Nur 16 Prozent aller Schwerbehinderten kommen am normalen Arbeitsmarkt unter

Das macht wütend: Neue Statistik zeigt, dass Menschen mit Behinderung keine Chance haben – weil bloß 4,7 Prozent der Firmen die Quote erfüllen.

Die soeben bekannt gewordene Statistik der Agentur für Arbeit offenbart, wie groß das Dilemma für Menschen mit Behinderung wirklich ist. (Foto: iwn)

Die soeben bekannt gewordene Statistik der Agentur für Arbeit offenbart, wie groß das Dilemma für Menschen mit Behinderung wirklich ist. (Foto: iwn)

Arbeitslose Schwerbehinderte finden weiterhin nur schwer einen neuen Job. Selbst wenn sie aus der Arbeitslosenstatistik gestrichen werden, liegt das nur selten an einem regulären Arbeitsvertrag: Nur gut 16 Prozent kommen am normalen Arbeitsmarkt unter. Vier weitere Prozentpunkte machen sich selbstständig oder
nehmen eine Beschäftigung am sogenannten zweiten Arbeitsmarkt auf, also etwa eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, wie ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit (BA) am Sonntag erläuterte. Zuvor hatten die Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montag) darüber berichtet, die sich auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion berufen.

Demnach wechseln die meisten Schwerbehinderten, die aus der Arbeitslosenstatistik gestrichen werden, nicht in einen Job, sondern werden als arbeitsunfähig oder nichterwerbstätig registriert. Andere nehmen vorruhestandsähnliche Regelungen in Anspruch.

95,3 Prozent der Firmen erfüllen nicht die Quote

Ein Grund für die schlechten Werte: Viele Arbeitgeber erfüllen nach wie vor nicht die gesetzlich vorgeschriebene Quote für die Beschäftigung von Schwerbehinderten. Eigentlich müssen Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitnehmern fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzen. Doch 2014 – dem letzten aktuellen Berichtsjahr – lag die Quote nach den Daten der Bundesagentur bundesweit nur bei 4,7 Prozent.

Linken-Fraktionsvize Sabine Zimmermann forderte, die Beschäftigungsquote auf sechs Prozent zu erhöhen. Zudem müsse die Ausgleichsabgabe angehoben werden, die von Arbeitgebern bezahlt werden muss, die die Quote nicht erfüllen.

(RP/dpa)

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18 Kommentare

  • Livia Seifert

    Ich habe deshalb für meine Tochter einen Arbeitsplatz geschaffen. Eine andere Chance hätte sie derzeit nicht.

    23. Oktober 2016 at 17:05
  • Andreas Lindlar

    Daran wird sich nichts ändern, solange irgend welche Idioten leider auch aus der Journalisten Ecke mal eben behaupten Schwerbehinderte wären unkündbar und solange man sich so leicht frei kaufen kann als Arbeitgeber.

    23. Oktober 2016 at 17:33
    • Karl Karlsen

      Mal als advocatus diaboli aus Arbeitgebersicht argumentiert: Wieso sollte ich mir Personen ins Haus holen, die schwerer zu kündigen sind, denen gesetzlich weitere Sonderrechte zustehen (Urlaub, Befreiung von Mehrarbeit), die ich deswegen in der Personalabteilung besonders behandeln muss und für die ich womöglich auch noch eine Schwerbehindertenvertretung einrichten muss? Zudem bin ich bei der Versetzung auch noch unflexibler.

      Natürlich ist so eine Denkweise aus sozialer Sicht problematisch. Arbeitgeber sind aber keine wohltätigen Vereine, die Arbeitnehmer beschäftigen, weil sie ihren Arbeitnehmern einen Lebenssinn geben wollen. Die Arbeitnehmer sollen vielmehr ihre Aufgaben schnell, effizient und ohne hohen Verwaltungsaufwand erledigen.

      23. Oktober 2016 at 19:41
      • Inka Jordan

        Wieso sollte ein Schwerbehinderter grundsätzlich langsamer oder ineffizienter sein als ein nicht behinderter Mensch sein?
        Bin ich froh, daß Sie nicht mein Chef sind, der übrigens ein Vorbild für andere sein sollte!!!

        23. Oktober 2016 at 21:17
        • Karl Karlsen

          Habe ich so pauschal nicht behauptet. Ich habe Faktoren aufgezählt, die für den Arbeitgeber relevant sind. Der Zusatzurlaub und das Verbot der Mehrarbeit schränkt die Effizienz zumindest potentiell gegenüber nicht schwerbehinderten Mitarbeitern gleicher Leistungsfähigkeit ein.

