""

Noch eine Behinderung: Nicht lange auf Ironie verzichten zu können

Steinbrück, die Gebärdensprache und der Stinkefinger, der die Bundestagswahl entscheidet.

Das "SZ Magazin" mit einem durch Ironie behinderten Mann auf dem Titelblatt (Foto: SZ Magazin)

Das „SZ Magazin“ mit einem durch Ironie behinderten Mann auf dem Titelblatt (Foto: SZ Magazin/Alfred Steffen)

Die in London lebende, deutsche Journalistin Christiane Link (Rollstuhlfahrerin) twitterte zur Halbzeit des TV-Duells Merkel versus Steinbrück: „Germany – the country where you can win elections without smiling or laughing once.“ („Deutschland – das Land, in dem du Wahlen gewinnen kannst, ohne zu lächeln oder einmal zu lachen“.) Das war kurz bevor Peer Steinbrück danach gefragt wurde, ob Politiker genügend Geld verdienen und zum ersten Mal einer der beiden Kandidaten (nämlich Steinbrück) grinste.

Wenn Lachen schon schwierig ist, ist es Humor erst recht – von Ironie ganz zu schweigen. Es mag viele Gründe geben, Steinbrück nicht zu mögen. Doch der SPD-Kanzlerkandidat war im Grunde schon von Anfang disqualifiziert, weil er es in der Vergangenheit tatsächlich wagte, in aller Öffentlichkeit ironisch zu werden. In der SPD-Zentrale haben sie ihn bestimmt angefleht: Peer, wir machen dich nur zum Sptizenkandidaten, wenn du uns schwörst, keine Witzchen zu machen. Keine Witzchen, niemals, niemals! Nicht mal intelligente! Bloß nicht authentisch sein!

Kurz vor dem Ziel noch mal ironisch geworden

Und nun ist eingetreten, was zu befürchten war: Er hat es nicht geschafft – den ironiefreien Wahlkampf. Dabei hätte er nur noch neun Tage durchhalten müssen.

Steinbrück sorgt mit einem – man muss es leider betonen, damit es auch jeder versteht – ironisch gemeinten Foto und einer „Stinkefinger“-Geste für Aufsehen. Im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ antwortete er in einem Interview, in dem nur mit Gestik und Mimik reagiert wird, auf die Frage nach seinen Spitznamen mit einem Strecken des Mittelfingers Richtung Kamera.

Da hofft einer wohl vergeblich auf Humor

Die konkrete Frage an den 66-Jährigen lautete: „Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“. Das Ohne-Worte-Interview („Sagen Sie jetzt nichts“) ist ein Klassiker des „SZ-Magazins“.

Steinbrück verteidigte die Geste am Donnerstagabend – und hofft auf den Humor der Menschen im Land. „Da werden einem Fragen gestellt, die man übersetzt in Gebärden, in Grimassen, in Emotionen“, sagte Steinbrück am Rande einer SPD-Kundgebung in München über die besondere Interviewform des Magazins.

„Das schauspielert man dann. Und ich hoffe, dass die Republik auch den Humor hat, dann diese Grimassen und diese Gebärdensprache bezogen auf die Fragen richtig zu verstehen.“ Auf die Frage, ob er gewusst habe, dass das Magazin dieses Foto auf den Titel nehmen wolle, sagte Steinbrück: „Nein.“

Hätte er mal lieber auf seinen Pressesprecher gehört

Laut Magazin wollte Steinbrücks Sprecher die Stinkefinger-Pose ursprünglich nicht freigeben – aber Steinbrück habe gemeint: „Nein, das ist okay so“. Steinbrücks Sprecher Rolf Kleine wollte sich dazu am Donnerstagabend auf dpa-Anfrage nicht näher äußern.

Er betonte aber, dass die Fotos im Rahmen eines ironischen Formats entstanden sein. „Das muss ja wohl noch erlaubt sein.“ Die Bilder seien bereits vor rund einem Monat entstanden – man sei über die Veröffentlichung rund eine Woche vor der Wahl im Bilde gewesen.

SPD-Parteichef Sigmar Gabriel nahm den Kanzlerkandidaten in Schutz: „Peer Steinbrück hat in einem ironischen Foto-Interview auf ironische Art Emotionen gezeigt“, sagte Gabriel via Twitter. Mehr Elend geht wohl nicht, als sich von Gabriel retten zu lassen.

Er kann nicht aus seiner Haut: „Bei mir rockt es“

Ist die Geste auch ein Augenzwinkern Richtung Medien? Immer wieder war in der SPD über aufbauschende Berichterstattung und einen teils unfairen Umgang mit Steinbrück geklagt worden. Während Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre zur Raute geformten Hände zum Markenzeichen erkoren hat, sorgt Steinbrück nun jedenfalls mit einer etwas anderen Gestik für Schlagzeilen.

Er inszeniert sich damit einmal mehr als ein Politiker der besonderen Art („Bei mir rockt es“) – aber sollte es mit dem Kanzlerjob noch klappen, könnte ihn so ein Bild verfolgen.

So etwas geht nicht. Warum eigentlich nicht?

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) meinte bei Twitter: „Das kann doch wohl nicht der Stil eines Bundeskanzlers sein.“ FDP-Chef Philipp Rösler sagte: „Die Geste verbietet sich als Kanzlerkandidat. So etwas geht nicht.“ ROLLINGPLANET fragt sich: Warum eigentlich nicht?

Steinbrück selbst meinte via Twitter: „Klartext braucht nicht immer Worte. Zum Beispiel wenn man ständig auf olle Kamellen, statt auf wirklich wichtige Fragen angesprochen wird.“

Wiederholt hatte er kritisiert, ob das Land nicht wichtigere Probleme habe, als aufgeregte Debatten über angebliche Fehltritte von ihm.

Wir lernen: Leider kann in Deutschland niemand, der ironisch auftritt, Bundeskanzler werden. Nächstes Mal, Herr Steinbrück, ziehen Sie sich bitte eine Deutschlandkrawatte mit unseren drei Farben an. Die versteht jeder ohne Worte. Meinen wir jetzt ganz ohne Ironie.

(RP/dpa. Wir danken dem Fotografen Alfred Steffen für die Erlaubnis, sein Foto kostenlos veröffentlichen zu dürfen.)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN