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Oscar Pistorius geisteskrank?

Richterin schickt den ehemaligen Sprint-Star in die Psychiatrie.

Archivfoto: Oscar Pistorius (Foto: dpa)

Archivfoto: Oscar Pistorius (Foto: dpa)

Der Mord-Prozess gegen Oscar Pistorius – der in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp entweder versehentlich und aus Angst vor Einbrechern oder absichtlich erschoss – nimmt eine, wie sich Beobachter einig sind, sensationelle Wendung.

Richterin Thokozile Masipa folgte heute beim 32. Prozesstag dem Antrag von Staatsanwalt Gerrie Nel (siehe auch ROLLINGPLANET-Nachrichtenticker), den ehemaligen Sprint-Star für einige Wochen in die Psychiatrie zu schicken. Dort sollen die Ärzte prüfen, ob Pistorius schuldfähig ist oder nicht.

Nimmt Pistorius hart ran: Staatsanwalt Gerrie Nel (Spitzname: „Pitbull“) (Foto: dpa)

Nimmt Pistorius hart ran: Staatsanwalt Gerrie Nel (Spitzname: „Pitbull“) (Foto: dpa)

Nicht Fürsorge, sondern Taktik ist Grund für Nels aufsehenerregenden Schachzug: Er will verhindern, dass der Angeklagte eine mögliche Verurteilung mit dem Hinweis auf Schuldunfähigkeit anfechten kann. Im Laufe des Prozesses hatten die Verteidiger die forensische Psychiaterin Merryll Vorster aufgeboten, die dem Paralympicssieger eine intensive Angststörung bescheinigte.

Wenn Behinderte beständig unruhig und ängstlich sind…

Laut Vorster schlief die Mutter von Oscar Pistorius mit einer Waffe unter dem Kopfkissen und brachte ihrem Sohn bei, seine Umwelt als bedrohlich zu empfinden. Die psychische Störung habe begonnen, als Pistorius von seinen Eltern dazu ermutigt wurde, sich trotz seiner Behinderung als völlig normal anzusehen und zu verhalten. Langfristig könne dies zu beständiger Unruhe und Ängstlichkeit führen. (ROLLINGPLANET hat gerade nachgeschaut: In unserer Redaktion rollen viele dieser beständig unruhigen Menschen herum, die so gerne normal wären.) Die Alkoholabhängigkeit der Mutter könne diese Ängste weiter verschärft haben.

Angesichts Südafrikas hoher Kriminalitätsrate „wuchsen die Kinder mit dem Konzept auf, dass die Außenwelt bedrohlich ist“. Mit dem frühen Tod der Mutter habe Pistorius 15-jährig sein einziges erwachsenes Vorbild verloren.

„Keine Definition für Geisteskrankheit“

„Es gibt im Gesetz keine Definition für Geisteskrankheit“, begründete die Richterin heute die zunächst vorübergehende Einweisung von Pistorius in eine Psychiatrie. Gerade deshalb müsse man auch auf die Meinung von Experten zurückgreifen. Das Gericht will Details der Unterbringung erst Dienstag kommender Woche verkünden.

Kommen die Psychiater zum gleichen Ergebnis wie Vorster, bekommt der Fall eine ganz andere Dimension. Dann dürfte Pistorius offiziell als schuldunfähig gelten – und auch dementsprechend ein anderes Urteil erhalten, als wenn ihm absichtlicher Mord nachgewiesen worden wäre. Wenn die Psychiater allerdings eine eindeutige Schuldfähigkeit feststellen, hat die Staatsanwaltschaft die Zeugin Vorster demontiert.

(RP)

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