""

Noch mehr Absurdistan: Wahnwitzige Gesundheitsbürokratie in Deutschland (Teil 2)

(Foto: Terry U. Weller /pixelio.de)

Warum ein Rezept wegen eines Bindestrichs seine Gültigkeit verliert: Mitglieder des Ärztenetzwerkes Hippokranet schildern (unglaubliche) Fälle aus ihrer Praxis.

Wenn die Kasse Zeit schinden will

Wenn nach einer bestimmten schweren Schulterverletzung eine spezielle Schiene sofort nach der Behandlung erforderlich wäre, so stellt sich die Kassenbürokratie auch gerne quer: Regelhaft frage dann der Medizinische Dienst der Kassen an und fordert umfangreiche Unterlagen, schreibt ein Arzt. Nach vier bis sechs Wochen erfolgt eine weitere Anfrage, so dass die eigentliche Behandlung nach acht bis zehn Wochen beginnen könnte – so spät ist sie dann aber absolut sinnlos. „Ich empfehle diesen Patienten dann den Wechsel der Krankenkasse“ schreibt er.

Ein Bindestrich macht alles zunichte

Gleichzeitig werden Ärzte permanent mit Rundschreiben ihrer kassenärztlichen Vereinigung eingedeckt. Ein Beispiel gefällig? „Das An- und Ausziehen der Kompressionstrümpfe im Rahmen der häuslichen Krankenpflege, darf ab 01.07.2011 in der Verordnung nicht mehr mit Bindestrich, sondern muß mit einem Spiegelstrich getrennt verordnet werden“. Steht also im Rezept ein Bindestrich statt eines Spiegelstrichs, so ist es nicht mehr gültig. Zur Erklärung: Ein Bindestrich ist kurz (-), ein Spiegelstrich lange (–).

Bürokratie gelungen, Patient (fast) tot

Für einen dringend benötigten Blasenkatheter bei einem 91jährigen Mann, der nicht mehr richtig Wasser lassen konnte, musste ein Urologe erst einen Kostenvoranschlag einreichen und auf eine schriftliche Genehmigung warten: „Auch nach meiner telefonischen Rücksprache mit dem zuständigen Sachbearbeiter der BKK XYZ wurde nicht von diesem Vorgehen abgewichen, obwohl ich drauf hingewiesen hatte, dass der Patient sich bereits in der Praxis befand“, schildert der Arzt den Vorgang.

So entsorgt man einen Versicherten

„Also: Hilfsmittelverordnung ausgestellt, Kostenvoranschlag der Apotheke beigelegt und den Sanitätern mitgegeben, Patient unverrichteter Dinge zurück ins Altenheim (der Krankentransport kostet ja nichts), das Altenheim schickte die Verordnung und den Kostenvoranschlag an die BKK XYZ, dort wurde genehmigt, die BKK schickte die Verordnung zurück ans Altenheim, dieses schickte die Verordnung an die Apotheke, diese lieferte den Verweilkatheter an das Altenheim, das Altenheim vereinbarte einen neuen Termin in der Praxis, und der Patient wurde wieder liegend mit erneutem Krankentransport in die Praxis gebracht“, schreibt er weiter: „Gesamtdauer der Aktion: zehn Tage. Kosten des Verweilkatheters ca. 20 Euro“. Die Angehörigen des Patienten hätten ihn danach bei einer anderen Kasse versichert und die ursprünglich zuständige Kasse hatte einen teuren Patienten weniger: „Ein Schelm, der Böses dabei denkt“.

Zur Folge 1: Absurdistan: So wahnwitzig kann die Gesundheitsbürokratie in Deutschland sein (Teil 1)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

2 Kommentare

  • Anz

    Das ist wirklich alles sehr absurd.

    4. Januar 2012 at 12:44
  • Bert Schumann

    Hallo,
    erst einmal ein Kompliment für den Blog – hier wird irgendwas nicht nur wieder aufgewärmt, sondern toll kommentiert und von anderen Seiten betrachtet.
    Zum Thema: Dass in einem so wichtigen Thema soviel sinnlose Bürokratie herrscht, ist echt abenteuerlich und, wie gesagt, absurd. Wer einmal selber einen Pflegefall im Umfeld hatte weiß, wie frustrierend der Staat hier manchmal wirken kann. Kostenvoranschläge für wichtige medizinische Dinge sind die Spitze des Eisbergs und sind einfach nur unmenschlich.

    ich wünsche mir weitere solcher Berichte, die diese Zustände auf den Punkt bringen!

    6. Januar 2012 at 11:08

KOMMENTAR SCHREIBEN