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Organ per SMS: Gibt es künftig in China weniger Hinrichtungen?

Das Land will die schlechte Spendenbereitschaft ankurbeln. Vorteil: Für die Ersatzteile muss man nicht ständig im Gefängnis nachschauen. Von Andreas Landwehr

Das Eingangsschild des Koordinierungszentrums "China Organ Transplant Response System" in Shenzhen in Südchina (Foto: Andreas Landwehr/dpa)

Das Eingangsschild des Koordinierungszentrums „China Organ Transplant Response System“ in Shenzhen in Südchina (Foto: Andreas Landwehr/dpa)

Am 1. Juni ist bundesweiter Tag der Organspende.

„Ich wüsste gerne, wer das Organ gespendet hat“, sagt Huang Xiaoyan. Die 38 Jahre alte Bäuerin aus Taizhou hat eine neue Leber. Mit ihrem Mann sitzt die Chinesin im Sessel neben ihrem Bett im Universitätshospital der Stadt Hangzhou. Sie spricht durch einen blauen Mundschutz, der Erreger in der Luft abwehren und Infektionen verhindern soll. Ohne das Spenderorgan wäre sie längst tot. „Ich will es wissen, aber die Ärzte sagen es mir nicht.“

Das Krankenhaus behandelt persönliche Daten von Spendern vertraulich. Grundsätzlich. Aber soviel wird auf Nachfrage dann doch verraten: „Ein Todesfall bei einem Unfall“, sagt ein Arzt. „Die Familie war bereit, die Leber zu spenden.“ Eines von rund 650 Organen, die bisher schon über ein neu geschaffenes Verteilungsnetzwerk vermittelt worden sind.

Seit 2011 vermittelt ein Netzwerk

Ende 2009 begann es mit dem Pilotprojekt. Chinesische Experten studierten die Spenderprogramme in 15 Ländern, entwarfen einen Plan. Im April 2011 ging das Computerprogramm China Organ Transplant Response System (COTRS) versuchsweise online. Nach einem komplizierten Schlüssel wird anhand der Schwere der Krankheit, Wartezeit und Entfernung ein passender Empfänger gesucht.

Im April 2011 vermittelte das Netzwerk erstmals ein Organ. Die registrierten Patienten und ihre Krankenhäuser erhalten automatisiert eine SMS-Kurznachricht auf ihr Telefon, dass ein Organ zu Verfügung steht. Innerhalb von einer Stunde müssen sie entscheiden, ob das Organ angenommen wird, sonst bekommt es der nächste auf der Liste.

China leidet unter akutem Organmangel

Mit dem patientenorientierten Verteilungssystem soll die heftig umstrittene Praxis auslaufen, dass Organe in China meist von hingerichteten Straftätern stammen. China leidet unter akutem Organmangel. Es werden weniger Todesurteile vollstreckt. Die Zahl ist geheim, soll sich aber auf 3000 mehr als halbiert haben. Spenden nach Exekutionen werden streng kontrolliert, bedürfen seit 2007 vorweg der freiwilligen Zustimmung des Todeskandidaten und seiner Familie.

Auch der illegale Organhandel wird strenger bekämpft, was den Mangel noch verschärft. Nur ist die Spendenbereitschaft der Chinesen nicht nur aus kulturellen Gründen schwach ausgeprägt: Es fehlte schlicht an einem funktionierenden System für Organtransplantationen, um auch die Sorge der Menschen vor Missbrauch zu überwinden.

Das kennen wir von China: Das System entscheidet

Bisher zumindest. „Der wichtigste Grundsatz ist die Trennung der Macht“, erklärt Wang Haibo, Direktor des neuen Koordinierungszentrums in der südchinesischen Metropole Shenzhen, das bald landesweit alle Organtransplantationen organisieren wird. „Die Krankenhäuser haben keine Befugnis, ein Organ zu beantragen“, sagt der in den USA studierte Arzt, der auch Mitglied der medizinischen Fakultät der Universität Hongkong ist.

„Allein das System entscheidet, wer welches Organ bekommt“, versichert Wang Haibo. Die Verantwortung sei klar geregelt. „Die Ausgabe von Organen ist die Zuteilung von Leben.“ Deswegen müsse es „offen, transparent und gerecht“ sein, wiederholt der Direktor fast gebetsmühlenartig. Sonst werde es im Volk auch nicht akzeptiert.

Vor dem System sind angeblich alle gleich

Das System wisse nicht, ob der wartende Patient reich oder arm, ein hoher Funktionär oder Bauer sei, versichert die Datenspezialistin Jiang Wenshi. „Es sammelt keine Informationen über Einkommen, Bildung oder offizielle Stellung“, betont sie. „Das System weiß nicht, ob der Patient ein Präsident oder ein einfacher Bürger ist.“

Nach Angaben von Ärzten kostet eine Transplantation die Patienten zwischen 100.000 und 200.000 Yuan (umgerechnet 12.600 bis 25.300 Euro), ohne die 30.000 bis 50.000 Yuan für Organentnahmen sowie die Folgebehandlungen mitzurechnen. Der Mann der Bäuerin Huang Xiaoyan lieh sich das Geld von Verwandten und Freunden: „Wir haben alles hergegeben, um sie zu retten.“

Bisher sind 164 Krankenhäuser an das System angeschlossen. Künftig sollen es 300 werden. Das Pekinger Gesundheitsministerium werde „bald“ entscheiden, dass alle Kliniken, die Transplantationen vornehmen wollen, nur noch über diese Organverteilung gehen können, sagt Zentrumschef Wang Haibo. Dafür müssten sie eigene Programme für Organspenden starten und Werbung machen, damit in ihrem Krankenhaus auch mehr Organe nach Herz- oder Gehirntod gespendet werden.

Organe sollen nicht von Hingerichteten kommen

Denn eins sei klar: „Die Nutzung von Organen Hingerichteter wird von unserem System ausgeschlossen“, sagt Wang Haibo. „Kliniken bekommen keine Lizenz, wenn sie ein solches Organ nehmen.“ Keine Ausnahmen werde es geben. „Da gibt es null Toleranz“, betont Wang Haibo. Doch erscheint ungewiss, wann damit Schluss sein kann. Kliniken wurden schon aufgefordert, ihre Kooperation mit Hinrichtungsplätzen zu unterbinden. „Die Politik ist eindeutig: Wir können uns nicht mehr auf Organe exekutierter Straftäter stützen.“

Ein schwieriges Vorhaben, wie alle einräumen. Aber die Unterstützung der Bäuerin Huang Xiaoyan ist ihnen sicher: „Ich bin sehr bewegt, dass es so einen gutherzigen Menschen gab, der für mich gespendet hat“, sagt die 38-Jährige. Sie selber habe früher nie über Organspenden nachgedacht – bis ihr Leben dadurch gerettet wurde. „Ich würde andere gerne ermutigen, zur Spende bereit zu sein.“

(dpa)

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