""

OLED-Kamerabrille soll Blinde wieder sehen lassen

Bessere Wahrnehmung angestrebt – Euphorie ist allerdings nicht angebracht. Immerhin: Die Idee der Text-in-Sprache-Software überzeugt.

Eckig und etwas klobig – der Prototyp der neuen Kamerabrille (Foto: Assisted Vision)

Eckig und etwas klobig – der Prototyp der neuen Kamerabrille (Foto: Assisted Vision)

Blinde sollen mit einer speziellen Brille wieder sehen können. Das ist das Ziel von Assisted Vision. Die Forscher der University of Oxford haben die Sehhilfe mit einem OLED-Display – derzeit ansonsten vor allem für Smartphones und Tablets vorgesehen (siehe auch Info-Box unten) – und Kameras ausgestattet.

Sehr helle Bilder sollen so auf die Innenseite der Gläser projiziert werden und eine bessere Wahrnehmung gestatten. Was im vorigen Jahr noch eine Ankündigung war (siehe Video unten), ist nun technisch weiterentwickelt worden.

Text-in-Sprache-Software integriert

Laut den Forschern können 75 Prozent der blinden Menschen Licht sehen. Das begründet die Funktionsweise des OLED-Displays: Ein Prozessor reduziert die Bilddaten, die ein sehender Mensch wahrnehmen würde und verwandelt sie in eine Serie von Lichtern.

Verschiedene Farben und Lichtstärken zeigen die Entfernung des Objekts an, Bewegung kann ebenso auf dem Display dargestellt werden. Die Daten werden durch zwei Kameras, ein Gyroskop (Kreiselinstrument), einen Kompass und GPS gesammelt. Auch eine Text-in-Sprache-Software ist integriert.

Das ist die OLED-Technologie

Eine organische Leuchtdiode (englisch organic light emitting diode, OLED) ist ein leuchtendes Dünnschichtbauelement aus organischen halbleitenden Materialien, das sich von den anorganischen Leuchtdioden (LED) dadurch unterscheidet, dass Stromdichte und Leuchtdichte geringer sind und keine einkristallinen Materialien erforderlich sind.

Im Vergleich zu herkömmlichen (anorganischen) Leuchtdioden lassen sich organische Leuchtdioden daher in Dünnschichttechnik kostengünstiger herstellen, ihre Lebensdauer ist jedoch derzeit geringer als die herkömmlicher Leuchtdioden.

Die OLED-Technik ist für Bildschirme (vorerst in Smartphones und Tablet-Computern, später auch in großflächigeren Fernsehern, PCs, Monitoren) und Displays geeignet. Ein weiteres Einsatzgebiet ist die großflächige Raumbeleuchtung. Aufgrund der Materialeigenschaften ist eine mögliche Verwendung der OLEDs als biegsamer Bildschirm und als elektronisches Papier interessant.

Unterschiedliche Einschätzungen

Die Prognose der Wissenschaftler ist optimistisch: Bei grauem Star, altersbedingter Makuladegeneration, einer Form der Netzhautdegeneration (Retinitis pigmentosa), und einer durch Zuckerkrankheit hervorgerufenen Erkrankung der Netzhaut (diabetische Retinopathie) sollen Assisted-Vision-Brillen helfen.

Walter-G. Wrobel, Vorstandsvorsitzender der Retina Implant AG sagt: „Nach Vergrößerungsgläsern und Videobrillen sind Verfahren zur Objekterkennung eine sinnvolle Entwicklung.“ Die Einsatzmöglichkeiten der neuen Brille beurteilt er jedoch eher skeptisch: „Die Brille kann Menschen im Frühstadium von Augenerkrankungen helfen, sie dient zur Kompensation. Bei grauem Star gibt es Operationen und bei Makuladegeneration und Retinitis pigmentosa ist das Gesichtsfeld so klein, dass die Brille nichts nutzen wird.“

Als unterstützende Hilfe im Alltag gedacht

Retina Implant stellt mikroelektronische Netzhautimplantate her. Wrobel erklärt die Mission seines Unternehmens im Gegensatz zu jener von Assisted Vision: „Retina Implant verfolgt einen völlig anderen Ansatz: Wir helfen Menschen ohne funktionelles Sehvermögen, also Menschen, die nur zwischen dunkel und hell unterscheiden können – in diesem Bereich ist die Brille nicht sinnvoll.“

Die Text-in-Sprache-Ausgabe, die laut den Forschern Busnummern oder Wegweiser vorlesen können soll, hält Wrobel für durchaus denkbar. „Es bleibt aber die Frage, was die Brille sonst noch alles vorliest. Wenn die Nummerntafel jedes vorbeifahrenden Autos vorgelesen wird, mangelt es an Selektion.“ Die Sehhilfen sind derzeit noch in der Testphase, das Team von Assisted Vision hofft aber, Ende 2014 die ersten Brillen zum Kauf anbieten zu können.

(pte)

Video

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN