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Oscar Pistorius: „Ich bin die Kugel in der Kammer“

Der Paralympics-Sieger bricht in Tränen aus +++ Gerüchte um die dunklen Seiten des gefallenen Superstars +++ Aufschrei über Titelseite der „Sun“.

Nike zieht Werbekampagne mit Pistorius zurück. Zu doppeldeutig war die Überschrift: „I am the bullet in the chamber“ („Ich bin die Kugel in der Kammer“)

Als das südafrikanische Sportidol heute Morgen vor dem Gericht in Pretoria ankam, verhüllte er seinen Kopf mit einer Jacke. Zeitweise hielt ein mitfühlender Polizist schützend ein Buch vor das Gesicht des Athleten, um Fotografen und Kameraleute an Aufnahmen zu hindern. Später im Gericht übermannten den Beschuldigten im dunkelblauen Anzug vollends die Emotionen.

Als er seine Schwester Aimee und seinen Vater Henke sah, brach er in Tränen aus. Schwer atmend verfolgte er dann das juristische Procedere. „Er ist aufgewühlt, aber es geht ihm gut“, hatte sein Anwalt zuvor gesagt. Auch wenn er kein einziges Wort sagte, wirkte Pistorius eher wie ein Mann vor dem Zusammenbruch.

Pistorius heute morgen im Gericht (Foto: AP)

Vielleicht demonstrierte der Trubel vor dem Gerichtsgebäude und im voll besetzten Saal dem 26-Jährigen endgültig, dass seine schillernde Karriere als behinderter Superstar wohl für immer vorbei ist. „Ein Leben liegt in Scherben … und seine glitzernde Zukunft ist vorbei. Der tiefe Fall von Oscar Pistorius scheint zu verheerend, um sich davon noch einmal zu erholen“, kommentierte die „Pretoria News“.

Noch sind die genauen Umstände nicht bekannt, unter denen er in der Nacht zum Donnerstag seine Freundin Reeva Steenkamp (29) mit mehreren Schüssen tödlich traf. Aber es gab an diesem Prozesstag manchen Hinweis, dass die Verteidigung inzwischen nur noch nach mildernden Umständen sucht. Die Anwälte wollen vor allem verhindern, dass Pistorius des „vorsätzlichen Mordes“ angeklagt wird. Denn das könnte eine lebenslange Strafe für den Täter bedeuten, eine vorzeitige Entlassung vor 15 Jahren wäre nach Ansicht von Juristen sehr unwahrscheinlich.

Sollte sich die Staatsanwaltschaft mit ihrer Anklage durchsetzen, steht Südafrika wohl vor einem spektakulären Prozess – vielleicht vergleichbar mit dem Verfahren gegen den ebenfalls mordverdächtigen American-Football-Star O. J. Simpson im Jahr 1994. Pistorius will nach Angaben seines Anwalts Kenny Oldwage in jedem Fall einen Antrag stellen, auf Kaution freigelassen zu werden.

Pistorius bestreite den Mordvorwurf gegen ihn „auf das Schärfste“, heißt es in einer Mitteilung, die von seiner Familie und seinem Management veröffentlicht wurde. Der Sportler drückte darin auch „sein tiefes Mitgefühl“ für die Familie der getöteten Reeva Steenkamp aus. In dem Statement, das den Fall als „schreckliche, schreckliche Tragödie“ bezeichnet, heißt es weiter: „Dies ist jetzt ein laufendes Gerichtsverfahren und es muss gewährleistet sein, dass alles seinen richtigen Gang geht durch die Untersuchungen der Polizei, Sammeln von Beweisen und durch das lokale Justizsystem Südafrikas.“

Ende einer schillernden Karriere

Viele Jahre stand er im Scheinwerferlicht. Der beinamputierte Mann mit den Karbon-Prothesen, der dennoch ein weltberühmter Sportstar wurde, genoss sichtlich den großen Auftritt auf Bühnen und rotem Teppich. Der „Blade Runner“, wie Oscar Pistorius genannt wurde, ließ sich gerne fotografieren und interviewen. Oft begleiteten ihn schöne Frauen. Am Freitag lernte die Welt einen anderen Oscar Pistorius kennen – einen tief bedrückten, aufgewühlten Mann, der einen Mord begangen haben soll. Er soll seine Freundin in der Nacht zum Donnerstag erschossen haben.

