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Nocti Vagus: Kulinarisches blind genießen

Das erste Dunkelrestaurant Berlins feiert am Samstag sein zehnjähriges Bestehen. Dort gibt es nicht nur Essen, sondern auch „finstere“ Kultur. Von Torsten Hilscher (Text) und Christoph Söder (Fotos)

Gäste schauen sich im Dunkelrestaurant Nocti Vagus in Berlin die Speisekarte an.

Gleich wird es finster, richtig finster. Einige Gäste des Berliner Dunkelrestaurants Nocti Vagus („Nächtliches Treiben“) atmen tief durch oder fassen sich an den Händen oder tun beides. Sie stehen in einer Schleuse. Der Raum bildet den Übergang vom hellen Bereich in die Nachtschwärze. Gleich werden sie von Menschen empfangen und bewirtet, die nie etwas sehen, und sich darum im Dunkeln zurechtfinden. Seit zehn Jahren wird diese Prozedur mit Erfolg durchexerziert. Am Samstag (7. Juli) feiert die Einrichtung das Jubiläum.

Zahlreiche Gäste haben sich für das Fest und die anschließende Abendgala im Areal der ehemaligen Brotfabrik angekündigt. Der Gebäudekomplex an der Prenzlauer Allee/Ecke Saarbrücker Straße gehört zu den angesagten Arealen der Stadt; nicht ohne Grund übernachtete Pop-Sängerin Madonna erst vor wenigen Tagen im benachbarten Soho House.

Der blinde Kellner Thomas (r.) führt die Gäste durch eine Lichtschleuse, ehe es völlig dunkel wird.

Zum Nocti-Vagus-Jubiläum wird unter anderen MISS ANGEL 2012-Jurorin Joana Zimmer erwartet. Die blinde deutsch-amerikanische Musikerin ist ein Fan der Einrichtung. „Ein wunderbares Projekt“ nennt sie das Restaurant. „Denn häufig sind blinde und sehgeschädigte Menschen auf die Hilfe ihrer Mitbürger angewiesen. Im Nocti Vagus können nun Blinde Sehenden helfen – ein Perspektivwechsel, der allen etwas bringt.“ Dazu zähle für Sehende die Erfahrung, wie es ist, einen Tisch finden zu müssen. Andersherum gebe es den Blinden Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, wenn sie helfen können. So trage das Restaurant auch zum besseren Verständnis von blinden Menschen bei, lobt Zimmer.

Idee nach Besuch im Hamburger Blinden-Schau

Dieses besondere Miteinander in Berlin seit 2002 ist Simone Glosch zu verdanken. Die Statikerin war vor elf Jahren dermaßen von der Hamburger Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ begeistert, dass sie sich zum Aufbau des Berliner Restaurants entschied.

Nach zahlreichen Auszeichnungen und zum Teil hymnischen Besprechungen im In- und Ausland ist das Nocti Vagus ein etablierter Teil der hauptstädtischen Gastronomieszene. „Alle Angebote sind auch englisch formuliert“, sagt Sprecherin Maja Kunzelmann und erklärt den Ablauf:

Hat der Gast sich entschieden, ob er unter normalen Bedingungen (ebenerdig) oder im Dunkeln speisen will (im Keller), geht es bei der Finstervariante zunächst zum Empfang, der als Bar gestaltet ist. Die Gäste können die Karte noch einsehen und bestellen. Wer es vegetarisch mag oder spezielle Fleischwünsche hat, kann das dort auch sagen. Bescheid geben sollte zudem, wer beim Überraschungsmenü aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch wünscht. Ansonsten gilt es bei diesem Menü herauszufinden, was drin ist. Die Kellner lösen nur auf Nachfrage auf.

Zehn Blinde und Sehbehinderte arbeiten mit

Maja Kunzelmann, Kulturmanagerin bei Nocti Vagus, streicht über ein Gemälde, das mit Blindenschrift versehen ist.

Apropos: dunkel meint auch dunkel. „Alles was leuchtet, also Handys oder fluoreszierende Uhren, müssen abgegeben werden“, sagt Kunzelmann. Die Kellner sind blind oder zumindest stark sehbehindert – eine Voraussetzung für die Anerkennung und damit Förderung als Integrationsfachbetrieb.

Nachtsichtgeräte wie in Dunkelrestaurants anderer Städte gibt es nicht. „Die Hand auf der Schulter eines Kellners werden die Gäste zum Tisch geleitet. Ebenso in die andere Richtung beim Gang auf die Toilette oder zum Rauchen oder beim Verlassen des Lokals“, erläutert die Sprecherin. Geschultes Personal betreue im Notfall Menschen mit Platzangst, was aber äußerst selten in Anspruch genommen werde. Insgesamt arbeiten zehn Blinde und Sehbehinderte mit 25 Sehenden im Nocti Vagus.

Inzwischen gibt es auch Shows im Dunkeln, sagt Kunzelmann, die zugleich als Kulturmanagerin des Hauses fungiert. In jedem Fall würden dafür Profis engagiert. Auch diese müssten sich erst mit der Arbeit im Dunkeln zurecht finden. Aber auch blinde Künstler würden damit gezielt gefördert.

Neben Krimi- und Gruselabenden wird „Naked Jazz in the Dark“ angeboten, wobei naked für pur steht. Wer’s prickelnd mag, für den wurden ein „Liebesdinner“ und das „Erotische Dinner“ konzipiert. Selbst finstere Comedy gibt es. Auch Team-Seminare zur Stärkung der Gruppenbildung in Firmen werden angeboten. Egal, was die Gäste erleben: spätestens auf dem Rückweg in der Schleuse spüren sie die Tiefe des Erlebten.

Webseite: www.noctivagus.com

Weitere Fakten

  • In Berlin gibt es zwei Dunkelrestaurants. Neben dem Nocti Vagus in der Saarbrücker Str. 36-38 existiert noch die Unsicht-Bar in der Gormannstr. 14 in Mitte (www.unsicht-bar-berlin.de)
  • Das Nocti Vagus unterteilt seine Woche: Montags und dienstags wird im Dunkelbereich nur Essen serviert, mittwochs bis sonntags gibt es Show und Dinner zusammen. Die höchsten Preise werden am Samstag aufgerufen: Dann kosten Dinner, Show und Kaffee zusammen 69 Euro. Ansonsten betragen die Kosten für Dinner und Show 59 Euro.
  • In der Unsicht-Bar, die auch Restaurants in Köln und Hamburg hat, werden die Speisen nach dem Uhrzeigerprinzip angeordnet, und können so geortet werden. Die Menü-Preise liegen zwischen 39,50 und 59,50 Euro pro Person. Auch dort gibt es Überraschungsmenü und Speisen für Vegetarier. Eine der Attraktionen ist die 15 Meter lange Bar mit Hell- und Dunkelbereich.
  • Bundesweit existieren etwa 20 Dunkelrestaurants, wobei sich die Konzepte stark unterscheiden. Einige Einrichtungen betonen eher den Eventcharakter, andere stellen die sinnliche Erfahrung in den Vordergrund. Nicht alle Einrichtungen sind völlig abgedunkelt. Standorte befinden sich unter anderem in Dresden, Köln, Hamburg und Stuttgart.

dapd/Quelle „Weitere Fakten“: Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin

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