          Im Übrigen gibt es für einige Arbeitgeber sicher auch weitere Gründe gegen eine Einstellung: Je nachdem, worauf die Schwerbehinderung beruht, kann eine höhere Zahl von Krankentagen drohen. Zudem ist die Einstellung in einigen Fällen vielleicht auch aus Gründen fehlender Barrierefreiheit der Räumlichkeiten (zumindest für einige Behinderungen) nicht ohne Weiteres möglich.

          Im Ergebnis werden Arbeitgeber immer die Kosten abwägen. Wenn die Einstellung eines Schwerbehinderten zu viel kostet, weil sie einfach auf vielen Ebenen Probleme bereiten und/oder Umstellungen in der Betriebsorganisation fordern kann, und dem Arbeitgeber demgegenüber keine Vorteile bringt, wird er Schwerbehinderte nicht einstellen. Dann kann man sich als Staat überlegen, ob und ggf. wie viel Druck man auf Arbeitgeber ausübt (wobei man auch immer die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Unternehmen im Auge haben muss) oder ob man die Einstellung anderweitig fördert.

          Abschließend: Wieso und in welcher Form sollte ein Chef „Vorbild für andere“ sein? Ein Chef soll seine Aufgaben erledigen. Dazu gehört im Wesentlichen, dass er sein Team vernünftig führt. Aber selbstverständlich auch, dass er die Interessen des Unternehmens vertritt.

          23. Oktober 2016 at 22:54
  • Ruth Dürr

    Daran ist niemand interessiert, dass es anders wird: https://www.brandeins.de/archiv/2016/das-neue-verkaufen/behindertenwerkstatt-werkstattbericht/ Alle, auch die Werkstätten haben sich prima darin eingerichtet, ein Sondersystem zu sein. Verlierer sind die Beschäftigten in der Werkstatt.

    23. Oktober 2016 at 18:21
  • Ralf Zille

    Bei mir was passiert. Kein Job für mich und darf kein Umzug in anderer Land. Über 15 Jahre arbeitslos (!!!). Gehörlosen- und Schwerhörigenhass in Jobcenter Hamburg (Beltgens Garten bei Hamburg). Ich lebe allein und täglich auf der Strasse. Kein Computer und kein Fernseher. Strompreis ist zu teuer und ab 31.Dezember 2016 kein Strom in meinem Wohnung. Ich habe Angst jeden Tag und brauche meine Freunde in Holland sehen. Danke, Frau Merkel!

    23. Oktober 2016 at 20:18
  • manuela wange

    Wir haben im Moment auch das Problem. Seid zwei Jahren sucht mein Sohn Deutschland weit eine Arbeit als Staatlich geprüfter Sozialpädagogischer Assistent. Er stellt sich vor er fährt bis nach Rügen macht Probearbeiten und man sagt dann ach nein sie sind ja Gehörlos das ist dann doch nichts für uns. Obwohl er es deutlich genug in seinen Bewerbungen schreibt. Oder er bekommt gesagt man muss zuerst mal die Mitarbeiter fragen ob es Ihnen zu zumuten ist. Als ich den Spruch selber gehört habe und dann auch noch von jemand er in einer Einrichtung arbeitet die mit zu Mutungen sehr viel Geld verdienen, musste ich den Raum verlassen. Ob er jemals ne arbeit in seinem Beruf bekommt ????????

    23. Oktober 2016 at 20:25
  • Andrea Bröker

    Man soll ja nicht eine Gruppe gegen eine andere ausspielen, aber wenn ich diese Werbespots und Propaganda für die berufliche Integration der neuen Mitbürger sehe, könnte ich vomieren. Es gibt hierzulande nämlich genug Fachkräfte mit hoher Motivation. Nur verschmäht der Arbeitsmarkt diese, weil sie ein Handicap haben. Das macht mich echt wütend. Wo sind die Werbespots für die berufliche Inklusion von Schwerbehinderten? Es sind nicht nur die Arbeitgeber schuld an der hohen Arbeitslosenquote bei den Behinderten, sondern auch der Staat und die gesamte Gesellschaft, die dieses Thema schlichtweg nicht interessiert.

    24. Oktober 2016 at 02:42
    • Vinzenz-Heim Aachen

      Dann lassen Sie es doch auch. Alle Menschen haben die gleichen Rechte, auch Flüchtlinge!

      24. Oktober 2016 at 12:40
      • Andrea Bröker

        Eben, gleiche Rechte: Wo ist die Propaganda für die Einstellung behinderter Arbeitnehmer?

        24. Oktober 2016 at 12:56
        • Anna Blume

          Gerade viele von uns Betroffenen wissen wie sich Diskriminierung anfühlt, daher klingt ein solches Statement nicht nachvollziehbar.Für ein soziales, friedliches Miteinander sind gleiche Rechte und Teilhabe für alle Menschen notwendig.

