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Oscar Pistorius: Marathon für einen Sprinter

Der sechsfache Paralympics-Sieger kommt gegen eine Kaution von 85.000 Euro frei. Ein Sieg ist das noch lange nicht. Ein posthum veröffentlichtes Interview mit Reeva Steenkamp sorgt für Schlagzeilen.

Die neue Ausgabe des südafrikanischen Frauenmagazins "Heat" veröffentlicht ein Interview mit dem Todesopfer Reeva Steenkamp

Die neue Ausgabe des südafrikanischen Frauenmagazins „Heat“ veröffentlicht ein Interview mit Reeva Steenkamp, das diese eine Woche vor ihrem Tod gab.

Seine Familienangehörigen und Verteidiger jubelten und schrien auf, ein „Yes“ erklang aus dem Zuschauerraum, als Richter Desmond Nair um 16.21 Uhr Ortszeit (15.21 Uhr MEZ) sagte: „Würde es öffentliche Empörung auslösen, Oscar Pistorius auf Kaution freizulassen? Ich glaube nicht. Pistorius wird gegen Kaution freigelassen“.

Dies ist das Ergebnis einer fünftägigen Anhörung, bei der es sich – wie oftmals falsch vermutet – nicht um den eigentlichen Prozess handelt, sondern um die Frage, ob Oscar Pistorius (26) die kommenden Monate bis zur und während der Gerichtsverhandlung außerhalb der Untersuchungshaftzelle verbringen darf. Pistorius wird vorgeworfen, seine Freundin Reeva Steenkamp († 29) in der Nacht zum 14. Februar 2013 ermordet zu haben. Der sechsfache Paralympics-Sieger leugnet jeden Vorsatz und beharrt darauf, dass es sich um ein Versehen handelte.

Die Polizei hatte argumentiert, dass bei Pistorius Fluchtgefahr besteht – unter anderem weil er ein Haus in Italien besitze und über ein internationales Netzwerk verfüge (nicht mit allen Ländern unterhält Südafrika ein Auslieferungsabkommen). Die Staatsanwaltschaft und Verteidigung lieferten sich darüber einen heftigen Disput: Kann Pistorius trotz seiner Behinderung jederzeit fliehen? Oder ist gerade durch die Beinprothesen und den Bekanntheitsgrad des Sportlers ein Verschwinden fast ausgeschlossen?

Erneut Kritik an Polizei

Für das italienische Immobilien-Argument wurde die Polizei ebenso wie für viele andere Details in ihrer Ermittlungsarbeit (ROLLINGPLANET berichtete: Dramatische Wende im Fall Pistorius: Jetzt wird es bizarr) heute vom Richter gerüffelt: Die Beamten, so das Gericht, hätten Interpol einschalten müssen, um zu klären, ob es ein solches Anwesen tatsächlich gibt. Im Hinblick auf den gestern abgesetzten und durch Vineshkumar Moonoo ersetzten Chefermittler Hilton Botha, der selbst unter Verdacht steht wegen siebenfachen versuchten Mordes bei einem Polizeieinsatz im Jahr 2009, sagte das Gericht: „Was wirklich wichtig ist: Die südafrikanische Polizei hätte einen hochrangigen Beamten schicken sollen, um einen solchen Fall zu bearbeiten.“

Als gesichertes Vermögen von Oscar Pistorius gelten laut Gericht drei Häuser, Schmuck und Autos. Dazu kommt ein jährliches Einkommen von 5 Millionen Rand, rund 500.000 Euro. Aufgrund dieser Bemessungsgrundlage wurde eine Kaution von 85.000 Euro festgelegt. Medien hatten zuvor spekuliert, dass Pistorius im vergangenen Jahr 3,5 Millionen Euro verdient hatte.

Die Freilassung ist verbunden mit Auflagen: Pistorius muss alle Pässe und Waffen abgeben, darf keinen Flughafen betreten, nicht mit Zeugen und Nachbarn sprechen, keinen Alkohol trinken und sein Haus nicht betreten, er muss Tag und Nacht telefonisch erreichbar sein. Pretoria darf er jedoch mit Erlaubnis verlassen.

Ebenfalls anders als von Medien dargestellt – die unmittelbar nach dem Tod von Steenkamp Ex-Freundinnen von Pistorius zitierten, die ein schlechtes Licht auf den gefallenen Star werfen und ein Eifersuchtsrama als Motiv annahmen – wurde heute die Privatperson Pistorius beschrieben: Das Gericht wiederholte Zeugenaussagen von Pistorius’ Freunden, die ihn alle als herzlichen, gut erzogenen Menschen und seine Beziehung zu Reeva Steenkamp als liebevoll bezeichneten.

“Ich respektiere und bewundere Oscar“

Makaber: Das südafrikanische Frauenmagazin „Heat“ veröffentlicht in seiner aktuellen Ausgabe ein Interview mit Reeva Steenkamp, das diese vor ihrem Tod gab und in dem sie über ihre Beziehung zu Oscar Pistorius spricht. „Ich respektiere und bewundere Oscar“, sagte das Model. „Ich möchte nicht, dass irgendetwas seine Karriere behindert.“ Daher habe es seine Beziehung zu dem Starathleten so lange verheimlicht: „Ich hatte Angst, dass Lügen (aus den Medien) über uns seinen Ruf gefährden.“ Die beiden waren offiziell erst seit November ein Paar. Die studierte Juristin sagte in dem Gespräch mit dem Magazin auch, dass sie nicht länger als Unterwäschemodel arbeiten, sondern als „klassisches Model“ wahrgenommen werden wolle: „Ich versuche mich von dem FHM-Stigma wegzubewegen.“

Mindestens ein Mann, der heute im Gerichtssaal saß, ist von der Unschuld des Leichtathletik-Stars fest überzeugt: sein Trainer Ampie Louw. Er kündigte an, ab Montag wieder mit dem Sportler trainieren zu wollen. Um dessen „Kopf frei zu kriegen“. So sehr sich die verbliebenen Pistorius-Fans auch freuen mögen: Für den Sprinter hat der Marathon erst begonnen. Am 4. Juni soll der Prozess eröffnet werden.

(RP/SP/mit Quellen von twitter)


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