Oft zu spät erkannt: Skoliose entwickelt sich meist im Jugendalter

Worauf Eltern bei ihren Kindern achten sollten: Schiefe Wirbelsäule – je früher die Fehlstellung erkannt wird, desto besser ist sie zu behandeln. Von Tom Nebe

Röntgenbild und klinisches Foto eines Mädchens mit idiopathischer Skoliose im Brustwirbelbereich (Fotos: Privatklinikgruppe Hirslanden)

Röntgenbild und klinisches Foto eines Mädchens mit idiopathischer Skoliose im Brustwirbelbereich (Fotos: Privatklinikgruppe Hirslanden)

Ungleich stehende Schultern, ein schiefes Becken: Das sind deutliche Anzeichen für eine Skoliose. Diese Fehlstellung der Wirbelsäule entwickelt sich meist in der Pubertät. Skoliose ist eine dreidimensionale Verformung der Wirbelsäule. „Dreidimensional deshalb, weil die Wirbelsäule nicht nur gekrümmt ist, sondern die Wirbelkörper dazu auch noch verdreht sind“, erläutert Johannes Flechtenmacher, Präsident des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU).

Charakteristisch sind Asymmetrien im Rücken: Die Schultern stehen nicht gleich, die Haltung wirkt schief. Beugt sich ein Erkrankter, zeigt sich im Bereich der Rippen oft ein Buckel. „Auf der anderen Rückenseite tritt gleichzeitig ein Wulst an den Lenden hervor“, sagt Flechtenmacher. Schätzungen gehen davon aus, dass vier Prozent der Bevölkerung Skoliose haben – Frauen wesentlich öfter als Männer.

Das kritische Alter

Die meisten Skoliosen entwickeln sich ohne erkennbare Ursachen. Hormonelle, nervliche und muskuläre Störungen werden ebenso diskutiert wie genetische Ursachen. Fakt ist: Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto effektiver kann sie behandelt werden. „Häufig entwickeln sich Skoliosen während der Pubertät aufgrund des Wachstums sehr schnell und werden zu spät erkannt“, sagt Flechtenmacher. Der Orthopäde fordert deshalb, dass Jugendliche zwischen 11 und 13 Jahren einmal entsprechend untersucht werden.

Eltern sollten die körperliche Entwicklung ihres Kindes in dieser Zeit genau im Auge behalten, sagt Frauke Mecher vom Verband für Physiotherapie (ZVK). Um Skoliose zu erkennen, lassen Eltern ihr Kind im Stand mit freien Oberkörper nach vorne beugen und achten dabei auf einseitige Verwölbungen der Rippen sowie seitliche Abweichungen der Wirbelsäule. „Das ist einfach gemacht“, sagt Mecher, Physiotherapeutin aus Braunschweig.

Wann sollte man röntgen?

„Kinder merken anfangs meist nicht, was sich in ihrem Rücken abspielt“, schildert Hans-Theo Moog. Entsprechend lange kann eine Skoliose unentdeckt bleiben. Bei Moog wurde sie, wie so oft bei Jugendlichen, als Zufallsbefund entdeckt: „Mit 12 Jahren stand ich am Beckenrand im Schwimmbad und wollte ins Wasser springen. Mein Bruder stand genau hinter mir und bemerkte meine schiefstehenden Schulterblätter“, sagt der Gründer und Geschäftsführer des Deutschen Skoliose Netzwerks (DSN).

Ersten Aufschluss gibt eine klinische Untersuchung. „Erst bei einem begründeten Verdacht wird geröntgt“, sagt Flechtenmacher. Dabei wird dann die ganze Wirbelsäule samt Beckenkamm in den Fokus genommen. Wie stark die Skoliose ausgeprägt ist, misst der Cobb-Winkel. „Dafür ermittelt man im Röntgenbild die Winkel der am stärksten gekippten Wirbel“, erläutert Flechtenmacher. Die Größe des Cobb-Winkels liefert einen Richtwert für die Behandlung. Ist die Zahl sehr klein, wird die Entwicklung der Skoliose in regelmäßigen Abständen kontrolliert. „Ab circa zehn Grad kommen krankengymnastische Therapien hinzu, ab 25 Grad eine Korsetttherapie.“

Wann sollte man operieren?

Bei schweren Skoliosen – ab einem Cobb-Winkel von 35 Grad – kommt eine Operation infrage, schildert Flechtenmacher. Bei der OP wird der betroffene Abschnitt der Wirbelsäule versteift. Die Grad-Zahlen seien nur sehr grobe Richtwerte, betont der Orthopäde. „Die Wahl der Therapie hängt auch davon ab, wo die Skoliose liegt und ob die Krümmung weiter voranschreitet.“

Allgemein gilt: Mit den richtigen Behandlungen lässt sich das Fortschreiten aufhalten. Eine Heilung versprechen sie nicht. „Der Zustand der Wirbelsäule ist nicht mehr zu verbessern“, sagt Flechtenmacher. Umso wichtiger sind Früherkennung und Vorsorge.

Es ist elementar, sich auf die Krankheit einzulassen, sagt Moog. Mit Sport und Therapie hat es Moog geschafft, schmerzfrei und ohne weitere Verschlimmerung zu leben. „Mit einer Skoliose kann man auf zwei Arten umgehen: Diszipliniert arbeiten, oder sich hängen lassen“, sagt Moog. Er macht Betroffenen Mut: „Positives Denken ist erlernbar, es stabilisiert und erleichtert den Umgang mit der Krankheit.“

Welche Sportarten sind nicht geeignet?

Während der Physiotherapie etwa trainieren Skoliose-Patienten die Muskeln, die den Rumpf umgeben. Mit einem guten Muskelkorsett bleibe die Wirbelsäule besser aufrecht, erklärt Mecher. Die Therapie funktioniert nur, wenn täglich daheim diszipliniert gearbeitet wird, betont Moog. „Neben den therapeutischen Übungen ist Sport Pflicht.“

Dabei verzichten Skoliose-Betroffene aber besser auf Sportarten, die sie einseitig belasten, rät Mecher. „Ein typisches Beispiel ist Hockey, wo man meist nach vorne gebeugt läuft.“ Besser sind Sportarten, wo der Körper im Wechsel ist, etwa Klettern oder Inlineskaten. Auch Schwimmen ist gut. „Am besten Kraulen oder Brustschwimmen, aber kein Schmetterling.“

Im höherem Alter kommt es vor allem bei einseitigen Belastungen immer öfter zu Schmerzen und Reizungen, meist in den Muskeln und Gelenken der Wirbelsäule. „Sitzt man den ganzen Tag nur im Büro, ist es umso wichtiger, dass man seine Muskeln auf und nach der Arbeit bewusst fordert“, betont Mecher. Es kann außerdem zu Einschränkungen des Lungenvolumens und somit zu Atembeschwerden kommen. Adäquates Ausdauertraining ist für Betroffene deshalb ratsam, sagt Mecher.

(dpa)

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