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Noch keine Behinderung: Die Gebetsrosine

Neuer ägyptischer Lifestyle: Männer schmücken sich mit einer Verfärbung der Haut auf ihrer Stirne. Von Anne-Beatrice Clasmann

Der Buchhalter Ahmed Mustafa hat einen dunkelbraunen Fleck von der Größe einer Zehn-Cent-Münze mitten auf der Stirn. Der Fleck sei, so sagt er durch häufiges Beten entstanden. (Foto: Anne-Beatrice Clasmann)

Der Buchhalter Ahmed Mustafa hat einen dunkelbraunen Fleck von der Größe einer Zehn-Cent-Münze mitten auf der Stirn. Der Fleck sei, so sagt er durch häufiges Beten entstanden. (Foto: Anne-Beatrice Clasmann)

Ahmed Mustafa hat einen dunkelbraunen Fleck von der Größe einer Zehn-Cent-Münze mitten auf der Stirn. Die Haut an dieser Stelle ist rau und uneben. Trotzdem käme der ägyptische Buchhalter nie auf die Idee, deshalb zum Hautarzt zu gehen. Im Gegenteil: Der 31-Jährige ist stolz auf den Fleck, der – wie er selbst sagt – durch häufiges Beten entstanden ist. Denn Frömmigkeit steht in Ägypten hoch im Kurs – auch nach dem Sturz der islamistischen Regierung unter Präsident Mohammed Mursi.

Wenn ein Muslim alle fünf täglichen Gebete verrichtet, dann berührt er dabei genau 34 Mal mit der Stirn den Boden. Doch der Kairoer Dermatologe Chalid al-Hoschi geht davon aus, dass das Gebetsmal nicht alleine durch „normales Beten“ entstehen kann. Medizinisch gesehen handelt es sich seinen Beobachtungern zufolge «um eine Verdickung der Epidermis, verbunden mit einer Zunahme der Zahl der Pigmentzellen, die mit einer leichten Narbenbildung und erweiterten Blutgefäßen einhergeht“. Mit Bakterien oder schmutzigen Teppichen habe das nichts zu tun.

Mehr als jeder vierte muslimische Ägypter hat eine „Rosine“

Der Dermatologe Chalid al-Hoschi  geht davon aus, dass das Gebetsmal die sogenannte "Gebetsrosine" nicht alleine durch «normales Beten» entstehen kann. (Foto: Anne-Beatrice Clasmann)

Der Dermatologe Chalid al-Hoschi geht davon aus, dass das Gebetsmal die sogenannte „Gebetsrosine“ nicht alleine durch «normales Beten» entstehen kann. (Foto: Anne-Beatrice Clasmann)

„Ich selbst bete fünfmal täglich, und ich habe diesen Fleck nicht“, sagt der bekannte Hautarzt und Schönheitschirurg, der früher in Saudi-Arabien und den USA praktiziert hatte. Er ist überzeugt: „Wenn man nicht absichtlich besonders viel Druck ausübt und gleichzeitig den Kopf auf dem Gebetsteppich oder einer Strohmatte hin und her bewegt, kann kein Gebetsmal entstehen.“

Eine Ausnahme bildeten hier lediglich die schiitischen Muslime, die ihre Stirn beim Beten gelegentlich auf einem kleinen Stein platzierten. Im mehrheitlich sunnitischen Ägypten sind die Schiiten allerdings eine sehr kleine Minderheit.

Genaue Zahlen darüber, wie viele Muslime in Ägypten das dunkle Gebetsmal haben, das wegen seiner etwas schrumpeligen Form im Volksmund auch liebevoll „Rosine“ (arabisch: „Sebiba“) genannt wird, gibt es nicht. Doch schaut man sich auf der Straße um, so stellt man fest, dass über alle Altersgruppen hinweg inzwischen mehr als jeder vierte muslimische Ägypter eine mehr oder weniger auffällige „Rosine“ trägt. Das Gebetsmal des künftigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi ist flach und dezent. Im Extremfall kann die Hautveränderung die Größe einer getrockneten Aprikose annehmen.

Alles nur Angeberei und Lüge?

Während der Volksglaube besagt, dass Gott die Seinen am Tag des Jüngsten Gerichts an ihrem Gebetsmal erkennen werde, vertreten die Religionsgelehrten unterschiedliche Ansichten. Die Befürworter weisen auf eine Koransure hin, in der es heißt, „sie tragen Zeichen auf dem Gesicht vom Niederwerfen beim Gebet“. Allerdings sind viele Muslime der Meinung, dass mit diesen „Zeichen“ eher eine Art spirituelles Leuchten gemeint ist und keine Hautveränderung.

In einem englischsprachigen Internet-Forum für Muslime findet sich zu dieser Frage der Satz: „Wenn jemand absichtlich versucht, einen Fleck auf seiner Stirn zu bekommen, der aussieht, als sei er durch die Berührung des Kopfes mit dem Boden beim Gebet (arabisch: ,Sudschud‘) entstanden, dann ist dies eine Art von Angeberei und Lüge“, was am Jüngsten Tag bestraft werde.

Bart und Kopftuch vielen wichtiger als der Glaube?

„Bedauerlicherweise ist das Verständnis von Religion in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren sehr oberflächlich geworden“, sagt al-Hoschi. Der Gebetsfleck, der Bart und das Kopftuch sei für viele Menschen wichtiger, als die religiöse Überzeugung, „die nur Gott etwas angeht und nicht meine Mitmenschen“. Als Beweis für seine These, „dass nur derjenige eine Gebetsrosine bekommt, der sie auch haben möchte“, führt er an, dass dieses Phänomen in anderen islamischen Ländern nur in sehr viel geringerem Ausmaß existiere.

Außerdem sagt der Arzt, der auch schon vielen tief verschleierten Frauen mit Botox zu einem glatteren Gesicht verholfen hat: „Ich habe viele Patientinnen, die regelmäßig beten und die zum Teil auch Rat suchen, weil sie davon raue Knie bekommen haben, aber eine Frau mit einer Gebetsrosine, das habe ich noch nie gesehen.“

(dpa)

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