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Noch eine Zigarette und ein letztes Glas im Rollstuhl – mit dem AOK-Shopper abgerockt

Ein kleiner Club wird nicht automatisch dadurch zur Rockarena, weil dort einfach nur irgendeine eine Band spielt. Die muss dann schon auch so richtig abrocken! Und im „Spirit of 66“ in Verviers/Belgien wird abgerockt, bis der Arzt kommt!

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Kleine Location mit Wohnzimmeratmosphäre

Allerhöchste Höchste Zeit, mir mal wieder eine gehörige Dosis Rock Musik in die Ohren blasen zu lassen. Dafür bevorzuge ich inzwischen die eher kleineren Locations. Die mit „garantierter Wohnzimmeratmosphäre“. Aber von der Sorte, wo trotzdem die Post abgeht, versteht sich! Man wird halt bequemer mit zunehmendem Alter. Also mache ich mich eines schönen Sonntags auf den Weg ins nahegelegene Verviers in Belgien, um mir dort in dem legendären Prockrockschuppen „Spirit of 66“ auf dem „Progmeeting 66“ meine Gehörgänge mal wieder einer ordentlichen Belastungsprobe zu unterziehen.

Da ich als Teilzeitrollstuhlfahrer die örtlichen Gegebenheiten noch nicht genau kenne, ist für mich nur schwer einzuschätzen, inwieweit sich das Unternehmen zu einem Abenteuer auswachsen wird. Lange stehen und laufen geht nicht, also bleibt nur der Rollstuhl. Aber so ein kleines Abenteuer für „mal so zwischendurch“, das hat ja was. Als „Sicherheitsreserve“ habe ich allerdings meine Lieblingsfotografin Jutta dabei, die mich zur Not sicher „über die Schwelle“ tragen würde.

Belgische Kleinstadt mit mittelalterlichem Ambiente

Eine Stunde zu früh! Was also tun? Nachdem ich mit Hilfe der muskulären Unterstützung meiner beiden Arme und der meiner Lieblingsfotografin eine Weile über das mittelalterliche Kopfsteinpflaster von Verviers gebrettert bin, um das mittelalterliche Ambiente der belgischen Kleinstadt im Schnelldurchgang in Augenschein zu nehmen, machen wir es uns bei sonnigem aber frischen Wetter soweit wie möglich vor dem „Spirit of 66“ gemütlich und lassen uns die winterliche Sonne aufs Hirn scheinen, harren der Dinge…Hier und da sieht man die ersten Progrockfans in kleinen Trauben zusammen stehen. Man kennt sich.

Von der winterlichen Sonne angeregt, sinniere ich gerade darüber, dass der Progrock seine besten Zeiten ja schon eine Weile hinter sich hat, seit die unzähligen berühmten Progrockacts wie Yes, Led Zeppelin, Uriah Heep und wie sie alle heißen, in den 70ern die großen Bühnen der Welt gerockt haben. Da sehe ich nicht weit von mir entfernt einen blond gelockten, langhaarigen Typen herumstehen, der ein bisschen so aussieht, wie ein verlorener Ritter ohne Rüstung und ohne den obligatorischen Schimmel. Und wie er sich da draussen genüsslich ein Nikotinstößchen verpasst. Es steht ihm gut. Rock’n Roll eben. Oh, denke ich, dass ist Nad Sylvan von der schwedischen Band „Agents of Mercy“. Der Junge ist im Moment ziemlich angesagt. Zur Zeit ist er mit dem legendären Ex-Gitarristen von Genesis, Steve Hackett, als Sänger auf großer Welttournee, um Steve’s neue CD Revisited II zu promoten. Auf den beiden Revisited-CDs (I u. II) wurden diese ganzen alten Klassiker aus der frühen Genesis-Phase noch mal neu aufgenommen. Großartige Teile übrigens!

Hartgummi geben als schwieriges Unterfangen

„Den schnappst Du Dir“, denke ich, und brettere mit meinem Hartgummi bereiften Aktiv Sopur über das Kopfsteinpflaster, das dem in der Prager Innenstadt an Grobheit und Größe in nichts nachsteht. Was ich im Eifer des Gefechtes völlig vergesse: Meine Armmuskulatur funktioniert kurzfristig noch relativ gut, aber dann bricht sie wegen meines Post-Polio-Syndroms relativ schnell zusammen. Und wegen des kurzfristig eingesetzten Kraftaufwandes läßt mich meine Armmuskulatur schnell im Stich. Zumal ich erst kurz zuvor einen Ausflug durch die historische Kulisse von Verviers unternommen habe.

Sei’s drum: Ziemlich ausser Atem und mit einem ausgeprägtem Tremor erreiche ich nach kurzer Zeit einen völlig entspannten und sehr aufgeräumten Nad Sylvan, dem man nicht anmerkt, dass er gleich eine mehr oder weniger phänomenale Show abzuliefern hat. Er begrüßt mich mit einem freundlichen „Hello“. Es gibt nur ein Problem. Mein Ritter ist Schwede und spricht kein Deutsch ….und ich kein Schwedisch. Also krame ich die allerbesten mir zur Verfügung stehenden Englishbrocken heraus und habe einen kurzen aber sehr angenehmen Smalltalk mit Nad. Noch eine letzte Zigarette, er im Stehen und ich im Rollstuhl. Wir verabreden ein Interview.

Mit dem Behindertenbonus das Feld von hinten aufrollen

Und dann geht’s los! Ausgestatt mit einem „Behindertenbonus“, den ich gnadenlos nutze, gelingt es mir mit Leichtigkeit, das Feld sozusagen von hinten aufzurollen. Mitten durch den vor der Bühne stehenden Pulk von Progrockfans hindurch bahne ich mir mit Hilfe meiner Lieblingsfotografin einen Weg und ergattere direkt vor der Bühne einen Platz, weil der ein oder andere mit einem Lächeln im Gesicht mehr oder weniger bereitwillig zur Seite springt. Progger sind freundliche Menschen! Und da ich von hinten her auch noch mit belgischem Bier versorgt werde, fehlt es mir an nichts. Ich bin in diesem Moment einfach nur ein sehr zufriedener Rollstuhlfahrer! Denn mich erwartet eine fulminante Rockshow, die ich dank meines „Sitzplatzes“ und eines leckeren Bierchens völlig entspannt geniessen kann.

Und was Nad Sylvan mir in dem verabredeten Interview erzählt hat, wie man in Schweden aus großen Bechern trinkt und was das mit Prockrock zu tun hat, dazu beim nächsten Mal mehr.

mehr Infos zum Spirit of 66

mehr Infos zu Agents of Mercy und Nad Sylvan

mehr Infos zu Verviers/Belgien

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Lothar Epe

Lothar Epe

Dieser Beitrag erscheint als unabhängiges Blog auf ROLLINGPLANET. Er wurde von der Redaktion weder geprüft noch muss er unsere Meinung wiedergeben. Auf ROLLINGPLANET können alle User – die etwas zu sagen haben – ihr eigenes Blog veröffentlichen. Lothar Epe ist verheiratet und hat drei Kinder. Als 56-Jähriger begann er 2011 ein Studium an der Freien Journalistenschule in Berlin. Er hat das Post-Polio-Syndrom (Spätfolge der als Kind durchgemachten Poliomyelitis). Bei ROLLINGPLANET tritt Epe zweifach auf: Als ROLLINGPLANET-Redakteur und hier als privater Blogger, der unabhängig von der Redaktion schreibt, was ihm wichtig ist. Zum ausführlichen Profil.

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