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Noch eine Behinderung: Helikopter-Eltern

Im Dunkeln darf das Kind nicht aus dem Haus, zur Schule wird es gefahren: Übervorsichtige Eltern tun ihrem Nachwuchs keinen Gefallen. Denn sie übertragen eigene Ängste auf ihre Kinder. Insbesondere für Heranwachsende mit Handicap kann das fatal sein.

Achtung, überfürsorgliche Eltern im Anflug (Foto: Sandra Krumme /pixelio.de)

Die 10-jährige Rollstuhlfahrerin Paula (Name von der Redaktion geändert) steht vor einer leicht ansteigenden Rampe und schaut sich unsicher um. Nur zögerlich wagt sie, hinaufzurollen, obwohl links und rechts Matten aufgebaut sind, die sie im Falle eines Sturzes abfangen würden. Rund ein Dutzend anderer Kinder haben sich wie Paula heute in Heidelberg eingefunden, um an einem Mobilitätstraining für junge Rollis teilzunehmen. „Viele kommen völlig verängstigt an und trauen sich gar nichts“, weiß Coach Rainer, ein 40-jähriger Querschnittsgelähmter, zu erzählen: „Und das liegt oft an den besorgten Eltern.“ Im Falle von Paula bedeutet das sogar: Sie durfte bisher nicht ohne Sturzhelm auf die Straße.

Hilfe, mein Kind könnte aus dem Rollstuhl fallen und sich alle Knochen brechen! Fahr mit Deinem Rollstuhl bloß keine Rolltreppen. Hilfe, unsere Tochter kommt jetzt in ein gefährliches Alter und ist wegen ihres Handicaps eine leichte Beute für Männer. Hilfe, mein Kind lasse ich nicht alleine in den Urlaub fahren. Was viele Heranwachsende ohne Handicap bereits behindert, kann bei Kindern mit Handicap zu einer echten Doppel-Behinderung führen.

Der Wunsch nach perfekter Erziehung

Sie wollen alles richtig machen, und genau das ist falsch. Übervorsichtige Eltern möchten ihr Kind perfekt erziehen und ihm jede unangenehme Erfahrung ersparen. Sie warnen vor jeder kleinsten Gefahr, beobachten alles mit Argusaugen und mischen sich immer ein – auch wenn ihr Kind die Situation alleine lösen könnte.

Wichtige Fähigkeiten kann der Nachwuchs so nur schwer entwickeln: Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen, den Umgang mit Konflikten und Ängsten – auch und gerade für Menschen mit Behinderung wichtig. „Helikopter-Eltern“ werden solche Mütter und Väter genannt, der Begriff stammt aus den USA: Der Polizeihubschrauber kreist über dem gesuchten Objekt, die Eltern umschwirren ständig ihr Kind.

Der Hirnforscher Ralph Dawirs aus Erlangen spricht hier von „Einmischeritis“ der Eltern. „Die Gründe sind komplex“, sagt er. Viele davon liegen in der gesellschaftlichen Veränderung: Es gibt immer weniger Kinder, auf die sich nun alles konzentriert. Sie sollen in der Leistungsgesellschaft bestehen, die Ansprüche sind entsprechend hoch.

Gesucht: Das perfekte Kind (Foto: Alexandra-H./pixelio.de)

Wie weit dabei der Elternwahn geht, schilderte ROLLINGPLANET bereits in dem Bericht Hilfe, mein Kind ist nicht perfekt!:

Zwölf Monate alt und schon Therapieerfahrung – manche Kinder haben vor dem ersten eigenen Dreirad ihren ersten eigenen Logopäden, Krankengymnasten oder Ergotherapeuten. Auswertungen von Krankenkassendaten zeigen:

Ärzte verschreiben immer mehr Kindern immer häufiger Therapien – oft, um die Eltern ruihig zu stellen. So hat fast jeder vierte Sechsjährige schon eine sprachtherapeutische Behandlung hinter sich. Die Tendenz ist seit Jahren steigend.

Natürliches Korrektiv entfällt

Früher lebte der Nachwuchs häufiger in Großfamilien, die Kinder in dem Viertel spielten zusammen, auch die Nachbarn schauten mal nach dem Rechten. Es gab damit eine Art öffentliche Aufsicht, und die Erziehung verteilte sich auf mehrere Erwachsene. „Damit existierte auch ein natürliches Korrektiv“, sagt Dawirs. Die heutigen Eltern können darauf oft nicht mehr bauen, der Druck auf sie ist größer geworden.

Hinzu kommt, dass Entscheidungen aus dem Bauch heraus bei Erziehungsfragen nicht modern sind. Es wird eher gegrübelt, hinterfragt und schließlich rational entschieden. Das hat Vor-, aber auch Nachteile. „Die Gesellschaft will Begründungen. Doch die einfachen Wahrheiten hören sich zwar gut an, sind aber praktisch nicht anwendbar“, erklärt der Arzt Ingo Spitczok von Brisinski vom Fachbereich Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der LVR-Klinik Viersen.

