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Noch eine Behinderung: Soziale Phobie – die Angst vor den Anderen

Eine Rede halten oder mit Unbekannten telefonieren: Das ist für manche Menschen der blanke Horror. Die Ursachen dafür liegen meist in der Kindheit. Eltern sollten daher aufmerksam auf bestimmte Anzeichen achten. Von Anja Reumschüssel

Angst vor anderen Menschen – rund fünf Prozent aller Deutschen sind  von sozialer Phobie betroffen (Foto:  Ulrich C. Leopold/pixelio.de)

Angst vor anderen Menschen – rund fünf Prozent aller Deutschen sind von sozialer Phobie betroffen (Foto: Ulrich C. Leopold/pixelio.de)

Auf alten Fotos sitzt der junge Johannes Peter Wolters nachdenklich und still am Rande. Er war schon im Kindergarten ein Einzelgänger, brav und zurückhaltend. Später musste er seinen Beruf als Arzt nach sechs Jahren abbrechen – seine Ängste wurden zu groß.

Die Angst vor anderen Menschen, die Angst zu versagen oder sich zu blamieren, fraß all seine Energie. Der 60-Jährige leidet noch heute unter sozialer Phobie. Doch er hat gelernt, damit zu leben und den Verband der Selbsthilfe Soziale Phobie und Schüchternheit (VSSPS) in Höxter (Nordrhein-Westfalen) mitgegründet. Er ermutigt andere, sich mit ihren sozialen Ängsten auseinanderzusetzen.

Jeder zwanzigste Deutsche betroffen

Rund fünf Prozent aller Deutschen sind zurzeit von sozialer Phobie betroffen. Diese Menschen fallen kaum auf, sind nett, freundlich, oft zurückgezogen. Jene, die ganz schlimm betroffen sind, sieht man gar nicht. Sie verkriechen sich in ihren Wohnungen, meiden jeden Kontakt zu Fremden. Andere bekommen Herzrasen bei dem Gedanken, ein Telefonat mit einem Fremden zu führen. Oder sie bekommen Schweißausbrüche, wenn die Einladung zu einer Fortbildung auf ihrem Schreibtisch landet.

Natürlich werden viele Menschen nervös, wenn sie vor anderen einen Vortrag halten sollen. „Aber soziale Phobie fängt dort an, wo ich die Angst nicht mehr überwinden kann und sie mich in meiner Lebensführung einschränkt“, erklärt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP) in Krefeld.

Angst vor der Blamage

Im Vordergrund steht immer die Angst, sich vor anderen zu blamieren und von ihnen verurteilt zu werden. „Entscheidend ist nicht, dass man rot wird, sondern dass es andere negativ bewerten“, ergänzt Prof. Ulrich Stangier vom Institut für Psychologie an der Universität Frankfurt am Main.

Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihre Kinder plötzlich vor jedem Schultag Bauchschmerzen bekommen oder nicht mehr mit Freunden spielen wollen. Dann kann soziale Phobie eine Ursache sein. In der Regel lässt sie sich aber erst ab dem achten Lebensjahr feststellen.

Vorher machen sich Kinder noch wenig Gedanken darum, wie andere sie bewerten. Durchschnittlich treten die sozialen Ängste mit 14 Jahren auf. Bei günstigem Krankheitsverlauf gehen die Ängste mit Beginn des Erwachsenenalters zurück. Bei anderen bleiben sie ein Leben lang.

Kinder lernen Vermeidungsverhaltung

Komm mir nicht zu nahe: Soziale Phobie kann auch durch Erziehung begünstigt sein (Foto: myself/pixelio.de)

Komm mir nicht zu nahe: Soziale Phobie kann auch durch Erziehung begünstigt sein (Foto: myself/pixelio.de)

Schon die Eltern von Johannes Peter Wolters mieden Herausforderungen in sozialen Situationen. Diese Vermeidungshaltung lernen Kinder schnell, ihr Selbstwertgefühl sinkt. Auch Eltern, die ihren Kindern durch übermäßige Kritik, Leistungsforderungen oder gar Misshandlung kein Selbstbewusstsein mit auf den Weg geben, fördern soziale Ängste.

Ebenso kann der kulturelle Hintergrund einer Familie, der in starkem Gegensatz zur Gesellschaft steht, eine soziale Phobie fördern. Treffen diese äußeren Bedingungen einen Menschen, der von Natur aus schüchtern ist, können soziale Ängste die Folge sein.

Eltern schüchterner Kinder sollten dem liebevoll und geduldig entgegenwirken. Wichtig ist vor allem Verständnis für die Sorgen des Kindes. „Es hilft keinem Jugendlichen, wenn seine Eltern ihn auffordern, sich zusammenzureißen“, sagt Stangier. Stattdessen sollten Eltern ihr Kind ermutigen, sich diesen Situationen zu stellen und es so weit wie möglich dabei begleiten.

Bei großem Leidensdruck hilft eine Therapie

Das gleiche gilt für Erwachsene: Ein Erwachsener mit sozialen Ängsten sollte ebenfalls ermutigt und unterstützt werden, seine Ängste zu überwinden. Wenn der Leidensdruck zu groß wird, hilft nur der Gang zu einem Therapeuten.

„Zuerst müssen körperliche Störungen ausgeschlossen werden“, sagt Psychiaterin Roth-Sackenheim. Wenn da alles in Ordnung ist, kann eine Verhaltenstherapie oder eine tiefenpsychologische Therapie helfen. In der Verhaltenstherapie lernt der Betroffene, wie er seine Vermeidungshaltung überwindet, sich seinen Ängsten stellt und mit den Reaktionen anderer umgeht.

„In bisherigen Studien haben wir bei 80 Prozent der Betroffenen deutliche Verbesserungen nach einer Verhaltenstherapie feststellen können“, sagt Prof. Stangier. Die tiefenpsychologische Therapie sucht nach inneren Konflikten, die Ursache für die sozialen Ängste sein könnten.

Wo es Infos und Hilfe gibt

Informationen und Hilfe finden Menschen mit sozialer Phobie auch im Internet. Hier können sie Kontakt zu Selbsthilfegruppen oder Therapeuten aufnehmen, wenn die Ängste einen Telefonanruf verhindern.

„Schämen Sie sich nicht, Sie haben nichts falsch gemacht“, betont Roth-Sackenheim. Psychische Störungen können jeden treffen. Aber je länger Betroffene warten, bis sie sich Hilfe suchen, desto länger kann die Behandlung dauern. „Denn da können noch andere Ängste dazukommen“, warnt die Psychiaterin.

Wolters hat Erfahrung mit beiden Therapieformen. „Mit der Verhaltenstherapie bin ich mehr nach außen getreten, mein Leiden hat die Therapie aber nicht abgebildet“, sagt er heute. In der tiefenpsychologischen Therapie hat er schließlich gelernt, sich auch mit seinen Problemen anzunehmen: „Ich habe verstanden, dass ich etwas wert bin, auch wenn ich keine Leistung bringe.“

Der ehemalige Arzt widmet sich heute der Kunst und lebt mit seinen Ängsten. Als Mitbegründer des VSSPS macht er anderen Betroffenen immer wieder Mut: Der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist schon ein erster heilender Schritt.

Webseite: Selbsthilfeverband für Soziale Phobie

(dpa)

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