn der Schuh drückt – wie sich schmerzhafte Fußfehlstellung behandeln lassen. Von Markus Münch-Pauli

Rechter Fuß mit Hallux valgus (Foto: Ars Pedis)

Rechter Fuß mit Hallux valgus (Foto: Ars Pedis)

Falsche Schuhe, erbliche Veranlagung, zu viel Gewicht: Das können Gründe dafür sein, dass sich die Füße krankhaft verändern. Oft reicht es, einem Ballen – medizinisch Hallux valgus genannt – mit Einlagen zuleibe zu rücken. Eine Operation sollte der letzte Schritt sein.

Kaum ein anderer Körperteil muss so viel arbeiten wie die Füße. Sie werden bei jedem Schritt bewegt. „Pro Tag trägt ein Fuß zusammengerechnet 30 Tonnen Gewicht“, erklärt Orthopäde Nils Lynen von der Deutschen Assoziation für Fuß und Sprunggelenk (DAF) in Wuppertal. Ein Drücken im Schuh ist dabei unangenehm – und es kann zu einem ernsten Problem werden.

Schiefzeh schädiget Gelenke und Knochen

Wird der Ballen auf der Fußinnenseite dick und rot, während sich gleichzeitig der große Zeh zum Nachbarzeh dreht, kann es sich um einen Hallux valgus handeln. Schiefzeh oder Ballen heißt dieses Problem umgangssprachlich. Das sieht in offenen Schuhen nicht nur hässlich aus, es schädigt auch Gelenke und Knochen.

„Hallux valgus und Fehlstellungen der Kleinzehen sind die häufigsten Probleme in der Fußchirurgie“, sagt Prof. Thomas Mückley vom Vorstand der Gesellschaft für Fußchirurgie in Raisting (Bayern). Mit den Fußproblemen sind oft auch Podologen konfrontiert.

Hat der große Zeh eine X-Stellung?

Die medizinisch ausgebildeten Fußpfleger sind darauf spezialisiert, Probleme an den Füßen zu behandeln, die nicht sofort ein Fall für Orthopäden oder Chirurgen sind. „Wenn der große Zeh eine X-Stellung hat, erkennt meist auch der Patient einen Hallux valgus sofort“, ergänzt Tatjana Pfersich vom Verband Deutscher Podologen in Reutlingen.

Hilfe suchen die meisten Betroffenen nicht aus kosmetischen Gründen, sondern weil die dicke, gerötete Stelle an der Fußinnenseite in jedem Schuh schmerzt. Auch können sich Schleimbeutel entzünden, oder es tritt sogar Gelenkwasser aus, sagt Pfersich.

Das passiert beim Hallux valgus

Ein Fuß besteht aus 28 Knochen, etlichen Gelenken, Muskeln und mehr als 100 Bändern. „Die spannen sich über den Fuß wie die Streben eines Kirchenfensters“, beschreibt Orthopäde Nils Lynen.

Werden die Bänder zu weich, geht der Fuß in die Breite. Genau das passiert beim Hallux valgus im Bereich des Mittelfußknochens. Weiter in Richtung Fußspitze haben die Bänder noch mehr Kraft und halten dort die Knochen enger zusammen. Dadurch schiebt sich in einer Hebelbewegung oft der große Zeh über seinen Nachbarn – und liefert damit das klassische Krankheitsbild.

„Das harmonische Gleichgewicht der Sehnen im Fuß ist dann gestört“, ergänzt Mückley, der Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie am Helios-Klinikum in Erfurt ist.

Frauen haben häufiger Hallux valgus

„Frauen sind davon stärker betroffen, weil sie weichere Bänder haben. Nach einer Schwangerschaft verstärkt sich dieser Effekt sogar noch“, erklärt Lynen. Neben einer erblichen Veranlagung spielen auch die Schuhe eine Rolle: Sind sie zu eng, hochhackig und unterstützen sie insgesamt nicht die natürliche Abrollbewegung des Fußes, fördern sie Fehlstellungen wie den Hallux valgus. Das trifft besonders auf Pumps zu, also hochhackige Damenschuhe. Zur Behandlung gehört daher zunächst, den Fuß dauerhaft gut und richtig zu polstern.

„Es gibt Silikonpölsterchen zur Druckentlastung“, sagt Pfersich. Begleiterscheinungen wie Hühneraugen oder Hornhautbildungen behandeln Podologen. Lynen betont, dass Einlagen immer individuell vom Orthopädieschuhmacher angepasst werden müssen: „Moderne, medizinisch passgenaue Einlagen können zum Beispiel bestimmte Auflagepunkte stimulieren und so eine gewünschte Muskelanspannung oder –entspannung anregen“, erklärt er.

Wann ist eine OP erforderlich?

Experten raten dringend von Pumps oder Flip-Flops ab (Foto:  Kurt/pixelio.de)

Experten raten dringend von Pumps oder Flip-Flops ab (Foto: Kurt/pixelio.de)

Erst wenn Patienten mit der Einlagentherapie immer noch klagen oder sich die Fehlstellung verschlimmert, ist eine Operation der nächste Schritt. „Das ist auch wichtig, um Metatarsalgien zu verhindern“, sagt Mückley. „Darunter versteht man Schäden an Gelenken und Knochen der kleineren Nachbarzehen, die wegen des Hallux valgus überlastet werden.“

Bei einem Eingriff wird immer die Fehlstellung korrigiert. Manchmal reicht es, nur Weichteile, also die Bänder zu bearbeiten, meist wird aber der Knochen durchtrennt und anders wieder angesetzt. „Das ist sehr komplex, in der Literatur werden mehr als 100 Varianten von Hallux-valgus-Operationen beschrieben.“

Die Heilung dauert im Normalfall sechs bis acht Wochen. Im Anschluss an die Operation trägt der Patient in der Regel einen belastungsschonenden Schuh, damit er sich während der Genesung bewegen kann.

Was bereits bei Kindern zu beachten ist

„Hallux valgus ist eine zivilisatorische Erkrankung“, sagt Lynen. „Wir werden immer größer und schwerer.“ Gleichzeitig werden die Füße oft nicht gut genug trainiert. Und einen erholsamen Gang barfuß auf natürlichem Untergrund gönnt auch kaum jemand seinen Füßen. Das sollte man aber vor allem Kindern möglichst lange und häufig ermöglichen. Ebenso wichtig ist die Wahl der richtigen Schuhe: „Kleine Kinder merken nicht, wenn ein Schuh zu eng wird“, sagt Pfersich. Eltern müssen daher regelmäßig kontrollieren, ob in Breite und Länge genug Platz ist – besonders wenn Probleme wie der Hallux valgus in der Familie bekannt sind.

Die Füße längere Zeit mit Pumps oder Flip-Flops zu schmücken, davon raten Fußexperten dringend ab. Besonders die sommerlichen flachen Treter seien „ein Desaster“, sagt Lynen.

Neben Schuhen, die die Füße möglichst wenig an ihrer ganz natürlichen Bewegung hindern, empfiehlt er bei Problemen auch High-Tech-Schuhe, die besonders ausgefeilte Fußbetten haben. Pfersich rät außerdem: „Schuhe immer nachmittags gegen 16 Uhr kaufen.“ Da ist die natürliche Anschwellung der Füße am größten. Schuhe die dann passen, passen immer gut.

(dpa/tmn)

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