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Oscar Pistorius: Erst Prothesen angezogen, um dann zu killen?

Jetzt offiziell: Mordanklage gegen den sechsfachen Paralympics-Sieger. Die Verteidigung beteuert Verwechslung und plädiert auf Totschlag.

Oscar Pistorius heute im Gerichtssaal von Pretoria

Oscar Pistorius heute im Gerichtssaal von Pretoria

Dienstag, 19. Februar 2013. Der Kampf des Oscar Pistorius hat begonnen. Noch vor 7 Uhr morgens war er aus der Polizeihaft ins Gerichtsgebäude in Pretoria gebracht worden. In einem völlig überfüllten Saal, der nur für etwa 40 Zuschauer vorgesehen ist, drängelten sich weit mehr als 100 Menschen, vor allem Journalisten, zu der zweitägigen Eröffnung der Verhandlungen. Anwesend waren auch die Eltern und Geschwister Aimee und Carl des südafrikanischen Sprintstars.

Die 29-jährige Reeva Steenkamp wurde in der Nacht zum Valentinstag (14. Februar 2013) im Haus ihres Freundes Oscar Pistorius erschossen. Am frühen Morgen war Pistorius verhaftet und um 8 Uhr die Leiche des toten Models abtransportiert worden.

Staatsanwalt Gerrie Nel erhob heute Vormittag in seinem Eröffnungsplädoyer Mordanklage. Pistorius habe eine „unschuldige und unbewaffnete Frau“ erschossen, sagte Staatsanwalt Gerrie Nel. Es gebe ein klares Mordmotiv, sagte Nel, ohne bereits Details zu erläutern. Laut Medien soll es sich jedoch um ein Eifersuchtsdrama handeln. Es gebe, so Nel, keine Hinweise, die die Darstellung des Angeklagten unterstützten, er habe einen Einbrecher vermutet. Damit bestätigte der Staatsanwalt erstmals Medien-Spekulationen, denen zufolge der sechsfache Paralympics-Sieger einen Eindringling im Badezimmer vermutet habe.

Laut Staatsanwalt habe das Paar sich gestritten, Steenkamp sei ins Bad gelaufen und habe sich dort eingeschlossen. Der beinamputierte Pistorius habe seine Prothesen angezogen, seine Waffe genommen und sei sieben Meter zum Badezimmer gelaufen. Dort habe er durch die Tür vier Schüsse auf seine Freundin abgegeben, von denen drei die Frau getroffen haben. Dies spreche dafür, dass er vorsätzlich gehandelt habe, sagte Staatsanwalt Nel. Eine Freilassung auf Kaution, wie von Pistorius Anwälten beantragt, lehnte er ab. Die Anklagebehörde möchte, dass der Beschuldigte bis zum Prozess in Untersuchungshaft bleibt.

Pistorius brach erneut in Tränen aus

Die Verteidigung argumentierte, dass es sich nicht um einen Mord handle, sondern plädieren auf Totschlag in einem minder schweren Fall. Nicht immer, wenn jemand zur Waffe greife, handle es sich um einen Mord, sagte der Anwalt Barry Roux. Er gehört zu einer mehrköpfigen, prominent besetzten Verteidigung, die Pistorius engagiert hat. Zu ihren zählen auch der Star-Anwalt Kenny Oldwage, der britische Medienberater Stuart Higgins und der südafrikanische Forensiker Reggie Perumal.

Pistorius habe keine Ahnung gehabt, dass es sich bei dem Menschen im Badezimmer um Reeva Steenkamp gehandelt habe, argumente Roux. Er habe gedacht, er schieße auf einen Einbrecher. Sein Mandant werde vor Gericht die Vorgänge der dramatischen Nacht vollständig schildern, der Vorwurf des „vorsätzlichen Mordes“ sei eine „Ungerechtigkeit“. Wie schon in der vergangenen Woche brach Pistorius vor Gericht in Tränen aus. Bilder des TV-Senders Sky aus dem Gerichtssaal zeigten, dass Pistorius‘ Eltern und Geschwister ebenfalls weinten.

In Port Elizabeth an der Südküste Südafrikas fand am Dienstag währenddessen ein Gedenkgottesdienst für Reeva Steenkamp statt. Nur etwa 90 Menschen durften auf Einladung der Familie an der Gedenkfeier in der Kirche des Victoria Park Friedhofs teilnehmen. Nach dem Gottesdienst sollte Steenkamp, die nach einer juristischen Ausbildung vor allem als Model und Moderatorin ihr Geld verdiente, in Anwesenheit weniger Familienmitglieder beerdigt werden.

(RP/dpa)


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