Pistorius lebte wie viele wohlhabende Südafrikaner hinter hohen Mauern und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Geschützte Luxus-Siedlungen wie das „Silverwoods Country Estate“ sind eine Reaktion auf die beängstigend hohe Kriminalität in Südafrika. Die Mordrate ist etwa 20- bis 30-fach so hoch wie in Deutschland. Kriminelle gelten in Südafrika als besonders gewaltbereit. Oft werden bei Einbrüchen nicht nur Wertgegenstände gestohlen, sondern auch die Einwohner schwer misshandelt oder gar getötet. Dabei spielen Schusswaffen eine untergeordnete Rolle – die Verbrecher bevorzugen oft Messer, Stichwaffen und Macheten. Eine öffentliche Diskussion über Waffenbesitz wie in den USA gibt es aber in dieser Form nicht.

Erster Dollar-Millionär des Behindertensports

Bei dem Pistorius-Prozess würde sicher auch deutlich, dass der beliebte Vorzeigeathlet und angeblich erste Dollar-Millionär des Behindertensports Seiten hat, die der Öffentlichkeit wenig bekannt waren. Denn in Polizeiakten finden sich auch Belege für einen recht extrovertierten Lebensstil, für seine Freude an Schusswaffen, für Eifersuchtsdramen und heftige Auseinandersetzungen mit Nebenbuhlern, sowie für Unfälle mit Motorrädern und Booten, bei denen Alkohol im Spiel gewesen sein soll.

Die meisten Südafrikaner wirken fassungslos angesichts des tiefen Falls dieses inspirierenden Athleten, der zeigte, wie man Widerstände überwindet und was mit Disziplin und Fleiß erreicht werden kann. „Wir sind sprachlos, wir können es immer noch nicht glauben“, kommentierte die „Times“. Das amerikanische Magazin hatte den Athleten noch vor kurzem zu einem der 100 einflussreichsten Menschen in der Welt gezählt.

Fassungslos reagierten seine Fans. „Oscar, wir beten für Dich, Du bist nicht alleine, bleib stark“, schrieb beispielsweise eine Anhängerin auf Pistorius‘ Facebookseite. Die Fernsehsender Südafrikas berichteten seit gestern fast ununterbrochen über den spektakulären Fall.

Umstrittenes Titelblatt der „Sun“

Titelblatt der „Sun“

Die britische Boulevardzeitung „The Sun“ hat am Freitag mit ihrer Titelseite zum Mordverdacht gegen Pistorius für einen wütenden Aufschrei im Internet gesorgt. Die Titelseite zeigt ein aufreizendes Bikini-Foto der getöteten Reeva Steenkamp. Die Überschrift neben ihrem Foto lautete: „3:00: 3 Schüsse. Schreie. Stille. 3:10: 3 weitere Schüsse“ – eine Formulierung, die an den Start eines Sprintrennens erinnert. Viele Kritiker fanden vor allem das Bikini-Foto des Mordopfers geschmacklos.

Der ehemalige stellvertretende Premierminister Großbritanniens, John Prescott, war einer der Ersten, die Kritik äußerten. „Ein neuer Tiefpunkt Ihrer Zeitung ,The Sun’. Glauben Sie wirklich, dies ist angemessen?», fragte der Labour-Politiker am Freitag via Twitter den Medienmogul Rupert Murdoch, zu dessen Medienkonzern News Corporation die ,Sun‘ gehört. Empörte Briten starteten zudem eine Unterschriftenaktion mit der Aufforderung, die ,Sun‘ müsse sich für die „geschmacklose Titelseite“ entschuldigen.

Die ,Sun‘ teilte auf Anfrage in einer Stellungnahme mit, die Redaktion habe sich die Veröffentlichung der Geschichte „sorgfältig überlegt“. Ein ähnliches Foto hatte am Freitag auch das Boulevardblatt „Daily Star“ auf dem Titel.

Inzwischen hat der US-Sportartikelhersteller Nike eine Werbekampagne mit Pistorius zurückgezogen. Dies berichtet die britische Zeitung „The Telegraph“. Der Sportausrüster nahm demnach Plakate und Bilder vom Markt, die Pistorius in einem Startblock zeigen. Der Slogan war nach den Vorfällen untragbar geworden, er lautete: „Ich bin die Kugel in der Kammer“ („I am the bullet in the chamber“).

(RP/dpa)


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1 Kommentar

  • Eva Geduhn

    Hallo,
    ich war echt geschockt als ich die Nachricht im TV sah und konnte es kaum glauben. Oscar Pistorius war und ist für viele von uns gehandicapten ein echtes Idol. Nun zu hören und zu sehen was hinter der Fasade dieses Mannes steckt ist schockierend.

    15. Februar 2013 at 16:16

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