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NS-Opfer Dorothea Buck wird 100 – und kämpft immer noch für eine Reform der Psychiatrie

Die vielleicht letzte Überlebende von „Euthanasie“ und Zwangssterilisation im Dritten Reich denkt nicht ans Aufhören. Von Stephanie Lettgen

Die Autorin und Bildhauerin Dorothea Buck gibt in einer Wohneinrichtung für Senioren in Hamburg ein Interview. (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Die Autorin und Bildhauerin Dorothea Buck gibt in einer Wohneinrichtung für Senioren in Hamburg ein Interview. (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Wangerooge 1936: Die 19-jährige Dorothea Buck gerät in eine schwere psychische Krise. Schizophrenie lautet die Diagnose, während des NS-Regimes gilt sie als „minderwertig“. Buck kommt in eine Anstalt, wird zwangssterilisiert. Kein Arzt fragt nach Gründen für ihre Erkrankung.

„Wenn wir unruhig wurden, bekamen wir Betäubungsmittel, Dauerbäder oder wurden für einige Stunden in nasse, kalte Betttücher so fest eingebunden, dass man sich nicht bewegen konnte“, berichtet die in Hamburg lebende Bildhauerin und Autorin, die an diesem Mittwoch (5. April 2017) 100 Jahre alt wird. Seit Jahrzehnten kämpft sie für eine „sprechende und mitmenschliche Psychiatrie“, wie sie es nennt.

„Dorothea Buck ist die vielleicht letzte Überlebende von ,Euthanasie‘ und Zwangssterilisation in der NS-Zeit“, sagt die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs. Bucks Engagement für eine neue Kultur des Umgangs mit psychisch erkrankten Menschen sei beeindruckend. Seit vier Jahren lebt die alte Frau in einem Pflegeheim, ist bettlägerig. Geistig ist sie noch enorm fit und wissbegierig. Bis heute schreiben ihr viele Psychiatrie-Patienten von ihren Erlebnissen und bitten um Rat.

Auf der Spur des Morgensterns

Geboren wurde die Pfarrerstochter 1917 in Naumburg an der Saale, später lebte die Familie auf der Insel Wangerooge. Dort lernte die sehr gläubige, junge Frau 1935 einen verheirateten Chorleiter kennen und verliebte sich. „Damit begann der Konflikt, der meine Psychose wohl ausgelöst hat“, schreibt Buck in ihrem 1990 unter dem Pseudonym Sophie Zerchin veröffentlichten Erlebnisbericht „Auf der Spur des Morgensterns. Psychose als Selbstfindung“.

Sie kam in die Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bei Bielefeld, eine christliche Einrichtung. „Wir hatten keine Beschäftigung“, erinnert sich Buck. Sie habe lange keinen Besuch empfangen dürfen. Niemand habe sie informiert, dass sie unfruchtbar gemacht werden sollte.

„Psychiater waren maßgeblich an der Zwangssterilisierung von bis zu 400.000 vor allem psychisch kranker und geistig behinderter Menschen beteiligt“,

ist auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde über die Jahre der NS-Diktatur zu lesen.

Für Buck platzten alle ihre Träume: Sie hatte sich Kinder gewünscht, durfte nicht heiraten, keine höheren und weiterbildenden Schulen besuchen, nicht mehr Kindergärtnerin werden. Sie dachte an Selbstmord, hatte vier weitere psychiotische Schübe – den letzten 1959. Sie seien Folge ihrer Erlebnisse in der Anstalt gewesen, ist Buck überzeugt. Aber seit sie ihre Krankheit verstanden habe, sei sie geheilt. Ihre Psychose-Erfahrung sieht Buck als Bereicherung. Sie habe als „Einbruch des Unbewussten in das Bewusstsein“ einen Sinn im Leben eines Menschen, der sich in einer Krise befinde.

„Mit freundlicher Beharrlichkeit“

1960 zog die Künstlerin in ein Hamburger Gartenhaus. Die Arbeit als Bildhauerin half ihr, neuen Lebensmut zu finden. In ihren Werken spiegeln sich die erlittenen Verletzungen. Verbittert aber wurde sie nicht. Wenn ihr Zorn über das erfahrene Unrecht, die Entschädigungspolitik oder NS-Verbrecher, die ungestraft davon kamen, zu groß wurde, hämmerte sie auf ihrer Schreibmaschine. So entstanden ihre Bücher sowie zahlreiche Briefe an Politiker, in denen sie für die Rehabilitierung von Zwangssterilisierten und „Euthanasie“-Geschädigten kämpfte.

Immer wieder berichtete die Zeitzeugin öffentlich über das dunkle Kapitel der Psychiatrie-Geschichte.

„Wer sie einmal erlebt hat, vergisst nie diese intensive Präsenz und die mit etwas rauer Stimme vorgetragenen knappen Sätze, mit denen sie Ungeheuerliches beschreibt“,

sagt die Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater, Christa Roth-Sackenheim.

Bucks zentrale Forderungen: Mit Patienten muss gesprochen werden, Fesselungen oder Zwangsmedikation darf es nicht geben. Diesen Kampf führe Buck mit „freundlicher Beharrlichkeit“, sagt Joachim Speicher, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hamburg.

Ans Aufhören denkt die 100-Jährige nicht

Zusammen mit anderen Betroffenen gründete Buck den Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten sowie den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, dessen Ehrenvorsitzende sie ist. Gemeinsam mit Professor Thomas Bock vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf initiierte Buck 1989 zudem das erste Psychose-Seminar und warb dabei für einen sogenannten Trialog – also einen Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten.

Für ihren Einsatz erhielt Buck unter anderem das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Einen Tag nach ihrem 100. Geburtstag ist in der Universität Hamburg ein Symposium zu Ehren Bucks geplant. Ans Aufhören denkt sie nicht:

„Solange ich noch gut beieinander bin und was erreichen kann, werde ich das weitermachen.“

(dpa)

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