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Noch eine Behinderung: Perfekt bis unter die Schamhaare sein zu wollen

Ob vermeintlich nicht perfekt geformte Schamlippen oder schlaffe Hodensäcke: Der seit einigen Jahren anhaltende Trend zur Intimrasur legt so manches frei, was vorher verdeckt war, und treibt immer mehr Frauen und Männer zu Intimchirurgen. Doch das kann in die Hosen gehen. Von Nina C. Zimmermann

Eine Werbekampagne von Gucci, in der Intimrasur thematisiert wurde, sorgte für einen Skandal – das war vor zehn Jahren, und inzwischen treibt der Körperkult die seltsamsten Blüten. (Foto: dpa)

Eine Werbekampagne von Gucci, in der Intimrasur thematisiert wurde, sorgte für einen Skandal – das war vor zehn Jahren, und inzwischen treibt der Körperkult die seltsamsten Blüten. (Foto: dpa)

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die mit ihrem Körper rundum zufrieden sind. Aber auch wenn sie etwas auszusetzen haben: Die meisten Normalsterblichen können ganz gut mit dem leben, was die Natur ihnen gegeben hat.

Manche jedoch versuchen beinahe um jeden Preis, dem Idealbild zu entsprechen, das sie im Kopf haben. Dafür scheuen sie sich auch nicht, sogar ihren Genitalbereich schönheitschirurgisch optimieren zu lassen. Ein Trend, der Fachleuten zufolge zunimmt. Damit verbundene Risiken werden dabei oft vergessen.

Schönheitschirurgen wittern lukratives Geschäft

Geschäftsfeld „Wie abstehende Ohren oder Höckernasen gibt es auch im Intimbereich eine ganze Variation von Erscheinungsbildern“, sagt der in Leipzig niedergelassene Gynäkologe Marwan Nuwayhid. Er hat vor Kurzem die Gesellschaft für ästhetische und rekonstruktive Intimchirurgie Deutschland (Gaerid) gegründet. Den Wunsch nach Veränderung auch an den Geschlechtsteilen hält er für ganz natürlich.

So gebe es zum Beispiel Frauen, die extrem unter großen Schamlippen leiden, weil sie sich etwa beim Reiten oder Radfahren wund scheuern oder das Tragen enger Jeans unmöglich machen. Manche störten sie auch beim Sex. Befördert werde der Wunsch nach Korrektur zudem durch den anhaltenden Trend zur Intimrasur.

Nichts ist vor dem Jugendwahn sicher

„Es kommen auch Patientinnen aus rein ästhetischen Gründen zu uns, die sagen ,Ich fühle mich nicht wohl damit, ich möchte das korrigieren lassen’“, erläutert der Mediziner.

Wieder andere wünschten sich einen „juvenilen (jugendlichen) Look“ ihrer altersbedingt erschlafften Schamlippen, und bei manchen sei die Scheide nach drei Geburten stark erweitert. „Weder die Frau noch ihr Partner fühlen sich dann wohl damit.“ Schamlippenverkleinerungen und Scheidenstraffungen sind die häufigsten Eingriffe im Genitalbereich.

Immer mehr Männer machen mit

Auch Männer gehören zunehmend zu den Kunden von Intimchirurgen, auch wenn sie noch weniger darüber sprechen als Frauen. „Immer noch ein Tabuthema ist zum Beispiel eine Hodensackerschlaffung“, sagt Nuwayhid. Die Hoden hängen dabei zu tief zwischen den Oberschenkel und können zum Beispiel dadurch beim Sport stören – oder auch allein beim Anblick.

Und auch mit einem zu kurzen oder zu dünnen Glied müsse kein Mann leben – Penisverlängerungen oder -verdickungen haben die Mediziner ebenfalls im Repertoire. „Wir wollen, dass die Intimchirurgie zur Normalität übergeht“, sagt Nuwayhid.

Jeder kann herumschnippeln

Ärzte werben offensiv mit ihren speziellen Dienstleistungen

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Patienten sollten allerdings genau hinsehen, wenn sie ihre besten Stücke unters Messer legen. Denn „Schönheitschirurg“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung und garantiert weder eine spezielle Ausbildung noch ausreichend Erfahrung.

Daher empfiehlt etwa der Berufsverband der Frauenärzte auf seiner Homepage, auf die Bezeichnung „Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie“ als staatlich geprüftes und vertrauenswürdiges Qualitätsmerkmal zu achten und sich gründlich über Risiken des medizinisch unnötigen Eingriffs aufklären zu lassen. Denn wie bei jeder anderen Operation kann auch dabei viel schiefgehen.