Engstirnigkeit ist beim Umgang mit Kindern kontraproduktiv: Denn es gibt ihn nicht, den einen richtigen Erziehungsstil – schließlich ist jeder Mensch anders und reagiert entsprechend. Das Gleiche gilt für das Verhalten in konkreten Situationen. Auch hier kann auf verschiedene Art und Weise gut reagiert werden. „Und es ist normal, Fehler zu machen“, beruhigt der Arzt. „Kinder können viel aushalten. Und die meisten Fehler in der Erziehung können wieder ausgebügelt werden, wenn die Eltern sich nicht zu radikal verhalten.“

Kinder werden ängstlich und zögerlich

Zutritt in ein ganz normales Leben verboten? Eltern haften für ihre Kinder – auch bei übertriebener Erziehung und wenn sie nicht loslassen können? (Foto: Wolfgang-Weichenmeier/pixelio.de)

Doch genau das tun „Helikopter-Eltern“. „Die Kinder werden ängstlich und zögerlich“, erklärt die Hamburgerin Familienberaterin und Buchautorin Felicitas Römer die Folgen. Weil sie sich sehr wenig zutrauen, kann es lange dauern, bis sie endlich auf eigenen Beinen stehen. Manche neigen auch dazu, sich als Mittelpunkt der Welt zu betrachten – Probleme sind da programmiert.

In einem Interview mit Deafservice.de sagt die Expertin Dr. Anja Dietzel zum Thema „Sexuelle Gewalt“ und Erziehung: „Hörgeschädigte und andere Kinder mit Behinderung werden wenig zu selbstbewussten und selbständigen Kindern erzogen. Diese Abhängigkeit führt dazu, dass sie sich nicht widersetzen können und durch das schlechte Selbstbewusstsein auch den Mut dazu nicht haben. Gerade bei hörgeschädigten Jugendlichen fällt mir auf, dass sie es normal finden, eine schlechte, schlimme oder ungute Situation auszuhalten.“ Tatsächlich wird Kindern mit Handicap oft unbewusst vermittelt: Zurückhaltend sein, bloß nicht auffallen.

Aber auch eine Rebellion der umklammerten Kinder ist möglich: Um sich endlich zu befreien, lehnen sie sich auf. Das kann in der Pubertät heftig werden. Viele Freunde haben solche überbehüteten Kinder meist nicht, das liegt auch an ihrer kritischen Grundeinstellung. „Sie sind viel zu vorsichtig, um auf Leute zuzugehen und zu schauen, ob das ein Netter oder ein Doofer ist», sagt der Arzt Spitczok von Brisinski. „Damit begrenzen sie natürlich die Auswahl an potenziellen Freunden.“

Eltern wissen nicht, welchen Schaden sie anrichten

Den übervorsichtigen Eltern ist nicht bewusst, was sie mit ihrem Verhalten dem Nachwuchs antun. Meistens haben sie wenig Kontakt zu anderen Eltern und sind selbst ängstliche Menschen. Ob sie früh oder spät Eltern geworden sind, ist unerheblich. Sie bringen ihren Nachwuchs noch zur Schule, wenn alle Altersgenossen längst miteinander zu Fuß gehen. Gibt ein Fremder dem Kind eine Süßigkeit, alarmieren sie die Polizei.

Eine grundsätzliche Sorge um das Kind ist zwar völlig normal. „Wenn das Kind das erste Mal alleine in die Schule geht, ist es einem natürlich mulmig“, so Spitczok von Brisinski. Doch es müsse eine kognitive Korrektur einsetzen – die Einsicht, dass es so das Beste und die Gefahr eines Unglücks äußerst gering ist. Einig sind sich die Experten: Die meisten Eltern können das, den Spagat zwischen Fürsorge und loslassen.

„Eltern müssen erkennen, dass ihre Macht und ihr Einfluss auf das Leben der Kinder begrenzt ist“, sagt die Familienberaterin Römer. Sie sollten sich mit sich selbst auseinandersetzen, mit ihren Gefühlen und ihrem Verhalten. Was macht mir Angst, und woher kommt sie? Gebe ich sie an mein Kind weiter? Kann es sein, dass ich mit meiner Sorge das Kind an mich binde?

Schwieriger Abnabelungsprozess

Diese Fragen sollten sich Eltern stellen. Und es aushalten können, wenn ihr Kind auch mal traurig, wütend oder ängstlich ist. Dazu kommt die Akzeptanz, dass der Nachwuchs mit zunehmendem Alter immer mehr eigene Wege geht. „Das fällt naturgemäß schwerer, je mehr das Lebensglück an den Kindern festgemacht wird“, sagt Römer. Deshalb sollten sich Eltern bewusst um ihr eigenes Leben kümmern – in der Partnerschaft, im Freundeskreis und im Beruf. Und ROLLINGPLANET ergänzt: Auch behinderte Kinder werden ganz normal – wenn man sie nur lässt.

(RP/Sabine Maurer, dpa)

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3 Kommentare

  • georg merklein

    solche eltern haben sie doch nicht alle am christbaum…

    6. Februar 2013 at 22:05
  • Sandra von Lingen

    Danke für den sehr guten Beitrag!

    7. Februar 2013 at 11:50
  • Stephanie Stampfer

    Nun ja, was z.B. die Sprachtherapie betrifft: Kinder lernen heutzutage anders lesen / schreiben wie es in den 70ern oder 80ern der Fall war. Anstatt erst alle Buchstaben zu lernen, beginnen die Erstklässler sofort mit einer Anlauttabelle selbst einfache Worte zu schreiben. Das kann aber nur funktionieren, wenn spätestens mit sechs Jahren die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Ein Kind, das statt „R“ ein „L“ spricht oder noch lispelt, wird daher noch zu Kindergartenzeiten in die Logopädie geschickt, weil die Schule ansonsten Stress macht. Hat also weniger mit Eltern zu tun, die „ruhig gestellt“ werden müssen… Ansonsten stimme ich natürlich zu: Wir müssen unseren Kindern auch etwas zutrauen. Nur daran wächst man als Mensch.

    12. Februar 2013 at 21:19

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