          9. November 2016 at 10:04
  • Chrissy Westh

    …kann da auch ein LiedChen „trällern“. Ist Realität!

    24. Oktober 2016 at 10:39
  • Lynkas

    Es ist durchaus üblich, dass das Jobcenter schwerbehinderte Akademiker nach einem 3/4 Jahr in der sogenannten Unterstützen Beschäftigung (die ja in erster Linie für Menschen mit Lernbehinderungen gedacht ist) zwangsverrentet und das bei Rentenansprüchen von 120 Euro. Das Jobcenter stellt den Rentenantrag für den Betroffenen, wenn der Betroffene sich weigert, selbst einen EU Rentenantrag zu stellen.
    Arbeitgeber sind insbesondere nicht bereit, höher qualifizierte Schwerbehinderte einzustellen. Jemanden, der „nur“ fegt, wischt, sortiert schon eher, das will ja sonst keiner machen, das „gönnt“ man dann großherzig den Behinderten, die dann ja „auf dem ersten Arbeitsmarkt“ arbeiten, hurra, aber bitte keine „echte“ Konkurrenz, davon gibt es schon genug. Wenn da jetzt noch die Behinderten mitmischen wollen, wo kommen wir da hin….(nicht meine Meinung, aber so erlebt).
    Außerdem wird der Begriff „Schwerbehindert“ von vielen Mitbürgern unreflektiert als Synonym für „Pflegefall“ aufgefasst, also für „naja, der/diejenige wird ja wahrscheinlich so gut wie nichts leisten“ oder aber eine Behinderung wird reduziert auf den hochintelligenten, hochleistenden Mann mit Rollstuhl, jung, dynamisch, ohne besonderen „Assistenzbedarf“.

    24. Oktober 2016 at 11:02
  • Monika Fitzke

    Zum Glück gibt es ach Arbeitgeber, die anderes denken. Meine Tochter hat eine Anstellung im 1. Arbeitsmarkt in Vollzeit. Sie macht ihre Arbeit gut, wird gelobt, macht Überstunden, wie jeder andere Arbeitnehmer auch, wenn sie notwendig sind. Sie ist seltener krank, als ihre Arbeitskollegen. Sie hat die Chance danke einer tollen Chefin bekommen und hat sie genutzt und ihre Chefin ist froh, sie zu haben. Das gibt es auch. Man muss nur den Betroffenen die Chance geben zu zeigen, was sie können. Bei ihr beschwert sich niemand, über die paar Tage Urlaub mehr. Soviel zu den Chefs, die so ablehnende Haltungen haben. Sie sind nicht öfter krank als andere und machen ihre Arbeit vielleicht sogar besser, weil sie denken, sie müssen es beweisen. Manchmal fast schon zuviel. Alles andere sind Ausreden, Behinderte nicht einstellen zu müssen.

    24. Oktober 2016 at 13:25
    • Christel Dosch

      Bravo Monika Fitzke, dem stimme ich voll zu .
      Nur hat mein Sohn nicht das Glück auf dem freien Arbeitsmarkt zu arbeiten. Er ist in einer Behindertenwerkstatt untergebracht, bringt Leistung trotz nur Tunnelblick, er wird gelobt hoch „3“ ! Er ist angenommen & glücklich , Bezahlung will ich nicht reden, aber es wurde uns gesagt : für diese Leistung hätte er einen Arbeitsplatz verdient mit entsprechendem Lohn!!
      Lieber der Beste ,Glückliche in Behindertenwerkstatt, als unterdrückter Bittsteller der nie anerkannt wird….diese Odysse haben wir hinter uns…

      25. Oktober 2016 at 10:09
  • DaniB

    @Karl Karlsen: Sofern ein Kündigungsgrund besteht, wird sich auch ein Integrationsamt nicht quer stellen. Es gibt übrigens diverse Zuschüsse für Arbeitgeber, die Schwerbehinderte einstellen. Insofern ist die Kostenfrage auch oft nur ein Vorwand. Ich selbst habe das Glück, trotz GdB 100 im „ersten Arbeitsmarkt“ Vollzeit tätig zu sein. Ja, ich habe fünf Tage mehr Urlaub.
    Aber ich mache Überstunden wie jeder andere auch. Meine Krankheitszeiten in den letzten drei Jahren: 2014: null 2015: fünf 2016 null.
    Interessant, dass wir von Fachkräftemangel reden, aber es uns leisten können, jede Menge qualifizierter Menschen zu Hause sitzen zu lassen und ihnen teure Rente zu zahlen.

    27. Oktober 2016 at 00:13

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