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Norbert Mosandl: Riesen Zoff nach dem Sieg von Zanardi

Der Paralympics-Silbermedaillengewinner Mosandl erhebt schwere Vorwürfe gegen den Deutschen Behindertensportverband (DBS). Und Zanardi muss jetzt erst mal shoppen gehen.

Norbert Mosandl (Foto: Daniel Karmann/dpa)

Paralympics, London 2012, Straßenrennen: Einzelzeitfahren, Finale, Männer, H4 – Handbike (Brands Hatch): Gold: Alessandro Zanardi (Italien) 24:50,22 Min.; Silber: Norbert Mosandl (Neumarkt i.d. Oberpfalz) 25:17,40; Bronze: Oscar Sanchez (USA) 25:35,26

Beleidigte Extrawurst oder im Stich gelassener Sportler, der sich zu Recht über Kameradenschweine beklagt? Handbiker Norbert Mosandl hat nach dem Gewinn der Silbermedaille im Zeitfahren (eine knappe halbe Minute langsamer als Zanardi) schwere Vorwürfe gegen den Deutschen Behindertensportverband DBS erhoben. Weil er während der Paralympics nicht – wie vom Verband im Vorfeld beschlossen – im olympischen Dorf wohnen, sondern sich in der Nähe der Rennstrecke vorbereiten wollte, sei ihm beim Rennen in Brands Hatch komplett die Unterstützung durch die offiziellen deutschen Betreuer und Mechaniker verwehrt worden.

„Ich wurde aus dem Nationalteam ausgeschlossen, weil ich den Schwachsinn nicht mitgemacht habe, ins Paralympische Dorf zu ziehen“, klagte der Oberpfälzer heute. Der deutsche Chef de Mission Karl Quade bestätigte auf Nachfrage, dass sich Mosandl gegen das Dorf entschieden habe und daher aus logistischen Gründen bei der Vorbereitung keine Betreuung wie bei anderen Sportlern möglich war.

Bundestrainer für eine Stellungnahme nicht zu erreichen

„Ich sollte gezwungen werden, ins Dorf zu ziehen, weil der Herr Bundestrainer das so wollte. Daher verbot er allen Betreuern und Mechanikern, mir zu helfen. Ich habe mich 50 Meter neben der deutschen Box warm gemacht. Niemand nahm meine Roller und mein Material mit“, schimpfte Mosandl. Zu dem Vorwurf wollte sich Quade, der nicht vor Ort war, nicht äußern. Bundestrainer Patrick Kromer war für eine Reaktion am Mittwochabend zunächst nicht zu erreichen.

„Alle Topfahrer wohnen in Brands Hatch“, sagte Mosandl. In einer Mail habe ihm Kromer mitgeteilt, die Verantwortung nicht mehr zu übernehmen. „Der Bundestrainer haut mir nur Knüppel zwischen die Beine, schrieb acht Mails, mehr, als dass er mit mir redet.“ Seinen Aufenthalt bezahle der Verein BPRSV Cottbus, „vom DBS kam nichts“.

Zanardi hatte Schmetterlinge im Bauch

Alessandro Zanardi mit seinem Handbike (Foto: dpa)

Der alles überstrahlende Sieger war Alessandro Zanardi, neben Oscar Pistorius wohl eine der schillerndsten Teilnehmer der Spiele: Der Ex-Formel-1-Pilot, der die Handbike-Klasse vor Mosandl gewann, war auf der Motorsportstrecke der gefeierte Star. „Für mich ist etwas Magisches passiert“, sagte Zanardi im Ziel, wo ihn Hunderte Journalisten umlagerten. „Ich hatte Schmetterlinge im Bauch“.

Der vor fast genau elf Jahren auf dem Lausitzring schwer verunglückte Sportler (ROLLINGPLANET berichtete: Alessandro Zanardi: Zunächst wollte er lieber sterben, als behindert zu sein) klopfte seinem Rivalen anerkennend auf den Helm. „Aah, Norrrbert“, scherzte der 46-Jährige. „Das nächste Mal schlage ich dich“, entgegnete Mosandl, der seine erste Paralympics-Medaille holte, mit breitem Grinsen. Das war noch vor seinem Angriff auf den DBS.

Allerdings wird sich dieser Wunsch nicht erfüllen. Zanardi („Deutsche Ärzte haben mir so viel Blut gegeben, dass ich eigentlich einen deutschen Pass bekommen sollte“) hatte bereits im Vorfeld angekündigt, nach den Spielen in London seine Karriere im Handbike schon wieder zu beenden. Aber das fällt ihm schwer. „Ich fühle mich wie ein kleiner Junge, der morgens im Bett liegt, und die Mama ruft: Frühstück! Aber ich will nicht aufstehen müssen, sondern noch ein bisschen länger liegen bleiben.“

Zanardi muss mit seiner Frau shoppen gehen

Am Montag müsse er zunächst seiner Frau eine Woche lang „bei Frauensachen wie Shopping“ zur Seite stehen. Dann aber werde er sich eine neue Beschäftigung suchen, verkündete der Italiener. „Vor zwei Jahren habe ich mir diesen Horizont gesetzt“, erzählte Zanardi im sympathischen Englisch, «und jetzt bin ich schon ein bisschen traurig.“ Diese Traurigkeit werde aber auch vorübergehen.

Eine Idee hat er bereits und denkt dabei an einen Kollegen aus früheren Motorsport-Tagen: „Mein Freund Jimmy Vasser hat zu mir gesagt: Wenn Du Gold holst, setze ich dich in ein Auto für die Indy 500.“

(dpa/RP)


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