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Ohren auf beim Public Viewing: Wie ein blinder Fan bei der WM mitfiebert

Du sollst nicht alleine sein (und schon gar nicht mit der Glotze) – so erlebt Michael Wahl die Weltmeisterschaft. Von Sandra Degenhardt

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler der deutschen Blinden-Auswahl, Michael Wahl (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler der deutschen Blinden-Auswahl, Michael Wahl (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Verfolgt Michael Wahl ein Fußballspiel, läuft bei ihm im Kopf sein eigener Film ab. Denn der 33-Jährige, von 2009 bis 2011 Fußball-Nationalspieler in der deutschen Blinden-Auswahl, kann nichts sehen. Aber er hat eine Vorstellung davon. „Ich habe ja mal gesehen und auch Fußball gespielt. Ich weiß also, wie das ungefähr aussieht. Wenn dann eine Beschreibung zum Beispiel einer Flanke kommt, hat man schon ein Bild“, erzählt der Kölner.

Vom Fernsehbild sieht er maximal einen leuchtenden, meist grünen Fleck. Er kann Schatten und Umrisse, hell und dunkel unterscheiden. „Ich kann natürlich nicht sehen, wie das Tor fällt. Da ist dann schon so was wie ein eigenes Kopfkino dabei“, sagt Wahl.

Alleine Fußball gucken ist langweilig

Auf dem linken Auge ist er seit der Geburt blind. Durch eine Augenkrankheit verlor er auf dem rechten immer mehr von seinem geringen Sehvermögen, nun hat er nur noch ein Prozent Sehkraft. Als er noch besser sehen konnte, spielte er Fußball und Basketball.

Doch auch wenn er nichts mehr sieht, der Fußball ist auch für ihn erst in der Gemeinschaft ein Erlebnis. Er verfolgt wie Millionen anderer Deutscher die WM in Brasilien, wenn es geht, beim Public Viewing. „Schon 2006 war ja ein toller Fußball-Sommer. Es sind ja auch viele unterwegs, die sonst nicht so viel mit Fußball zu tun haben. Fußball zu Hause zu gucken, ist irgendwie langweilig“, meint Wahl. Das 4:0 zum Auftakt gegen Portugal verfolgte er bei Freunden: „Mit einem Sieg habe ich gerechnet, aber nicht mit einem so hohen.“

WM-Berichterstatter mit Behinderung

Mirien Carvalho Rodrigues liebt Brasilien, ist geburtsblind und bloggt derzeit für „Aktion Mensch“ und „kobinet“ vor Ort von der Fußball-Weltmeisterschaft. Die Dolmetscherin und Übersetzerin erzählt: „Eines Abends auf dem Sofa dämmerte es mir: Dies ist garantiert die einzige Gelegenheit in meinem Leben, eine WM in meinem Traumland zu erleben. Sie kann einfach nicht ohne mich stattfinden.“

Die Westfälin studierte, arbeitete und reiste in so unterschiedlichen Ländern wie USA, Spanien, Irland, Portugal und Brasilien. „Ich sehe dem ganzen Tumult mit Gelassenheit und, durch meine Rolle als ehrenamtliche Berichterstatterin, auch mit Abenteuerlust entgegen. Mein größter Vorteil ist natürlich, dass ich die Landessprache beherrsche. Ich sage immer: Überall, wo ich mich unterhalten kann, kann ich als blinder Mensch auch allein unterwegs sein.“


Florian-Hebbel
Der querschnittgelähmte Florian Hebbel (Foto: privat) ist laut DFB der erste deutsche Reporter im Rollstuhl, der offiziell akkreditiert von einer Fußball-Weltmeisterschaft berichtet.

Der 27-Jährige lebt in Altenholz (Schleswig-Holstein) und ist eigentlich Diplom-Psychologe: „Als Sportjournalist bin ich ein Quereinsteiger. Aber auch wenn ich noch nicht auf diesem Niveau gearbeitet habe, wage ich das. Ich kann gut schnacken und schreiben.“

Wenn der Ton schneller als das Bild ist

Für Blinde gibt es zwar im Fernsehen zum Teil Audiodeskription, die akustische Bildbeschreibung. „Das ist für zu Hause ganz nett. Aber der Ton war schneller als das Bild und dann weiß man schon vorher Bescheid“, sagt Wahl lachend. „Da muss eine Lösung her. Aber das wird es sicher in den nächsten zwei, drei Jahren geben.“ Wie die Tore zustande kommen, lässt er sich von seinen Freunden erzählen.

Seit 2007 ist der 33-Jährige im Blindenfußball aktiv und rief 2008 eine eigene Mannschaft an der Kölner Universität ins Leben, die sich kurze Zeit später dem PSV Köln anschloss. Wahl, der beim Sozialministerium in Mainz als Referent angestellt ist, gehörte zu Guildo Horns Team, das im August vergangenen Jahres für die Aktion Mensch Wahllokale auf ihre Barrierefreiheit hin testete.

Michael Wahl (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Michael Wahl (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Wahl ist nach wie vor im Blinden-Fußball engagiert. Denn Kicken ist seine Leidenschaft. Und natürlich drückt er bei der WM Deutschland die Daumen. „Es wäre schön, wenn wir den Titel holen. Aber wenn es Spanien macht, hätte ich auch nicht so viel dagegen“, sagt der Kölner. Ein Jahr lebte er in Sevilla, absolvierte dort im Rahmen seines Studiums (Germanistik, Politikwissenschaft, Philosophie) ein Auslandssemester.

Thomas Müller ist keine Frau

Im deutschen Team ist er besonders vom Dreifachtorschützen Thomas Müller begeistert. „Er ist ein Riesen-Spieler, vor allem auch sympathisch. Das muss ich auch als Dortmund-Fan anerkennen“, erzählt Wahl. Er sehe zwar nicht, was der Bayern-Profi technisch so macht: „Aber man kriegt schon mit, dass er sehr intelligent spielt. Dann denkt man sich natürlich auch, das ist jemand, den man gerne sehen will.“

Da er Müller aber nie gesehen hat und sehen wird, macht sich Wahl sein eigenes Bild von ihm. „Ich denke mir jetzt nicht, dass er 1,30 Meter groß ist, rote Haare hat und nen Bierbauch. Ich habe schon ein Bild im Kopf, da macht auch die Stimme viel aus. Ich stelle ihn mir vor wie einen durchschnittlichen Deutschen: blaue Augen, mittelbraune Haare – weiter reicht die Vorstellung dann nicht, er ist ja auch keine Frau“, gibt Wahl lachend zu Protokoll.

(RP/dpa)

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