Ein Aspekt, der auch Nuwayhid beschäftigt. Mit seiner neuen, interdisziplinär arbeitenden Gesellschaft will er angeblich erreichen, dass der Erfahrungsaustausch unter den Operateuren schneller und die Qualität gesichert wird, neue OP-Techniken entwickelt und Ärzte entsprechend weitergebildet werden. „Es ist besorgniserregend, dass wir immer wieder Ergebnisse von intimchirurgischen Eingriffen sehen, die nicht fachmännisch gemacht sind“, sagt er.

“Medizin ist bei uns ein Gechäft“

„Es wird vieles gemacht, was der Gesundheit nicht dient“, warnt auch die Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg. Die meisten Menschen seien dem Versprechen ästhetischer Chirurgen schutzlos ausgeliefert, befürchtet sie. „Viele Leute werden erst durch solche Eingriffe krank.“

Zur Intimchirurgie – wie für viele andere ästhetische Eingriffe auch – gebe es keine unabhängigen Informationen. Patienten sollten sich immer vor Augen führen: „Medizin ist bei uns ein Geschäft.“

Psycho-Probleme und Risiken werden verharmlost

Schon 2009 warnten die Diplom-Psychologin Ada Borkenhagen und andere Autoren im „Deutschen Ärzteblatt“, dass Risiken bei Intim-OPs in der Regel bagatellisiert würden. Vor allem die Verkleinerung der Schamlippen werde oft als „kleiner Eingriff“ verharmlost. „Komplikationen können aber auch hier schwerwiegende Funktions- und Empfindungseinschränkungen zur Folge haben.“ Risiken seien unter anderem Infektionen, Narben, Verwachsungen oder Schmerzen beim Sex.

Laut der Empfehlung führender Gynäkologen sollte für jeglichen genitalchirurgischen Eingriff ein medizinischer Grund vorliegen, schreiben die Autoren. Denn oft spielten auch seelische Faktoren eine bedeutende Rolle: Dem OP-Wunsch liege möglicherweise ein psychischer Konflikt zugrunde, der durch einen Schnitt gelöst werden solle. So könnten sich dahinter Depressionen, narzisstische Störungen, Sexualstörungen oder Reifungskonflikte verbergen.

Fatale Folgen des Intimrasur-Trends

Dass die Intimchirurgie überhaupt Anklang findet, verbinden Mühlhauser wie Nuwayhid mit der seit einigen Jahren zunehmend verbreiteten Intimrasur. „Diese Mode zeigt Dinge, die vorher nicht so sichtbar waren, man sieht sich genauer im Spiegel an, vergleicht sich mit anderen“, sagt der Arzt, der von Frauen berichtet, die wegen vermeintlich zu großer Schamlippen die Sauna oder öffentliche Duschen meiden.

„Durch die Intimrasur sieht man mehr, was einen stören können sollte“, hält die Gesundheitswissenschaftlerin dagegen. Das Gefühl des vermeintlichen Anderssein beruhe auf einer durch Medien vermittelten Norm, wie ein perfekter Körper auszusehen hat.

Menschen wollen genormt sein

„Es ist ungeheuerlich, dass Normalität pathologisiert wird“, kritisiert sie daher. Befindlichkeitsstörungen, die mit Krankheiten nichts zu tun haben, würden zu Problemen definiert, an deren Lösung ein Arzt dann Geld verdienen dürfe. Es müsse viel stärker ins öffentliche Bewusstsein gelangen, dass es ein Spektrum der Normalität und des Variantenreichtums des menschlichen Körpers gebe, das nicht einer bestimmten Norm entsprechen sollte, fordert sie.

Doch die Gesellschaft entwickele sich in dieser Hinsicht kaum weiter. Archaische Rituale gebe es weiterhin überall auf der Welt. „Wir schauen mit Argwohn auf sogenannte Naturvölker, die zum Beispiel den Hals mit Metallringen langziehen“, sagt Mühlhauser. „Die Intimchirurgie ist im Grunde nichts anderes.“

(dpa)

Ein kleiner Witz…)

„Tina Turner hat auch diese OP durchführen lassen. Nach dem Aufwachen stand ein großer Blumenstrauß mit einer Karte neben ihrem Bett. Auf der Karte stand: ‚Vielen Dank für die neuen Ohren! Herzlichst Ihr Niki Lauda'“

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1 Kommentar

  • Christine

    Dieses Video unterstützt diesen ganzen Wahnsinn noch! Es wirkt als würde man Shoppen gehen. Sich gemütlich hinlegen, danach sofort aufhüpfen und am nächsten Tag vollständig Schmerzfrei durch die Gegend rennen.

    Ich bin wirklich schockiert!

    Was tut ihr Frauen euch da an? Ihr schneidet einen Teil von euch weg. Freiwillig.

    Solange alles gut geht wird weitergeschnippelt. Doch wenn es zu Infektionen kommt kann das Leben auf dem Spiel stehen.
    Ist es das wirklich Wert?

    18. März 2013 at 12:05

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